TROELLE

Texte & Cartoons, für offene Menschen und Reisende est. 1999

In den letzten zwei Tagen gesellte sich abends ausgerechnet ein schwäbischer Lehrer einer Waldorfschule zu mir. Sein Vater, Kirchenleiter einer Freikirche in der Nähe von Stuttgart war gestorben. Beinahe wäre er ihm mit gebrochenen Herzen gefolgt. Die beiden musste eine innige Beziehung miteinander verbunden haben. Doch dies war nicht sein einziges Problem. Der Typ hatte kein eigenes Leben. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen seiner Herzattacke und zusätzlich plagten ihn die möglichen Vorwürfe seiner Kollegen, weil er die Fahrt mit der Transsibirischen unternahm. Obendrauf kam die Verlogenheit der Gemeinde, die ihn niemals akzeptiert hatte, obwohl er sich selbst als einen gläubigen Kirchgänger betrachtete. Stunde für Stunde klagte er mir sein Leid. Als Gegenleistung für mein Zuhören organisierte er Tütensuppen, die wir mit dem Heißwasser aus dem Samowar am Ende des Ganges aufgossen. Ebenfalls eins dieser Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Der Samowar ist Teil des Heizungssystems, dessen Wasser von den chinesischen Schaffnern mit einem archaischen Kohleofen erhitzt wird. Der Schwabe klagte nicht im eigentlichen Sinne. Es war mehr eine Mischung aus Vorwurf und Unverständnis für meine Haltung, an die er bedauernd seine eigene Lebenshaltung als Gegenentwurf hängte.

Ich hatte von der Fahrt etwas anderes erwartet. Mir schwebten Gespräche mit Weltreisenden vor, während der Zug Kilometer für Kilometer die dramatische russische Weite durchquerte. Stattdessen hörte ich ihm zu. Trotzdem kam es in mir zu einer kleinen unmerklichen Wandlung. Ich entfernte mich von etwas Unbestimmbaren. Normalerweise fahren Reisende mit der Transsib, weil sie das Ereignis in sich selbst ist. Mit dieser Einstellung bin ich mal in der Schweiz mit dem Glacier Express gefahren. Hin in der Ersten Klasse, zurück in der zweiten Klasse. Ich empfehle auf den historischen Zug zu verzichten und gleich ein Ticket zweiter Klasse für den modernen Zug zu nehmen. Durch das Panoramadach sieht man mehr. Der historische Zug ist etwas für Eisenbahnfreaks.

Was einem die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn bedeutet, ist individuell und hängt von diversen Faktoren ab. Neben dem Schwaben traf ich einige Backpacker, bei denen ich mich fragte, ob sie in der Koje sich in der virtuellen Welt verlierend, überhaupt etwas von der Fahrt mitbekamen. Für andere war sie ebenfalls der Beginn einer langen Reise mit unbestimmtem Ausgang. Dann waren da die Fotografen, welche die Fahrt durch die Linse der Kamera sahen, dabei das Ambiente des Zugs verpassten. Im nächsten Kapitel werde ich darüber schreiben, welche Bedeutung sie für mich bekam. Dem Kapitel hier füge ich ein paar praktische Tipps für Interessierte bei.


Reisetipps (Corona wird ein Ende haben)

  • Zwischen den Zwei – Bettabteilen befindet sich eine kleine Dusche. Wer im Vierer – Abteil reist, muss sich auf eine Katzenwäsche in der Toilette beschränken. Da jeder Waggon von zwei Schaffnern betreut wird, welche die Toiletten selbst nutzen, sind sie sehr sauber.
  • Die Schaffner liefern sich untereinander einen Wettstreit, wer den wärmsten Waggon hat. Saloppe Kleidung ist von Vorteil.
  • In Reiseprospekten wird oftmals der Speisewagen in den höchsten Tönen gelobt. Bei den Zügen wird zwischen russischen und chinesischen unterschieden. Ich hatte einen unter chinesischer Regie, aber die Speisewagenbetreiberin war eine Russin. Einzig empfehlenswert war die überteuerte Soljanka, die beim Schwanken des Zugs, einige Geschicklichkeiten abfordert.
  • Etwa einen Tag hinter Moskau warten auf den Bahnhöfen (ca. 15 Minuten – Halt) fliegende Händler mit Würsten, Obst und allerlei anderen Landprodukten.
  • Mit dem Samowar steht rund um die Uhr heißes Wasser zur Verfügung. Es empfiehlt sich Tütensuppen, Instant Kaffee und Tee mitzunehmen.
  • Die Decken sind nicht die saubersten. Wer empfindlich ist, sollte sich einen baumwollenen Herbergsschlafsack mitnehmen.
  • Die Scheiben sind in der Regel schmutzig. Wer Fotos machen will, sollte an einen Scheibenabzieher denken. Touristen, die den Aufenthalt zum Putzen nutzen, sind ein gängiges Bild.
  • Mit Englisch kommt man in Russland nicht weiter. Ich hatte ein „Ohne Wörter – Buch“ mit Bildern zum Zeigen dabei. Überhaupt eine sinnvolle Anschaffung für Reisende.
  • Bei den Schaffnern kann man darum bitten das Tablett und das Smartphone in der Küche aufzuladen.
  • Ich hatte mein Bargeld in Rubel und US Dollar aufgeteilt. Der Umrechnungskurs im Zug ist nicht gerade empfehlenswert, ausreichende Rubel zahlen sich aus.
  • VORSICHT: Eine Station vor der Grenze zur Mongolei wird es etwas unübersichtlich. Auf dem Bahnsteig treiben sich jede Menge zwielichtige Gestalten herum. Bei den meisten handelt es sich um fragwürdige Devisenhändler und Schmuggler. Leute meines Alters können sich an die Grenzkontrollen zur DDR erinnern. Die Kontrolle an der Mongolischen Grenze versetzt einen in die Zeit zurück, da ist es übel, wenn im Abteil plötzlich Dinge auftauchen, die da nicht hingehören. Mein Abteil wurde komplett zerlegt und von einem Spürhund beschnüffelt.
%d Bloggern gefällt das: