Kapitel 2

Lesedauer 9 Minuten

Nahezu alle Depressiven, die ich in der Klinik kennenlernte, hatten eins gemeinsam. Sie kannten aus dem Nachtprogramm den Maler Bob Ross. Wer an dieser Stelle wissend nickt, weiß, was ich meine. Depressionen sind schwer zu beschreiben. Ich fuhr mal einen Mercedes, dessen Motorelektronik wegen eines Defekts in ein Notlaufprogramm schaltete. Wie stark ich auch auf das Gaspedal trat, der Wagen fuhr nicht schneller als 80 km/h. Ähnlich empfand ich meinen eigenen Zustand. Ich warf mir selbst Faulheit vor. Aber es ging einfach nicht. Da war keine Energie mehr, die Maschine verweigerte die Annahme jeglicher Befehle. Das ging eine Weile, bis plötzlich Aggressionen durchbrachen, die von bleischwerer Passivität abgelöst wurden. Ich brachte es fertig, vor dem Fernseher an der Stelle der Wiederholung aufzuwachen, an der ich Stunden zuvor eingeschlafen war. Und wie beim „Leuchtenden Briefkasten“ stellte ich fest, dass ich nicht alleine bin. Es ist erstaunlich, welche Vermeidungsstrategien Betroffene erfinden.
Ich lernte einen Typen kennen, der sich über die Depressionen diverse Angststörungen einfing. Irgendwann war es ihm nicht mehr möglich, die Wohnung zu verlassen. Für den Leiter eines pharmazeutischen Betriebes in mehrfacher Hinsicht ein schwerwiegendes Problem. Der Mann saß direkt an der Quelle. Zu den Angststörungen gesellte sich schnell eine Tablettenabhängigkeit. Über Jahre hinweg verlagerte er alle Geschäftsaktivitäten in sein Privathaus.

Alles, was er zum Leben benötigte, bestellte er Online. Bei unvermeidbaren Meetings, bestieg er in der Garage ein Wohnmobil, ließ sich direkt vor dem Ort des Treffens absetzen und enterte es wieder sofort nach dem Ende. Geld kann bei Depressionen und Angststörungen recht hilfreich sein, ist aber auf Dauer keine Lösung. Spannend finde ich hierzu die Entwicklung bei Corona. Mich würde nicht wundern, wenn manch ein Phobiker konstatiert: „Ich hab’s Euch doch immer gesagt!“ Was eben abstrakt war und das Leben erschwerte, beginnt Normalität zu werden. Soziale Distanzierung, zu Hause bleiben, Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf ein Minimum zu reduzieren, Türen mit den Ellenbogen zu öffnen, sich nicht ins Gesicht fassen, solche Sachen gehören für jeden Phobiker zum Alltag. Aber dieses zu Hause bleiben und für eine Weile seine Kontakte einzuschränken hat auch etwas Gutes. Man kommt zum Nachdenken. Dies kann schmerzhaft sein.

Ich bin mir sicher, dass einige innerhalb der Pandemie feststellten, wie bewusst sie dieses Nachdenken vermieden haben. Corona hat einige ausgebremst und zum rechts heranfahren gezwungen. Wer immer unter Strom steht, kommt nicht zum Denken. Es ist wie auf der Autobahn. Der Blick ist auf die Ferne eingestellt. Ab und zu sieht man im Rückspiegel, wo man vorbeigefahren ist und alles auf gleicher Höhe geht unter. In der Klinik und von anderer Seite her wurde mir gesagt, ich solle Achtsamkeit trainieren.
Was sollte das sein? Achtsamkeit? In all den Tagen der Unfähigkeit etwas zu tun, lernte ich die Bedeutung. Gemeint ist die Wahrnehmung der Gegenwart. Nicht das Gestern oder was innerhalb der nächsten Tage passieren könnte. Nicht was sich letzte Woche ereignete, ist das Leben. Auch nicht was für die nächste Woche geplant ist. Jetzt hier in diesem Augenblick findet das Leben statt. Nach einer gewissen Zeit widmete ich mich einer Aufgabe.
Sie klingt einfach. Ich setzte mich zwanzig Minuten lang auf meine Hände und zwang mich dazu, nichts zu tun. Genauer gesagt, benötigte ich volle zwei Wochen um die zwanzig Minuten durchzuhalten. Eine merkwürdige Sache. Kaum zwingt man sich dazu nichts zu tun, geht es mit der Unruhe los.
Eines Abends tauchten aus den Tiefen meines Bewusstseins die Erinnerungen an die Erlebnisse einer zwei Monate andauernden Wanderung auf. Fünf Jahre zuvor war ich zusammen mit einem Freund durch die Pyrenäen gewandert. Warum hatte ich alles wieder vergessen? Kaum ein halbes Jahr später war ich wieder im alten Trott gelandet.

Wie war das? Ein Wanderrucksack ist wie das Leben. Desto mehr unnütze Dinge man mitschleppt, umso beschwerlicher wird der Weg.

Den genauen Tag hab ich vergessen, aber ich kann mich genau daran erinnern, wie es war.
Ich saß mit einem Glas Whisky auf der Couch und schaute mich um. Bücher, alte Platten, kitschige Staubfänger, von mir selbst gemalte Bilder, eine Unmenge Klamotten, hatten sich angesammelt. Wie hatte ich zwei Monate mit den Sachen aus einem Rucksack gelebt? Das hatte ich doch mal alles anders geplant? Transsibirische Eisenbahn! Ich habe keine Ahnung, wie die Idee mit einem Mal in meinem Kopf kam. Sie war plötzlich da. Aufstehen, den Rucksack packen und los. Ich begann mich im Internet zu informieren. Überall las ich, dass man nicht einfach in den Zug einsteigen kann, um dann eine der längsten Bahnstrecken der Welt zu fahren. Was sollte daran kompliziert sein ein Ticket zu kaufen und ein paar Tage mit der Bahn zu fahren? Berlin, Moskau, Ulaan Bator, nächste Station unbekannt.

Im Durchschnitt sterben deutsche Männer nach 79 Lebensjahren. Das sind 28.835 Tage. Mit dem fünften Lebensjahr sind die ersten 1.825 Tage verstrichen. Meine Schulzeit endete 6.935 Tage nach meiner Geburt. Als ich geschieden wurde, war ich 14.600 Tage auf der Welt und davon arbeitete ich zu diesem Zeitpunkt 6.935 Tage bei der Polizei. Insgesamt wurden es 11.680 Tage. Als ich auf der Couch saß, waren um die 18.250 Tage meines Lebens vorbei.

Bei der günstigen Annahme den Durchschnitt zu erreichen, blieben demnach maximal 10.585 Tage übrig. Diese Zahlen sind ein wenig sperrig. Einfacher vorzustellen ist ein DIN-A4-Blatt (29,7 cm), von dem man 18,25 cm abschneidet. Berücksichtigt man die Tage der frühen Kindheit, bleibt die Länge einer Filterzigarette übrig. Ja, ich tat genau das. Ein Blatt falten und auf den Rest legte ich eine Zigarette.

Selbstverständlich scheidet man nicht mal eben spontan aus dem Polizeidienst aus. Klinik, Psychosomatik, bedeuten erst einmal eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit mit ungewissem Ausgang. Eines Tages wird die Gretchenfrage nach der Frühpensionierung gestellt, welche erhebliche finanzielle Einbußen mit sich bringt. Ich stellte mir einen Mann vor, den ich auf der Straße treffe. Was würde ich antworten, wenn er mir folgendes Angebot unterbreitete?

“Ich gebe Dir die Möglichkeit, alles hinter Dich lassen zu können. Du hast Dein Ding gemacht. Ich verkaufe Dir die Zigarettenlänge. Ob es tatsächlich noch eine ist, kannst weder Du, noch ich wissen! Es kann durchaus ein wenig mehr sein. Was wäre Dir das wert? Die Hälfte von dem, was Du jetzt bekommst?” Ich nahm das Angebot an. Und ich habe bisher keinen Tag bereut. Jeden Monat stell ich mir vor, die Hälfte meines alten Gehalts in Lebenszeit zu investieren. Sie bekommt damit einen anschaulichen Wert. Ich dachte mir, wenn ich schon soviel Geld dafür ausgebe, sollte ich sie auch nutzen.

Zweiter Abschnitt

Die Reise beginnt ...

Einen Monat später stieg ich am frühen Abend in Moskau aus einem Flugzeug, um dann vier Stunden später in einem Ungetüm aus einer längst vergangenen Zeit zu landen. Das eiserne Ungetüm von einem Zug und ich passten zusammen. Noch immer haderte ich mit meinem Schicksal. Immer noch kam es mir vor, als wenn ich aus der Zeit gefallen war. Meine Werte, meine Vorstellungen vom Leben, wie eine Gesellschaft zu funktionieren hätte, fand ich mich in der umgebenden Realität nicht wieder. Alles an dem Zug war „Siebziger Jahre“. Ich hatte mich auf ein Abteil mit drei Mitreisenden eingerichtet. Der Reisende kann zwischen einem Vier – Bett – Abteil und einem etwas besser ausgestatteten mit zweien wählen. Aber es sollte anders kommen. Vom ersten bis zum fünften Tag hatte ich das Abteil für mich alleine.

Für Russen ist die Transsibirische Eisenbahn in erster Linie eine normale Bahnlinie, die kaum einer auf der vollen Strecke nutzt. Im Kleinen wie die Linie Berlin – Hannover – Amsterdam. Fernreisende sind selten, die nehmen das Flugzeug. Doch bei dieser langen Strecke nähert man sich erst über die vielen Stationen seinem Ziel, um sich dann in der zweiten Hälfte der Fahrt vom Herkunftsort zu entfernen. In Moskau überkam mich noch regelmäßig die Panik, ob ich wirklich alles hatte. Wo ist die Kreditkarte? Wo war doch gleich das zweite Telefon? Habe ich die Fahrkarte?

 

In den letzten zwei Tagen gesellte sich abends ausgerechnet ein schwäbischer Lehrer einer Waldorfschule zu mir. Sein Vater, Kirchenleiter einer Freikirche in der Nähe von Stuttgart war gestorben. Beinahe wäre er ihm mit gebrochenen Herzen gefolgt. Die beiden musste eine innige Beziehung miteinander verbunden haben. Doch dies war nicht sein einziges Problem. Der Typ hatte kein eigenes Leben. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen seiner Herzattacke und zusätzlich plagten ihn die möglichen Vorwürfe seiner Kollegen, weil er die Fahrt mit der Transsibirischen unternahm. Obendrauf kam die Verlogenheit der Gemeinde, die ihn niemals akzeptiert hatte, obwohl er sich selbst als einen gläubigen Kirchgänger betrachtete. Stunde für Stunde klagte er mir sein Leid. Als Gegenleistung für mein Zuhören organisierte er Tütensuppen, die wir mit dem Heißwasser aus dem Samowar am Ende des Ganges aufgossen. Ebenfalls eins dieser Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Der Samowar ist Teil des Heizungssystems, dessen Wasser von den chinesischen Schaffnern mit einem archaischen Kohleofen erhitzt wird. Der Schwabe klagte nicht im eigentlichen Sinne. Es war mehr eine Mischung aus Vorwurf und Unverständnis für meine Haltung, an die er bedauernd seine eigene Lebenshaltung als Gegenentwurf hängte.

 

Ich hatte von der Fahrt etwas anderes erwartet. Mir schwebten Gespräche mit Weltreisenden vor, während der Zug Kilometer für Kilometer die dramatische russische Weite durchquerte. Stattdessen hörte ich ihm zu. Trotzdem kam es in mir zu einer kleinen unmerklichen Wandlung. Ich entfernte mich von etwas Unbestimmbaren. Normalerweise fahren Reisende mit der Transsib, weil sie das Ereignis in sich selbst ist. Mit dieser Einstellung bin ich mal in der Schweiz mit dem Glacier Express gefahren. Hin in der Ersten Klasse, zurück in der zweiten Klasse. Ich empfehle auf den historischen Zug zu verzichten und gleich ein Ticket zweiter Klasse für den modernen Zug zu nehmen. Durch das Panoramadach sieht man mehr. Der historische Zug ist etwas für Eisenbahnfreaks.

Was einem die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn bedeutet, ist individuell und hängt von diversen Faktoren ab. Neben dem Schwaben traf ich einige Backpacker, bei denen ich mich fragte, ob sie in der Koje sich in der virtuellen Welt verlierend, überhaupt etwas von der Fahrt mitbekamen. Für andere war sie ebenfalls der Beginn einer langen Reise mit unbestimmtem Ausgang. Dann waren da die Fotografen, welche die Fahrt durch die Linse der Kamera sahen, dabei das Ambiente des Zugs verpassten. Im nächsten Kapitel werde ich darüber schreiben, welche Bedeutung sie für mich bekam. Dem Kapitel hier füge ich ein paar praktische Tipps für Interessierte bei.

  • Zwischen den Zwei – Bettabteilen befindet sich eine kleine Dusche. Wer im Vierer – Abteil reist, muss sich auf eine Katzenwäsche in der Toilette beschränken. Da jeder Waggon von zwei Schaffnern betreut wird, welche die Toiletten selbst nutzen, sind sie sehr sauber.
  • Die Schaffner liefern sich untereinander einen Wettstreit, wer den wärmsten Waggon hat. Saloppe Kleidung ist von Vorteil.
  • In Reiseprospekten wird oftmals der Speisewagen in den höchsten Tönen gelobt. Bei den Zügen wird zwischen russischen und chinesischen unterschieden. Ich hatte einen unter chinesischer Regie, aber die Speisewagenbetreiberin war eine Russin. Einzig empfehlenswert war die überteuerte Soljanka, die beim Schwanken des Zugs, einige Geschicklichkeiten abfordert.
  • Ich hatte mein Bargeld in Rubel und US Dollar aufgeteilt. Der Umrechnungskurs im Zug ist nicht gerade empfehlenswert, ausreichende Rubel zahlen sich aus.
  • Etwa einen Tag hinter Moskau warten auf den Bahnhöfen (ca. 15 Minuten – Halt) fliegende Händler mit Würsten, Obst und allerlei anderen Landprodukten.
  • Mit dem Samowar steht rund um die Uhr heißes Wasser zur Verfügung. Es empfiehlt sich Tütensuppen, Instant Kaffee und Tee mitzunehmen.
  • Die Decken sind nicht die saubersten. Wer empfindlich ist, sollte sich einen baumwollenen Herbergsschlafsack mitnehmen.
  • Die Scheiben sind in der Regel schmutzig. Wer Fotos machen will, sollte an einen Scheibenabzieher denken. Touristen, die den Aufenthalt zum Putzen nutzen, sind ein gängiges Bild.
  • Mit Englisch kommt man in Russland nicht weiter. Ich hatte ein „Ohne Wörter – Buch“ mit Bildern zum Zeigen dabei. Überhaupt eine sinnvolle Anschaffung für Reisende.
  • Bei den Schaffnern kann man darum bitten das Tablett und das Smartphone in der Küche aufzuladen.

VORSICHT: Eine Station vor der Grenze zur Mongolei wird es etwas unübersichtlich. Auf dem Bahnsteig treiben sich jede Menge zwielichtige Gestalten herum. Bei den meisten handelt es sich um fragwürdige Devisenhändler und Schmuggler. Leute meines Alters können sich an die Grenzkontrollen zur DDR erinnern. Die Kontrolle an der Mongolischen Grenze versetzt einen in die Zeit zurück, da ist es übel, wenn im Abteil plötzlich Dinge auftauchen, die da nicht hingehören. Mein Abteil wurde komplett zerlegt und von einem Spürhund beschnüffelt.