TROELLE

Texte & Cartoons, für offene Menschen und Reisende est. 1999

Von der Couch in die Mongolei

Nahezu alle Depressiven, die ich in der Klinik kennenlernte, hatten eins gemeinsam. Sie kannten aus dem Nachtprogramm den Maler Bob Ross. Wer an dieser Stelle wissend nickt, weiß, was ich meine. Depressionen sind schwer zu beschreiben. Ich fuhr mal einen Mercedes, dessen Motorelektronik wegen eines Defekts in ein Notlaufprogramm schaltete. Wie stark ich auch auf das Gaspedal trat, der Wagen fuhr nicht schneller als 80 km/h. Ähnlich empfand ich meinen eigenen Zustand. Ich warf mir selbst Faulheit vor. Aber es ging einfach nicht. Da war keine Energie mehr, die Maschine verweigerte die Annahme jeglicher Befehle. Das ging eine Weile, bis plötzlich Aggressionen durchbrachen, die von bleischwerer Passivität abgelöst wurden. Ich brachte es fertig, vor dem Fernseher an der Stelle der Wiederholung aufzuwachen, an der ich Stunden zuvor eingeschlafen war. Und wie beim „Leuchtenden Briefkasten“ stellte ich fest, dass ich nicht alleine bin. Es ist erstaunlich, welche Vermeidungsstrategien Betroffene erfinden.
Ich lernte einen Typen kennen, der sich über die Depressionen diverse Angststörungen einfing. Irgendwann war es ihm nicht mehr möglich, die Wohnung zu verlassen. Für den Leiter eines pharmazeutischen Betriebes in mehrfacher Hinsicht ein schwerwiegendes Problem. Der Mann saß direkt an der Quelle. Zu den Angststörungen gesellte sich schnell eine Tablettenabhängigkeit. Über Jahre hinweg verlagerte er alle Geschäftsaktivitäten in sein Privathaus.

Alles, was er zum Leben benötigte, bestellte er Online. Bei unvermeidbaren Meetings, bestieg er in der Garage ein Wohnmobil, ließ sich direkt vor dem Ort des Treffens absetzen und enterte es wieder sofort nach dem Ende. Geld kann bei Depressionen und Angststörungen recht hilfreich sein, ist aber auf Dauer keine Lösung. Spannend finde ich hierzu die Entwicklung bei Corona. Mich würde nicht wundern, wenn manch ein Phobiker konstatiert: „Ich hab’s Euch doch immer gesagt!“ Was eben abstrakt war und das Leben erschwerte, beginnt Normalität zu werden. Soziale Distanzierung, zu Hause bleiben, Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf ein Minimum zu reduzieren, Türen mit den Ellenbogen zu öffnen, sich nicht ins Gesicht fassen, solche Sachen gehören für jeden Phobiker zum Alltag. Aber dieses zu Hause bleiben und für eine Weile seine Kontakte einzuschränken hat auch etwas Gutes. Man kommt zum Nachdenken. Dies kann schmerzhaft sein.

Ich bin mir sicher, dass einige innerhalb der Pandemie feststellten, wie bewusst sie dieses Nachdenken vermieden haben. Corona hat einige ausgebremst und zum rechts heranfahren gezwungen. Wer immer unter Strom steht, kommt nicht zum Denken. Es ist wie auf der Autobahn. Der Blick ist auf die Ferne eingestellt. Ab und zu sieht man im Rückspiegel, wo man vorbeigefahren ist und alles auf gleicher Höhe geht unter. In der Klinik und von anderer Seite her wurde mir gesagt, ich solle Achtsamkeit trainieren.
Was sollte das sein? Achtsamkeit? In all den Tagen der Unfähigkeit etwas zu tun, lernte ich die Bedeutung. Gemeint ist die Wahrnehmung der Gegenwart. Nicht das Gestern oder was innerhalb der nächsten Tage passieren könnte. Nicht was sich letzte Woche ereignete, ist das Leben. Auch nicht was für die nächste Woche geplant ist. Jetzt hier in diesem Augenblick findet das Leben statt. Nach einer gewissen Zeit widmete ich mich einer Aufgabe.
Sie klingt einfach. Ich setzte mich zwanzig Minuten lang auf meine Hände und zwang mich dazu, nichts zu tun. Genauer gesagt, benötigte ich volle zwei Wochen um die zwanzig Minuten durchzuhalten. Eine merkwürdige Sache. Kaum zwingt man sich dazu nichts zu tun, geht es mit der Unruhe los.
Eines Abends tauchten aus den Tiefen meines Bewusstseins die Erinnerungen an die Erlebnisse einer zwei Monate andauernden Wanderung auf. Fünf Jahre zuvor war ich zusammen mit einem Freund durch die Pyrenäen gewandert. Warum hatte ich alles wieder vergessen? Kaum ein halbes Jahr später war ich wieder im alten Trott gelandet.

Wie war das? Ein Wanderrucksack ist wie das Leben. Desto mehr unnütze Dinge man mitschleppt, umso beschwerlicher wird der Weg.

Den genauen Tag hab ich vergessen, aber ich kann mich genau daran erinnern, wie es war.
Ich saß mit einem Glas Whisky auf der Couch und schaute mich um. Bücher, alte Platten, kitschige Staubfänger, von mir selbst gemalte Bilder, eine Unmenge Klamotten, hatten sich angesammelt. Wie hatte ich zwei Monate mit den Sachen aus einem Rucksack gelebt? Das hatte ich doch mal alles anders geplant? Transsibirische Eisenbahn! Ich habe keine Ahnung, wie die Idee mit einem Mal in meinem Kopf kam. Sie war plötzlich da. Aufstehen, den Rucksack packen und los. Ich begann mich im Internet zu informieren. Überall las ich, dass man nicht einfach in den Zug einsteigen kann, um dann eine der längsten Bahnstrecken der Welt zu fahren. Was sollte daran kompliziert sein ein Ticket zu kaufen und ein paar Tage mit der Bahn zu fahren? Berlin, Moskau, Ulaan Bator, nächste Station unbekannt.

Im Durchschnitt sterben deutsche Männer nach 79 Lebensjahren. Das sind 28.835 Tage. Mit dem fünften Lebensjahr sind die ersten 1.825 Tage verstrichen. Meine Schulzeit endete 6.935 Tage nach meiner Geburt. Als ich geschieden wurde, war ich 14.600 Tage auf der Welt und davon arbeitete ich zu diesem Zeitpunkt 6.935 Tage bei der Polizei. Insgesamt wurden es 11.680 Tage. Als ich auf der Couch saß, waren um die 18.250 Tage meines Lebens vorbei.

Bei der günstigen Annahme den Durchschnitt zu erreichen, blieben demnach maximal 10.585 Tage übrig. Diese Zahlen sind ein wenig sperrig. Einfacher vorzustellen ist ein DIN-A4-Blatt (29,7 cm), von dem man 18,25 cm abschneidet. Berücksichtigt man die Tage der frühen Kindheit, bleibt die Länge einer Filterzigarette übrig. Ja, ich tat genau das. Ein Blatt falten und auf den Rest legte ich eine Zigarette.

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