April 5 2022

Gedanken über den Krieg

Lesedauer 12 Minuten

Militärische Intelligenz ist ein Widerspruch in sich.

Groucho Marx
Komiker, Schauspieler, Satiriker

Mit dem Ukraine-Krieg wird wieder einmal ein Krieg geführt, der für die Betroffenen im Kriegsgebiet furchtbar ist, sich aber gleichzeitig in den Industriestaaten zum Unterhaltungsprogramm entwickelt. Was mit den Golfkriegen begann, findet seine weiterentwickelte Fortsetzung. Überall werden Bilder des Krieges gezeigt. Fliehende Menschen, Leichen, kämpfende Soldaten, Politiker und Kriegsherren, die ihre eigenen “Wahrheiten” verkaufen, sind überall im Fernsehen, im Netz und auf den Social Media Plattformen zu sehen. Dabei fallen mehrere Sachen auf. Der Ukraine-Krieg ist einer von mehreren Kriegen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart. Über keinen anderen wurde und wird in dieser Intensität berichtet. Alles, was dort in der Ukraine passiert, geschieht an anderen Orten ebenfalls. Allein schon der unterschiedliche Umgang mit den Fliehenden, ist auffällig. Augenscheinlich werden die aus Syrien und vom afrikanischen Kontinent kommenden Kriegsflüchtlinge anders aufgenommen und behandelt. Krieg ist ein Oberbegriff für Töten, Vergewaltigungen, Zerstörungen, Elend, Verstümmelung, Grausamkeiten, Traumatisierung über Generationen hinweg. Krieg muss seitens der Kriegsherren verkauft werden. Das Geschehen kostet Geld, fordert Menschenleben, hat langfristige Folgen und kostet ganze Völker das Ansehen.

Der spärlich behaarte Affe …

Seit die spärlich behaarten Primaten die Fähigkeit entwickelten, ihre Gedanken in für andere verständliche Laute codieren und so Mitteilungen weiter geben zu können, gibt es auch die Lüge, die Manipulation und die Propaganda. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass selbst Höhlenmenschen in Erzählungen aus einem erlegten hundsgroßen Raubtier einen Säbelzahntiger werden ließen. Oder vielleicht fanden sie einen Kadaver, brachen die Zähne heraus, um dann standhaft zu behaupten, einen Bären getötet zu haben. Nach und nach entstanden immer mehr Wörter. War es anfangs nur möglich, etwas Gesehenes zu benennen und es zu beschreiben, wurden immer kompliziertere Schilderungen möglich.

Ein Affe kann seinen Sieg über einen Konkurrenten lediglich durch gutturale Töne und einige Dominanzgesten kundtun. Eins hat sich allerdings seit dem Herabsteigen vom Baum und dem Verlassen der Höhlen grundlegend geändert. Abgesehen von der hinzugekommenen Fähigkeit, lang und ausgiebig davon zu berichten oder sich zu rechtfertigen, hat sich an diesem Verhalten nicht viel geändert. Heute noch gehen sich Männer wegen einer Frau gegenseitig an die Kehle oder töten den im Ehebett angetroffenen Nebenbuhler. Geschieht dies ad hoc, sind wir sogar bereit, dies als mildernde Umstände hinzunehmen. Die Fähigkeit des modernen Menschen, mit Worten das Handeln gegenüber anderen Mitgliedern der Spezies begründen, erläutern, sich selbst Rechtfertigungen zusammenreimen und diese kundtun, so wie nach dem eine Moral aufgestellt wurde, Be – und Entschuldigungen, formulieren, ist Teil dessen, was Tier und Menschen unterscheidet. Meiner Meinung nach ist das ein wesentlicher Aspekt. Ein Beutetier kann schlecht zu einem Rudel Löwen gehen und sich über die Tötung der Ehefrau beschweren. Ebenso ist es auf dem Affenfelsen dem Newcomer nicht möglich, unfaire Tricks des dominierenden Silberrückens bei einem Schiedsgericht anzumelden. Die Dinge sind für Tiere eben so, wie sie sind und regulieren sich alleine.

Der spärlich behaarte Affe ist ein Prädator und gleichzeitig Pflanzenfresser, der wenige Sachen besonders gut kann. Die Verwandten können besser klettern. Alleine hat er gegen eine Raubkatze, Wolf oder Bär keine Chance. Fliegen scheidet ganz aus, er ist nicht der beste Schwimmer und nach wenigen Minuten muss er zum Luftholen wieder auftauchen. Die Geschichte der Evolution hätte einen anderen Verlauf genommen, wenn da nicht die Sache mit dem gegenübergestellten Daumen, die ausgereifte Sprache und der damit verbundenen Möglichkeit der Kooperation, gewesen wäre. Wir sind nicht von der Speisekarte der anderen verschwunden, weil wir besonders gefährliche Gegner sind, sondern weil wir uns zusammentun, miteinander sprechen, Erfahrungen teilen und unseren Wissensstand nachfolgenden Generationen hinterlassen. Das sind die Eigenarten, die uns von den anderen unterscheiden. Wobei dies viele andere auch tun. Unter Umständen sind Delphine intelligenter als wir.  Aber sie können nicht stundenlang darüber reden. Sie waren nicht einmal in der Lage, sich eine eigene Bezeichnung zuzulegen, wie wir es taten. Weiser Mensch, Homo sapiens!

Ist der Krieg eine unüberwindbare Eigenart des Homo sapiens?

Manche sagen, dass Krieg unumgänglich Bestandteil der menschlichen Natur ist. Andere widersprechen dem vehement. Zumindest kann nicht geleugnet werden, dass Menschen Kriege seit mehreren tausend Jahren führen. Die Art und Weise der Kriegsführung richtete sich stets nach den vorhandenen Waffen. Die Brutalität und Bereitschaft anderen das Grausamste anzutun, was gerade möglich ist, war immer gegeben. Dann setzten sich Frauen und Männer zusammen und setzten Protokolle auf, in denen Kriege ein Regelwerk bekommen sollten. Sie ächteten nicht die Kriegserklärung an sich, aber wenn schon Zerstörung, gegenseitiges Abschlachten, bitte mit Regeln. Für mich eine Kapitulation und Zustimmung an die Fraktion, die Kriege für etwas Unausweichliches halten. Gleichzeitig ein Unterfangen, was nicht funktionieren kann. Wird im Menschen das Programm Krieg abgerufen, kommt ein furchtbares, bösartiges, intelligentes Raubtier zum Vorschein. Für mich ist das die Dualität des Menschen: Ein Tier mit einem Großhirn, welches ihm ermöglicht, das Animalische zu kontrollieren. Dessen sollte sich meiner Auffassung nach jeder bewusst sein. Krieg widerspricht den beiden herausragenden Fähigkeiten des Großhirns: Verstand und Vernunft. Und das beginnt für mich persönlich lange vor dem Ausbruch des Kriegs. Wer Waffen baut, entwickelt, perfektioniert, schafft die Voraussetzungen, damit ein Krieg überhaupt möglich ist. Es gibt auch die andere Position. Wer wehrlos ist, wird auf kurz oder lang überfallen werden. Auch hier zeigt sich das Tier. Ohne Verteidigungsstrategie wird man schnell aufgefressen oder kann sich nicht gegen Konkurrenten aus der eigenen Spezies durchsetzen.  

Die Waffensysteme konnten nur durch die besonderen Fähigkeiten des Menschen immer weiter entwickelt werden. Aber kann die Entwicklung von Waffen, mit denen alles Leben vernichtet werden kann, noch als verständig oder vernünftig bezeichnet werden? Stellt sich diese Frage Frage nicht bei all diesen Mordinstrumenten? Ich schreibe hier nicht von einem normalen Revolver, Pistole oder Jagdgewehr. Es geht um Bomben, die komplette Viertel dem Erdboden gleich machen. Sprengkörper, die der Umgebung den kompletten Sauerstoff entziehen. Geschosse die die Wände und Decken von Bunkern knacken, in denen Menschen Schutz suchen. Munition mit strahlenden Metallen gehärtet, damit sie auch noch die letzte Panzerung durchdringen. Container-Bomben, die kleinere Sprengsätze auf der Fläche eines Fußballfelds verteilen. Diese menschlichen Entwicklungen sollen zerfetzen, verbrennen, Gliedmaßen abtrennen, Hunderte auf einen Schlag töten. Außerdem sollen sie alle Hemmnisse ausschalten. Es ist ein großer Unterschied, ob ich jemanden im Kampf von Angesicht zu Angesicht erwürge, ersteche, erschlage oder ich ein paar tausend Kilometer entfernt mit einem Joystick eine Drohne steuere.

Nebelkerzen gehören zu den Waffen dazu.

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“

Kurt Tucholsky
Journalist, Kritiker, Schriftsteller, Satiriker

Eindringliche Anti-Kriegsfilme und Bücher haben eins gemeinsam. Sie entfernen den Schleier der Lügen. Im Krieg gibt es Regeln nur auf dem Papier. Die Realität sieht völlig anders aus. Die erste Lüge ist die Unterscheidung zwischen einer Zivilbevölkerung und regulär kämpfenden Soldaten. Soldat oder Soldatin sind Berufsbezeichnungen. Angehörige des Berufs wissen, wie man mit den Waffen Menschen tötet, verletzt oder verstümmelt. Im Zweifel wenden sie diese an, und zwar gegen Entgelt.
Im deutschen Strafrecht wird geprüft, ob jemand mit einer Handlung einen Tatbestand erfüllt hat. Ist dies der Fall, wird ermittelt, ob es für die Tat eine Entschuldigung gibt oder eine Rechtfertigung aus einem Gesetz abzuleiten ist. Wenn ein Polizist o. eine Polizistin mit der Dienstwaffe schießt, ist erst einmal ein Tatbestand erfüllt. Je nach der Folge kommen Körperverletzung mit allen Qualifizierungen oder im schlimmsten Fall der Totschlag in Betracht.

Danach werden die Aspekte Notwehr, Nothilfe oder Gesetze, die den unmittelbaren Zwang regeln, betrachtet. Bei Soldaten und Soldatinnen geben wir unter bestimmten Umständen das Töten und alle anderen nur erdenklichen Formen der Körperverletzung in Auftrag und bezahlen auch dafür. Ich weiß immer nicht, ob das jedem Zeitgenossen bewusst ist. In unserem Staatssystem drücken die in unser aller Auftrag und Bezahlung auf Knöpfe, infolgedessen etwas zerstört wird, Frauen, Männer, Kinder, ums Leben kommen. Diese Verantwortung an die Politiker und Politikerinnen abzuschieben, funktioniert in einer Demokratie nicht. Wer zur Wahlurne geht, sollte sich bewusst sein, dass dort auch über den obersten “Kriegsherren” entschieden wird und welche politische Ausrichtung im Falle eines Bundeswehreinsatzes bestimmend ist.

Ein weiterer Punkt dringt ebenfalls nicht ins Bewusstsein. Zumeist junge Männer und Frauen werden stellvertretend für alle in Ausnahmesituationen geschickt, in denen Dinge mit Menschen passieren, die sie verändern bzw. aus ihren inneren Tiefen und Abgründen hervorholen, was in jedem von uns steckt. Ich erinnere mich gut an den Aufschrei, als junge Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit Schädeln Fußball spielten. Dies wäre obszön, pietätlos, geradezu barbarisch. Scheinbar haben die alle nicht Apokalypse Now gesehen.

“Wir bilden junge Männer aus, um auf Menschen Bomben zu werfen? Aber ihre Kommandeure wollen ihnen nicht erlauben, das Wort “Fuck? auf ihre Flugzeuge zu schreiben, weil das obszön ist?

Colonel Kurtz
Apokalypse Know

Colonel Kurtz, gespielt von Marlon Brando, bringt es auf den Punkt, Dann gibt es im Krieg angeblich so etwas wie eine zu schützende Zivilbevölkerung. Wird sie dennoch involviert, spricht man von Kollateralschäden. Wer gehört dazu? Nach meinem Verständnis in einer Demokratie alle, die abgesehen von den Kindern, Soldaten/innen für einen Kampf beauftragten und bezahlten, aber nicht selbst Geld für das Kämpfen bekommen. In Diktaturen sieht es ein wenig anders aus. Da sind es alle, die nicht mit offiziellem Auftrag und Gehalt kämpfen. Wie viel die Bezahlung eines Krieges über das Gesellschaftssystem aussagt, kann hier nachgelesen werden:  “Wer die Bomben zahlt” – krautreporter.de
Nehmen Frauen und Männer ohne diesen “offiziellen” Auftrag Waffen in die Hand, werden sie zu Partisanen, Widerstandskämpfern, Guerilla-Kämpfern. Das finde ich auch ganz spannend. Die befinden sich immer in einer Notwehrsituation, verlieren aber den schriftlich formulierten Schutz, der offiziellen Kriegsteilnehmer. Ein regelgerechtes Verhalten wäre sich niedermetzeln oder vergewaltigen zu lassen, um dann in der Statistik entweder als “Kollateralschaden” oder Opfer von Kriegsverbrechen aufgelistet zu werden.

Kriegs|Verbrechen ist auch ein interessantes Wort. Töten, Verstümmeln, geht in Ordnung, solange die Regeln der Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konventionen eingehalten werden. Da greift die Sache mit der Rechtfertigung über ein “Gesetz” bzw. Völkerrecht. Zum Verbrechen wird alles erst dann, wenn die Vorgaben überschritten werden. Doch die eingesetzten Waffen können trotz aller Elektronik immer noch nicht zwischen Zivil und bezahlten Soldaten unterscheiden. Bei der Wucht, die diese Waffensysteme haben, wird dies auch niemals funktionieren. Da hilft auch all die Propaganda nicht, bei der Aufnahmen, die wie aus einem Videospiel ausgeschnitten erscheinen, eine chirurgische Präzision suggerieren sollen. In meinem Denken ist der Begriff ein weißer Schimmel. Krieg ist immer ein Verbrechen!

Wenn die Sprache nicht korrekt ist, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte; wenn das Gesagte nicht das Gemeinte ist, dann bleibt das, was getan werden muss, unerledigt; wenn dies unerledigt bleibt, werden Moral und Kunst verfallen; wenn die Gerechtigkeit in die Irre geht, wird das Volk in hilfloser Verwirrung herumstehen. Es darf also keine Willkür im Gesagten geben. Das ist über alles wichtig.

Konfuzius
chinesischer Gelehrter

Der Krieg und wer ihn begann, ist eins. An den Grundlagen für Kriege an sich, sind viele beteiligt.

In jedem Krieg wird in “Guten Stuben”, Talkshows, Interviews, Proklamationen und politischen Reden darüber debattiert, wer denn nun wieder einmal die Käfigtür des Monsters geöffnet hat. Meist wird dabei in die Vergangenheit geblickt und ziemlich schnell melden sich die zu Wort, die es schon immer besser wussten. Ich würde sagen, alle, die nach 1945 nicht gemeinsam die Konsequenzen aus dem II. Weltkrieg zogen. Die Weltgemeinschaft hätte sich nach und nach auf eine Abschaffung aller Kriegswaffen einigen müssen. Zum Beispiel hätte man weltweit die Produktion neuer Waffen verbieten können. Sie folgten einer anderen Logik. Wer es sich leisten kann, muss sich so viel Waffen zulegen, wie es nur irgendwie geht, damit keiner auf die selbstmörderische Idee kommt, den anderen anzugreifen. Gleichzeitig verfolgte man die Taktik der Bündnisse, damit sich die Ärmeren ebenfalls schützen konnten. Wofür sie natürlich Gegenleistungen erbringen mussten. Irgendwie versäumte man es auch, den Krieg an sich zu verbannen. Man hätte ja auch beschließen können, dass egal wer auch immer einen Krieg anzettelt, der nicht vom Rest der Völkergemeinschaft gebilligt wird, ohne zu zögern, von allen gemeinsam auf den Deckel bekommt.

Das Konzept der Abschreckung ist gewaltig in die Hose gegangen. Dabei hätte man sich am Beispiel von Hitler orientieren können. Was passiert, wenn ein Diktator mit imperialen Großmachtvorstellungen und Handlungen, die solche Typen halt so machen, im Besitz der nuklearen Massenvernichtungswaffen kommt? Hitler hätte in aller Ruhe den Holocaust durchgezogen und niemand hätte ihn daran hindern können. Und eben genau diesen Plan hatte er mit all seinen Bestrebungen, eine Atombombe zu bauen und die auf der V2 zu installieren. Putin ist nicht Hitler, da fehlt noch einiges. Aber er ist ein Diktator mit imperialen Vorstellungen. Und nun? Im Ergebnis stehen wir kurz vor einem III. Weltkrieg, der noch übler ausgehen dürfte, als die beiden anderen. Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass Milliarden von den Entscheidungen sehr weniger Menschen abhängig sind.

Mir ist die Rhetorik, in der die Expansion der NATO, das Verhalten der westlichen Industriestaaten, in die aktuelle Lage geführt haben, zuwider. Am konkreten Geschehen in der Ukraine gibt es nur Schuldige aus Russland. Nämlich den Diktator Putin mit samt seinen Generälen und Gefolgsleuten. Alles andere würde jeden Gewalttäter rechtfertigen, der sich auf eine verbale Provokation seines Opfers beruft. An den Grundlagen, dass solche Kriege immer wieder stattfinden können, haben weltweit alle industrialisierten Staaten mitgewirkt. Da hängen, bis auf wenige Ausnahmen, alle mit drin. Insgesamt gibt es 25 Staaten ohne Militär. Die meisten davon verlassen sich auf den Schutz eines großen Partners. Bemerkenswert ist Panama, wo 1990 das Militär abgeschafft wurde. Übrig geblieben ist eine nicht wirklich ernst zu nehmende paramilitärische Polizeitruppe.

Teilweise wird auch debattiert, wozu denn der Überfall Russlands die Ukraine rechtfertigen würde. Meiner Meinung nach zu allem, was drin ist. Für mich ergibt sich dies aus der Notwehrsituation. Wenn mich jemand zusammenschlägt, kann ich mich mit allem wehren, was sich irgendwie machen lässt. All das Gefasel über Nationalsozialisten ist vorgeschobener Humbug. Bewegungen, die dieser und der Bezeichnung Faschismus gerecht werden, gibt es in unterschiedlicher Menge überall. Selbst in Russland treiben sich davon genug herum. Und nur, weil sich der Diktator Putin in einem Land befindet, welches einer gewissen Folklore folgend, als kommunistischer Staat bezeichnet wird, ist er noch lange kein Faschist. Mich erinnert er immer an Führungsfiguren aus der Organisierten Kriminalität. Hätte ihn das Leben nicht zum KGB und über dieses Sprungbrett in die “Politik” verschlagen, hätte er mit Sicherheit eine einflussreiche Figur in der Tambow-Bande, russisch: Тамбовская преступная группировка, werden können. Wobei nie ganz sicher geklärt wurde, ob er nicht tatsächlich der politische Arm der Verbrecherorganisation ist. Zumindest sprechen dafür seine Verbindungen zu  Gennady Vasilyevich Petrov (Mit dem Link, verschaffe ich mir eine Menge Freunde und Zugriffe aus Russland! ;-)) Allerdings ist “politischer Arm” eine deutsche Denkweise. Der alte KGB und seine Nachfolgeorganisationen arbeiteten schon immer mit den Kriminellen zusammen. Westliche Dienste tun dies auch, aber mit Auflösung des “Ost-Blocks” nahm das bei den Russen nochmals eine ganz eigene Dynamik auf, die jedem/jeder Ermittler/in ab 1990 bei den für Russen OK zuständigen Landeskriminalämtern den Atem stocken ließen. Ohne mich in Ferndiagnosen zu ergehen, kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass unsere Denkmuster bei russischen Mitgliedern der Organisierten Kriminalität scheitern.

Philosophie des Krieges

Der Krieg selbst und alles, was sich darum herum rankt, ist immer auch eine Frage der Lebensanschauung. In meiner gibt es keinen gerechten und auch keinen sauberen Krieg. Erst recht nicht nach 1945. Hierbei unterscheide ich zwischen denen, die einen Krieg beginnen und denen, die sich wehren. Ist das Monster aus dem Käfig heraus, kann es niemand mehr kontrollieren. All die Überlegungen, Traktate, Philosophien, die um das Thema Krieg herum gestrickt wurden, haben für die aktuelle Zeit keinerlei Geltung mehr. Es gibt in unserer Epoche keine Samurai mit einem Ehrenkodex, edle Krieger, über die Lieder und Dichtungen verfasst werden. Selbst früher waren die eher mit Skepsis zu betrachten. Ich erinnere immer wieder an die über 2000 Jahre zurückliegende Geschichte des Königs Ashoka. Trotz aller anzunehmenden Verfälschungen, ist ein gewisser authentischer Kern anzunehmen. Zu seiner Zeit kämpften die Herrscher noch selbst im Getümmel. Etwa im Alter von 40-Jahren zog er mit seiner Armee gegen die Stadt Kalinga und ließ sie schleifen. Nach der Schlacht sah er, was seine Armee angerichtet hatte. 100.000 starben im Kampf oder wurden nachträglich in der Stadt abgeschlachtet. Weitere 150.000 flüchteten aus der Region. Ashoka war hiervon so geschockt, dass er alles auf den Kopf stellte und sich dem Buddhismus zuwandte.

Doch muss man meiner Auffassung nach auch hinnehmen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Chance bestand über alles zu reden und andere Wege einzuschlagen. Das Tier hat gewonnen und die Vernunft, Verstand, Bewusstsein, haben verloren. Das Monster ist frei und wütet mit immer größeren Hunger. Was bleibt, sind sehr individuelle Entscheidungen. Kämpfen oder nicht kämpfen? Mache ich den Krieg zu meinem Krieg?

Wenn die Reichen Krieg führen, sterben die Armen!

Jean-Paul Sartre
Französischer Existenzialist

Sartre führt zum Thema Freiheit aus, dass jeder die freie Wahl hat. Selbst der Soldat kann sich dem Krieg durch Desertieren oder Suizid entziehen. Ja, wir leben in einer Demokratie mit sehr vielen Freiheitsrechten. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob ein potenzieller Krieg, in dem Deutschland involviert wäre, ein Angriff auf die Demokratie ist. Ich befürchte, dass es um ganz andere Dinge geht. Tatsächlich geht es um Systeme, Verteilung der Ressourcen und Sichern von Notwendigkeiten, die sich aus der Klimakatastrophe ergeben. Die bisherigen Wirtschaftszahlen deuten darauf hin, dass diverse Branchen am Krieg sehr gut verdienen. Die Einschränkungen und Verluste bleiben im unteren Drittel der Bevölkerung hängen. Das beschlossene Rüstungspaket dürfte bei einigen deutschen Firmen Partystimmung ausgelöst haben.

Mich stören die beinahe schon dummdreisten Verlautbarungen. Deutschland ist eingebettet von Nachbarstaaten, die allesamt der NATO angehören. Kommt es im Zuge der Auseinandersetzungen zu einer Beteiligung der NATO, müssen wir zwingend von nuklearen Schlägen ausgehen. Da hilft kein “Iron-Dom” über Berlin, keine Flugabwehr oder sonst irgendetwas. Deutschland liegt bei Waffenexporten auf Platz 5 der Weltrangliste. Darüber hinaus sind deutsche Firmen maßgeblich an der Entwicklung neuer Waffensysteme beteiligt und entsenden diverse Einzelkomponenten, mit denen dann in fremden Ländern innovative Waffen zusammengebaut werden. Nur bei der Bundeswehr ist nicht viel hängengeblieben. Es ist halt lukrativer, das Zeug zu verkaufen, als im Land zu belassen. Noch beschränkt sich alles auf eine konventionelle Kriegsführung. Aber auch wenn ich ein Laie bin, frage ich mich, wo Russland sonst noch konventionell Krieg führen will. Vor allem, wenn dann die Bundeswehr zusammen mit anderen NATO – Kräften eingebunden ist. Die haben jetzt mal eine Zahl herausgehauen, die gut bei der aufgepeitschten Bevölkerung ankommt und einige Aktionäre entzückt. Völlig außer Acht lassen will ich nicht die Bundeswehrfetischisten. Eine Gruppe mit interessanten Persönlichkeitsstrukturen. Sie ziehen darüber eine Menge Anerkennung, Identität und leben ihren autoritären Charakter aus. Früher sagte man, dann sind sie von der Straße weg und machen keinen Unsinn. Aber dieser Truppe für 100 Milliarden Spielzeug zu kaufen, halte ich für übertrieben. 

Die ultimative Entscheidung steht an, wenn sich die NATO dazu entschließt, in irgendeiner Form konventionell einzuschreiten. Putin kann dann feststellen, dass er zu hoch gepokert hat und den Rückwärtsgang einlegen muss oder er greift auf sein letztes Mittel zurück. Nun, dann wird es in Berlin ganz kurz sehr hell und keiner muss sich mehr Gedanken machen.


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Februar 6 2022

Geht doch erst einmal arbeiten!

people holding banner Lesedauer 4 Minuten

Wenn aktuell in Deutschland Protestaktionen gegen das ausbleibende Umdenken bezüglich des Umgangs mit der Klimakatastrophe und dem Armageddon der Arten auf dem Planeten Erde stattfinden, folgt auf allen Kanälen wütendes Geschrei. “Nicht die richtige Form, falsche Zeit, falscher Ort!”
Hinzu kommen noch Beschimpfungen, die einer alten deutschen Tradition folgen. “Die sollen erst einmal arbeiten gehen, dann würden sie anders drauf sein. Immer diese Ökofaschisten.” In den 60ern – 80ern klang dies ähnlich. In dieser Zeit hieß es: “Diese langhaarigen Gammler sollen mal arbeiten gehen. Wenn es ihnen hier nicht passt, können sie ja zu ihren Kommunistenfreunden rübergehen.” Der Tenor hat sich erhalten. Die früher herum pöbelten, sind meistens bereits Geschichte. Heute sind es ihre Geisteskinder. Manch eine/r mag sich damit unangenehm angefasst sehen, weil sicherlich welche darunter sind, die niemals werden wollten wie ihre Eltern. Dumm gelaufen!

Für mich gibt es drei Positionen.

  • A) Jemand bejaht, dass die aktuelle Entwicklung auf der Erde eine Klimakatastrophe darstellt. Gleichfalls sieht, mit welch rasanter Geschwindigkeit ein Aussterben der Arten vor sich geht und wie desaströs sich die bisherigen Konzepte entwickelt haben. Dennoch besteht eine letzte Hoffnung, mit weltweiten radikalen Veränderungen wenigstens den Prozess deutlich zu verlangsamen, damit auf lange Sicht das planetare System eine Chance bekommt.
  • B) Jemand sieht dies alles, aber schätzt die weltpolitische Lage und die Dominanz der schädigenden Konzepte für derart übermächtig ein, dass sich nichts mehr ändern wird und am Ende in einem Clash mündet, bei dem niemand wissen kann, wie es danach weitergeht. Die Folge ist Resignation.
  • C) Jemand leugnet aus welchen Motiven heraus auch immer den Prozess oder zieht sich alternativ darauf zurück, dass tatsächlich alles passiert, es aber nichts mit dem menschlichen Wirken zu tun hat.

Wer die Position A einnimmt, kann gar nicht anders, als alle Hebel in Bewegung zu setzen und radikale Forderungen zu stellen. Die Zeit für gemäßigte, abwiegende, Verhandlungen und Kompromisse, ist verstrichen. Jeder kann die globale Diskrepanz zwischen Bekundungen und tatsächlichen Handeln sehen. Die Weltmeere werden immer noch kontinuierlich als Müllkippe für Plastikabfälle, Abwässer, Chemikalien und radioaktive Abfälle benutzt. Diese Verunreinigungen kommen zu den bereits bestehenden Altlasten aus den vorhergehenden Jahrzehnten hinzu. Auf dem Festland passiert das Gleiche. Überall wird weiterhin auf die Industrialisierung gesetzt. Insbesondere gilt dies in der Agrarindustrie, was wiederum Zerstörungen durch Pestizide nach sich zieht.
Überdeutlich zeichnet sich ab, dass große Nationen einen globalen Verteilungskampf um die verbliebenen Ressourcen, vornehmlich Fossile, aber auch Bestandteile, die für neue Energiequellen benötigt werden, eröffnet haben. In mehreren Ländern werden längst Pläne erarbeitet, in denen es nur noch darum geht, mit den nach und nach eintretenden Ereignissen der Klimakatastrophe klarzukommen. Hierzu gehört auch das Verlegen von Millionenstädten ins Landesinnere. Letzteres ist ein Argument für die Position B.

Für die Kritiker der Protestaktionen bleiben B und C übrig. Position B hat aufgegeben und will das eigene Leben so gut es geht zu Ende bringen. Das finde ich legitim. Nicht in Ordnung finde ich es, wenn man dann junge Leute beschimpft, die für ihr eigenes noch länger andauerndes Leben kämpfen. Sich über eine Autobahnblockade oder eine Baumbesetzung zu mokieren ist äußerst kleinlich und engstirnig. Ich setze diese Aktionen mal in Relationen zum weltweiten Geschehen. Mitteleuropäer fordern von Südamerikanern einen sorgsamen Umgang mit dem Regenwald, sehen sich aber selbst nicht in der Lage auf ein paar Tonnen Braunkohle zu verzichten. Gleichzeitig konsumieren sie hemmungslos die Produkte, welche auf den Rodungsflächen entstanden. Ganz abgesehen davon, dass die Leute nicht roden, um zu Millionären zu werden, sondern letztlich auch nur leben wollen.
Afrikaner und Inder werden aufgefordert, einen Artenschutz zu betreiben. Faktisch kann eine Elefantenherde die Lebensgrundlagen mehrerer Dörfer mit hunderten Menschen zerstören. Kaum jemand möchte in seinem Vorgarten eine Begegnung mit einem bengalischen Tiger oder einem Leoparden haben. Den Indern muten Europäer dies zu, während zum Schutz niedersächsischer Familien Wölfe abgeschossen werden. Bären und Wisenten ergeht es nicht anders. Sie passen laut Rhetorik nicht in die Kulturlandschaft.
Aktivisten kämpfen auf den Weltmeeren mit allen Mitteln gegen Fischereikonzerne, die mittels gigantischer Schleppnetze alles Lebende töten und am Meeresboden toten Boden hinterlassen. Andere liefern sich regelgerechte Seeschlachten mit illegalen Walfängern, die ebenfalls behaupten, irgendwie überleben zu wollen. Es gäbe noch diverse andere Beispiele. Wir fordern von anderen, vor allem deutlich Ärmeren, sehr viel. Doch wenn es ans Eingemachte geht, ist der Spaß vorbei. Die alte Weltordnung soll weiterhin Bestand haben. Wir, die reichen Mitteleuropäer, leben weiter, wie gehabt und wie üblich sollen die Armen unsere Wäsche waschen. Was ist ein Stau auf der Autobahn im Verhältnis zu dem, was weltweit passiert? Nichts! Und so hart wie es klingt, selbst ein paar tausend Arbeitslose sind nichts im Verhältnis zu Millionen Menschen an Küstenstreifen, die jeden Tag zusehen müssen, wie die Existenzgrundlage zerstört wird. Ebenso nichts gegen Hunderttausende, die ihre Lebensgrundlage, den Fischfang verlieren.

Alles steht und fällt damit, wie viel Abstand man bei der Betrachtung einnimmt. Sehe ich alles nur durch meine Windschutzscheibe o. begrenze mich auf meine Stadt, steigt der Blutdruck, erweitere ich den Blick, komme ich zu einem anderen Ergebnis, welches mich die Aktivisten ganz anders sehen lässt. Position C ist durchschaubar. Fett und rund in die Katastrophe, die Schäden für die Nachkommen sind egal. Die niedrigste Stufe des menschlichen Daseins. Für die Nachkommen nicht zu sorgen, ist eine Frage der Haltung. Mutwillig zum eigenen Nutzen deren Lebensgrundlagen zu vernichten, eine ganz andere Geschichte. Sie unterscheiden sich nicht einen Deut von der Mafia, wenn sie Chemiemüll auf illegalen Deponien entsorgt und billigend die Verseuchung des Bodens mit tausenden Opfern in Kauf nimmt. Womit Position C für mich zu einer kriminellen wird. Mich wundert überhaupt nicht, dass viele mit der Position C auch noch andere kriminelle Handlungen unternehmen.

Januar 11 2022

Die infantile Illusion des Wohlstands

Lesedauer 10 Minuten

“Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!”

Max Liebermann

Zum oben genannten Zitat gibt es verschiedene Entstehungsgeschichten. In einigen soll es der Maler gesagt haben, als er vom Balkon aus einen Fackelmarsch der SA beobachtete, in anderen sagte er dies zu Käthe Kollwitz. Sehe ich die aktuellen Demonstrationen, längst an der Spitze angeführt von Hooligans, die “Bock” auf einen Kampf mit der Polizei haben und Kampfgruppen der rechten Szene, geht es mir ähnlich. Frauen und Männer, die sich der Leute bedienen und aufgrund einer Schwäche der Republik ins Parlament gelangten, machen es nicht besser. Doch richtig ekelhaft wird es, wenn Leute aus Parteien, denen traditionell eine Verfassungstreue unterstellt wird, die Geschehnisse für ihr Ziel benutzen, Deutschland wieder in die alten konservativen, autoritären, Strukturen, zurückzuführen. Ich fühle mich bei denen unangenehm an eine Zeit erinnert, in der ausländische Milliardäre, deutsche Stahl – Barone und Industrielle aus der Chemiebranche, mittels Zahlungen ihre Günstlinge in Stellung brachten. Doch gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, mich vom Geschehen nicht treiben zu lassen, sondern auf die Suche zu gehen, warum alles ist, wie es ist. Mir persönlich hilft es, wenn ich verstehen und nachvollziehen kann. Wenn man die Folgen von Verbrechen sieht, besonders wenn sie Kinder betreffen, gibt es im Kopf eine verzweifelte Frage: Warum? Erklärungen sind keine Rechtfertigung oder Relativierung, sondern entsprechen dem Bedürfnis des Großhirns aus allem eine nachvollziehbare Erzählung zu stricken. Darum soll es hier gehen! Was passiert meiner Auffassung nach gerade.


Wir befinden uns täglich in verschiedenen inneren Zuständen und wechseln diese je nach Einwirkung innerhalb von Sekundenbruchteilen. Vom Lebensalter her als Erwachsene einzuschätzende Menschen verhalten sich mal rational, vernünftig und verständig, während sie im nächsten Augenblick infantil, bockig oder pubertär wirken. Einige Psychologen sehen die Begründung in der Wechselwirkung zwischen zwei Personen. Tritt beispielsweise eine Person gegenüber einer anderen mit einem paternalistischen Gebaren auf, landet die andere schnell in einem kindlichen Zustand und wird sich auch entsprechend verhalten. Andererseits kann sich eine/r kindlich, hilflos präsentieren und damit das Eltern – ICH auf der anderen Seite erwecken.

Mir begegnete diese Herangehensweise an einige psychologische Phänomene vor etwa 25 Jahren. Bis zum Streit wirkt sie banal, doch nach einem Streit, denkt man häufig: “Verdammt, da ist etwas dran!” Seither habe ich mich unzählige Male gefragt: “Moment, in welchem Zustand befinde ich mich gerade?” Oftmals musste ich einräumen, dass da ein wütendes, bockiges Kind agierte. Warum auch nicht? Wenn es um nichts Existenzielles oder wenigstens ansatzweise wichtiges geht, kann man sich das leisten. Entscheidend ist das Erkennen und die Option auf andere Zustände umschalten zu können. Besonders, wenn einem etwas grundlegend falsch kommuniziert wird, aber deshalb noch lange nicht inhaltlich verkehrt sein muss. Es ist unklug, bockig in ein Minenfeld zu laufen, nur weil einem ein Posten eine unfreundliche autoritäre Ansage machte. Ja, er hätte es anders sagen können, aber das interessiert die Mine nicht, so wie ich und nicht der Posten sterben wird. Das Beispiel klingt etwas drastisch, doch es ist nicht allzu realitätsfern. Wenn die Polizei wegen eines Bombenfunds ein Gebiet absperrt, passiert dies häufig. “Ich möchte da nur schnell mit meinem Fahrrad durchfahren! Lassen sie mich gefälligst durch.”

Gut, die Bombe hat es seit dem Krieg nicht notwendig erachtet hochzugehen. Dies verleitet zur Annahme, dass sie es weitere 10 Minuten nicht tun wird. Tatsächlich ist es ein Gedankenfehler. Seit sie dort landete, hätte sie es jederzeit tun können und in jeder Minute war die Wahrscheinlichkeit gleich hoch. Eine Nachschau könnte technische Details zeigen, die eine Explosion verhinderten, doch davon weiß erstmal niemand etwas. All dieses zu verdrängen, ist nicht rational und damit auch nicht das, was wir unter einem erwachsenen Denken verstehen.


Verhielten sich alle Erwachsenen vernünftig und verständig, könnten wir den Hauptteil aller bestehenden Regeln und Gesetze streichen. Jeder weiß, dass dies nicht der Fall ist, also wurden schon im Altertum Gesetze erlassen. Eine an sich spannende Sache. Immer und überall bestand ein Bewusstsein dafür, dass der Mensch es zwar besser weiß, aber nicht danach handelt. Bei uns werden häufig die Leistungen des Großhirns vollständig umgangen. Es gilt: Was nicht in einem Gesetz explizit verboten wurde, ist erlaubt und wird auch gemacht. Erlaubt ist ein logisches Gegenteil von verboten, aber ob ich etwas mache, sollte nach anderen Kriterien entschieden werden. Im Alltagsleben ist dies kaum ein Thema. Anders sieht es aus, wenn es um Wirtschaft und Produktionsverfahren geht. Obwohl genau erkennbar ist, dass andere geschädigt werden oder massiv zerstörerisch in die Lebensgrundlagen eingegriffen wird, lautet die Frage einzig: Ist es irgendwo verboten? Nein? Dann tun wir es. Da helfen nicht noch mehr Regeln, sondern nur ein Umdenken.

Ich sehe Deutschland als ein überreguliertes Land. Dies ist ein Zustand, der sich aus einem langen Prozess ergeben hat. Hinzu kommt ein meiner Auffassung der beschriebene problematische Umgang mit den Regeln. An sich sind sie richtig angewandt etwas Zweckmäßiges. Jedes komplexes System benötigt sie. In einem Motor oder einem Computer müssen mehrere Komponenten mit speziellen Aufgaben kommunizieren und nach Regeln zusammenspielen, damit sie ihre bestimmungsgemäßen Ergebnisse produzieren können. Gleichermaßen sieht es mit Spielen aus. In ihnen gibt es Spieler mit Rollenzuweisungen, die unter Beachtung von Regeln miteinander agieren. Spontan denkt man dabei an Spiele wie beim Sport oder Gesellschaftsspiele. Doch bei genauerer Betrachtung spielen wir täglich mit anderen Zeitgenossen Spiele mit immer wiederkehrenden Abläufen.


Wo sehe ich die Probleme? Wenn beim Fußball ein Schiedsrichter nicht mit Augenmaß und Spielverstand jeden minimalen Regelverstoß pfeift, wird aus dem Spiel nichts. Ebenfalls schwierig wird es, wenn Menschen zu viele Entscheidungen mittels irgendwann festgelegter Regeln abgenommen oder vorgegeben werden. Noch die geringste Folge ist der Verlust der Kreativität. In Behörden ist nahezu alles vorgegeben, besonders wenn es um die Verwaltung und die Schriftsätze geht. Zeilenabstand, Schrifttyp, Position der Absätze, Grußformeln und wann etwas zu verfassen ist, werden nicht den Verfassern überlassen, sondern haben sich an Vorschriften zu orientieren. Das Ergebnis sind oftmals sperrige, unverständliche und vor allem überflüssige Vermerke, Berichte, interne Rundschreiben. Im Alltag ist das hinzunehmen, doch wenn es darum geht, komplizierte Themen abzuhandeln, wird es schwierig. Deshalb scheren Sachbearbeiter/innen immer mal wieder aus, was dann regelmäßig einen Rüffel von weiter oben nach sich zieht. Im Verlauf von Jahrzehnten werden Menschen in solchen überregulierten Systemen sozialisiert. Die Regeln werden zu etwas diktatorischen. Das eigene Denken schwindet und die Regeln werden zu einem Selbstzweck, während ihre ursprüngliche Intention und der Vorgang, welcher einst zur Aufstellung führte, völlig in den Hintergrund gerät. Im Zuge dessen passiert noch etwas anderes. Regeln, deren Sinn wir nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, kennen wir aus der Kindheit. Einst lernten wir, dass das Befolgen einerseits bequem ist und gleichzeitig Ärger vermeidet. Doch wir ließen es uns nicht nehmen, wenn es auch unvernünftig und jenseits allen Verstandes war, sie zu brechen. Allerdings hatte es auch Vorteile, sich unliebsame Entscheidungen von den Eltern abnehmen zu lassen. Immerhin konnte man dann den Misserfolg ihnen aufbürden und musste sich nicht selbst Fragen stellen.


Bei einigen Mitmenschen scheint sich dieser infantile Zustand manifestiert zu haben. Egal wie gut oder schlecht in der aktuell herrschenden Pandemie die Lage und das Regelwerk zur Abwehr der Gefahren kommuniziert wurde, kommt keiner an der Existenz eines Virus vorbei. Ebenfalls nicht am Umstand, dass man mit Viren weder verhandeln noch diskutieren kann. Gleiches gilt für die Prozesse rund um das Klimageschehen.
Ich gehe auch davon aus, dass bei der Mehrheit der Erwachsenen ein Verständnis für die Logik besteht, der nach ein/e Einzelner für sich selbst mittels der ihr/ihm bekannten Informationen eine Risikobewertung vornehmen kann, hingegen bei einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe, auf eine Koordination der Gruppenmitglieder angewiesen ist. Jede Dorfgemeinschaft funktionierte früher danach. Der Schmied hat nichts gewonnen, wenn es seinem Holzlieferanten oder dem Müller schlecht geht. Im Prinzip begann die Pandemie mit einer ambitionierten optimistischen Hoffnung. Böse treffen würde es “nur” Schwächere, bereits Kranke und Alte. Weniger nett formuliert, könnte man es als die Arroganz der Leistungsgesellschaft sehen, dass alle “Starken” lediglich einen Schnupfen bekämen. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt. Augenscheinlich scheinen die Mediziner im Dunkeln zu tappen, wer denn de facto anfällig für einen schweren Verlauf ist. Die Überlebenschancen steigen, wenn man bei einer Hospitalisierung kräftig ist, das ist aber auch alles. Was wir wissen ist die Wahrscheinlichkeit, geimpft einem schweren Verlauf zu entkommen.

Es erscheint legitim, wenn jemand dieses Risiko eines schweren Verlaufs auf sich nimmt. Doch dann bitte in der Tradition des Mittelalters. Zurückziehen und irgendwo isoliert sterben. Anderen, die aus welchen Gründen auch immer eine intensive medizinische Behandlung benötigen und sie in Anspruch nehmen wollen, den Platz wegzunehmen, scheidet dann aus. Neuerdings wird auf die Situation von Zeitgenossen/innen hingewiesen, die rauchen, übergewichtig sind oder Extremsportarten betreiben. Ganz ohne kognitive Dissonanz meinerseits ist dabei ein wenig differenzieren angesagt. Die Angesprochenen schädigen sich nicht erst seit gestern und zumeist bereits lange Jahre vor der Pandemie und darauf haben wir uns eingestellt. Seuchen nehmen eine Sonderstellung ein. Corona ist eine unter vielen. Weltweit wütet immer noch die Cholera, immer mal wieder meldet sich die Pest zurück, die Syphilis, Aids, Lepra, Ebola, usw. Andere, teilweise noch unerforschte befinden sich in Lauerstellung. Ich schätze, ganz werden wir weltweit Corona nicht mehr loswerden. Die 7. Pandemie der Cholera dauert seit 1961! an. Es läuft also immer auf ein Eindämmen, Zurückdrängen und rechtzeitige Reaktionen hinaus. Hierfür sind Maßnahmen erforderlich, die Opfer verschiedener Art fordern.


Es fällt auf, dass Anhänger und Aktive der AfD, sich immer zu Wort melden, wenn es unlogisch wird oder es gilt komplexe Sachverhalte wenigstens ansatzweise nachzuvollziehen. Aktuell wettern sie gegen die Maßnahmen zur Pandemie – Bekämpfung, weil die Zahlen sinken würden und wieder Bettenkapazitäten beständen. Dabei ist es nicht einmal sonderlich kompliziert. Man stelle sich ein defektes Wasserohr vor, welches man notdürftig mit Isolierband geflickt hat. Es wird immer noch ein wenig lecken, aber eben nicht heraussprudeln und alles unter Wasser setzen. Jetzt besteht Zeit eine passende Schelle zu organisieren, ein neues Rohr vorzubereiten und vor allem auf die Suche nach dem Absperrhahn zu gehen. Wenn nicht ein Depp von der AfD vorbeikommt, der das Klebeband abmacht. Nun sind aber bei der AfD nicht nur Deppen unterwegs. Also stellt sich die Frage, warum sie diesen Unsinn verbreiten. Ich denke, sie kalkulieren die Schäden ein. Sie bedienen das Infantile und wiegeln gegen die bestehende Autorität auf. “Mama und Papa sind doof! Die verbieten Dir immer nur alles. Schau mal, ich habe tolles Spielzeug im Auto, Du kannst mir vertrauen, ICH, gebe Dir alles, was Du willst.”

Damit dies funktioniert, benötige ich Kinder, die darauf hereinfallen, sich ködern lassen, die Verbote der Eltern nicht nachvollziehen können, vielleicht weil es nicht gut erklärt wurde, die Gefahr, welche vom lockenden Täter ausgeht, nicht erkennen und anfällig für das Lockmittel sind.


Mit allem im Überfluss ausgestattete Wohlstandsgesellschaften verlieren augenscheinlich irgendwann den Bodenkontakt. Essen, gern auch mit allen Raffinessen, Trinken, sauberes Trinkwasser, selbst zum Wegspülen von Fäkalien oder Körperhygiene, wohltemperierte Behausungen, eine all umsorgende Gesellschaft, die den Einzelnen in jeder Lebenslage auffängt, die Übertragung jeglicher Verantwortung an staatliche Institutionen, teilweise sogar das Abnehmen von Denken, sowie die Abwehr aller nur erdenklichen Gefahren durch eigens hierfür bezahlte Sicherheitskräfte und deren Entscheider, werden zur absoluten Selbstverständlichkeit. Ein indischer Wanderarbeiter muss in einer Pandemie völlig andere Bewertungen und Entscheidungen vornehmen. Medizinische Versorgung ist bei ihm ein Glücksfall. Corona ist neben Verhungern, Katastrophen, anderen Seuchen, wie die Cholera, eine zusätzliche Bedrohung. Eindämmende Maßnahmen, können den sicheren Tod bedeuten, während Corona möglicherweise das Leben beendet. Streetkitchen – Besitzer, sind auf ihre komplette Familie angewiesen. Da kann nicht mal eben die gesamte Familie in Quarantäne gehen, weil eins der Kinder erkrankt ist. Ähnlich sieht es bei Leuten aus, die in abgelegenen Gegenden leben, wie zum Beispiel auf Inseln im hohen Norden Skandinaviens. Ein Corona – Ausbruch wäre eine Katastrophe, besonders wenn es keinerlei Schutz gegen einen schweren Verlauf gibt. Dort gibt es keinerlei Diskussionen, wenn die Chance auf eine Impfung besteht. Leugner der Pandemie, Impfskeptiker oder Verweigerer, die Propagandisten des Profits und Wirtschaftswachstums auf Kosten der Sterbenden, sind in erster Linie ein Problem der satten Wohlstandsgesellschaften.

Mitglieder von Wohlstandsgesellschaften leben in einer Illusion. Sie glauben sich freikaufen zu können. Alles Böse und Schlechte findet irgendwo anders statt. Die unerfreulichen Sachen, sind entweder die Fehler von Institutionen, die Machenschaften dunkler Mächte im Hintergrund oder wenn es gar nicht anders geht, das Unvermögen der Betroffenen. Seuchen, Naturkatastrophen alter Art oder neue Szenarien, die vom hausgemachten Klimawandel und Massensterben der das biologische System tragenden Arten, passen nicht ins Konzept. Hierzu müsste zu viel infrage gestellt werden. Fragen, die sich auf Zeiten vor dem Wohlstand beziehen.


Nach und nach schwindet die Illusion und es zeigt sich die Verletzlichkeit. Dies kommt einer Demütigung gleich. Jahrzehntelang wurde den Menschen etwas anderes vorgegaukelt. Versicherungen suggerierten, dass man gegen die Zahlung eines monatlichen Betrags alles abfangen könne. Politiker und Politikerinnen traten vor die Mikrofone, warfen alles Negative den gerade Regierenden vor und behaupteten, sie würden alles, bis hin zum Ausbruch eines Vulkans oder Erdbeben verhindern können, wenn man sie nur wählte. Selbst Philosophen und Naturwissenschaftler propagieren eine Zukunft, in der alles mittels Technik, medizinischen Fortschritt, weiteren Wissen, gelöst werden kann. Selbstverständlich bräuchte man hierfür jede Menge Geld, doch dies würde sich quasi durch die Technik selbst ergeben.

Was wäre, wenn es sich völlig anders verhält? Alles unterliegt einer Wechselwirkung. Ich kann nichts tun, ohne dass eine Wirkung bzw. Veränderung, Reaktion, erfolgt. Die Wechselwirkungen auf dem Planeten sind derart komplex, dass der Mensch sie vermutlich niemals vollständig erfassen kann. Selbst wenn wir die Momentaufnahme aller Prozesse verständen, wäre das nächste Problem das Nachvollziehen aller Folgen, die durch eine einzige minimale Veränderung entstehen. Eins haben wir bei den Prozessen mittlerweile verstanden. Das globale System strebt seit der Stunde Null ein Gleichgewicht an. Selbst nach Phasen des Chaos findet es sich immer wieder in ein stabiles Gleichgewicht ein.

Auf der Erde existieren diverse Missverhältnisse, die sich stetig weiter von einem Gleichgewicht entfernen. Früher, in den ausgehenden 60ern sahen einige Philosophen eine Zukunft, in der nach und nach die Unterschiede wenigstens auf ein akzeptables Maß reduziert würden (u.a. Adorno, Marcuse, Horkheimer). Als größte Gefahr machten sie einen Atomkrieg aus. Diese Prognose hat sich nicht bestätigt. Sie übersahen die negativen Auswirkungen der Industrialisierung, welche sich heute im Wandel des Klimas und Zerstörung der Lebensgrundlagen bis zum Armageddon (Zitat: Mark Benecke) aller neben dem Menschen existierenden Lebewesen, zeigen. Die nördliche Hemisphäre steht in einem krassen Gegensatz zum Süden und der Äquatorlinie. Der jetzt bestehende Wohlstand könnte das absolute Maximum des Möglichen sein und zum Zenit werden. Wie bei einem hochgeschossenen Ball, der irgendwann dem Reibungswiderstand und der Schwerkraft nicht mehr trotzen kann und herunterfällt. Dies könnte bedeuten, dass die Wohlstandsgesellschaften fallen, während die anderen einen Aufstieg erfahren und sich alle im günstigen Fall auf einem Gleichgewicht einfinden. Vorausgesetzt, es kommt nicht zu schwerwiegenden Ereignissen, die alle gemeinsam in den Abgrund reißen. Denn zum Gleichgewicht gehören auch alle anderen Lebewesen und Gegebenheiten des bisher einzigen bekannten belebten Planeten. Es wird noch andere geben, aber die kennen wir halt nicht.

Wie auch immer, ich persönlich schließe mich denen an, die von einem Zenit und einem bereits begonnenen langsamen Abstieg ausgehen. (Dafür sprechen z.B. Untersuchungen bezüglich eines seit den 70ern sinkenden Durchschnitts – IQ. Bitter amüsant ist hierbei, dass sich die Forscher wieder einmal zur Aussage “Menschheit” hinreißen lassen. Ihnen dürfte Vergleichsmaterial von z.B. indigenen Völkern fehlen.) Das aktuelle Geschehen entspricht einem Abstiegskampf. Kleine Kinder stampfen empört mit den Füßen auf, weil sie glauben, jemand nähme ihnen den Lutscher weg. Doch dieser Jemand existiert genauer betrachtet nicht. Das übergeordnete Lebenssystem des Planeten beginnt zu wirken. Viren, Bakterien, Anstieg des Meeresspiegels, Süßwasserverknappungen, Überschwemmungen, entfesselte Stürme, hieraus resultierende Änderungen der Bevölkerungsverteilung, sind zwingende unaufhaltsame Folgen, denen wir wenig entgegensetzen zu haben. Diesbezüglich haben wir uns, die Mitglieder von im Überfluss lebender Wohlstandsgesellschaften überschätzt. Man könnte dies knurrend anerkennen und sich fügen. Gemeinsam mit allen anderen gelte es dann vernünftige und verständige globale Lösungen zu finden. Oder sie greifen zur Alternative, was ich für wahrscheinlich halte, in dem sie sich mit Waffen gegenseitig töten. Wie das ausgeht, kennt jeder vom Buddelkasten. Eine oder einer fängt an, die Sandkuchen der anderen kaputtzumachen und alle gehen am Ende heulend nach Hause. Dies wird alles noch ein wenig dauern. Doch die Anfänge sehen wir bereits auf unseren Straßen und mit dem Erstarken der Erz – Konservativen, religiösen Fanatikern und der Neuen Rechten, die geschichtlich immer eine Folge von Demütigungen, Untergang und verletzten Stolz waren.

August 6 2021

Das irrationale System

earth globe with googly eyes on gray background Lesedauer 7 Minuten

“Wir müssen zwischen Spiritualität im Allgemeinen, die darauf abzielt, uns zu besseren Menschen zu machen, und Religion unterscheiden. Die Annahme einer Religion bleibt optional, aber ein besserer Mensch zu werden ist wesentlich.”

Matthieu Ricard, Buddhistischer Mönch u. Molekularbiologe

Die Tatsache meiner Geburt, die Zeit und den Ort konnte ich mir wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten nicht aussuchen. Gleichsam ergab sich mit Zeit und Ort ohne mein Zutun vieles andere. Die medizinische Versorgung, die wirtschaftlichen Umstände und das System in dem ich künftig leben würde. All diese Voraussetzungen waren bereits da.

Genauso hätte es statt Deutschland oder der Kontinent Europa, Afrika werden können. Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, alles andere wäre auch möglich gewesen. Als Nachwuchs in einem indigenen Stamm, hätten mir meine Eltern beigebracht, wo und wie ich Nahrung finde, die Landschaft lese, mich orientiere und wie ich mit der Natur lebe, ohne zu sterben. Ich erinnere mich an einen Bericht des Survival – Experten Rüdiger Nehberg. Er schilderte, wie er mit einem Stamm im Dschungel unterwegs war und nicht mehr weiter konnte. Er kam sich ziemlich klein vor, weil ihm ein kleiner Junge den Weg zurück zum Dorf zeigen musste. Der konnte sich im Gegensatz zu ihm am Aussehen der Bäume orientieren.

In Deutschland müssen Eltern, Schule und Umgebung den Kindern andere Sachen beibringen. Teile davon nennen wir Sozialisation. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen miteinander leben und damit das funktioniert, ist dem Ganzen ein System hinterlegt. Zumindest sieht so die Theorie aus. Auf jeden Fall basiert dieses System auf niedergeschriebenen und informellen Regeln und Sanktionen, die von Menschen erdacht und aufgestellt wurden. Damit ist schon einmal etwas Wesentliches klar: Menschen haben diese Regeln erdacht! Im Idealfall würden sie auf rationalen, logischen, verständigen und von Urteilskraft geprägten Aspekten beruhen.

Jeder junge Mensch wird eines Tages die Worte zu hören bekommen: “Das ist so, finde Dich damit ab und hör auf ständig zu diskutieren!”

Wer diese Lektion beherzigt befindet sich auf der sicheren Seite. Anderenfalls wird es kompliziert. In diesem bei uns uns installierten System lautet eine der mächtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Fragen: “Warum ist das so und nicht anders?” In vielerlei Hinsicht genügt unser System eben nicht den oben genannten Kriterien. Es ist überall irrational und bedient niedere Instinkte, Motive und rudimentäre Verhaltensmuster. Wie wir immer mehr erfahren müssen, bringt uns dies an den Rand des Untergangs. Bereits in vergangenen Zeiten hatten dieses Problem mittlerweile untergegangene Hochkulturen. Doch bisher geschah dies aufgrund des technischen Entwicklungsstandes regional begrenzt. Wenn z.B. die Bewohner alter Millionen Städte zu sehr die Ressourcen ausbeuteten, verschwanden sie einfach und sind heute Betrachtungsgegenstand von Archäologen.

Autorität, einst eine Bezeichnung, die mit Weisheit, Wissen, Lebenserfahrung, Können, verbunden war, ist bei uns allzu häufig vom Konto – Stand, institutionell oder simplen Status durch Geburt ersetzt. Macht, früher die Akzeptanz anderer, dass eine oder einer versuchen darf Ideen durchsetzen, ist zum Selbstzweck geworden, bei dem es nur noch um das Herrschen über andere geht. Geld, welches das Leben durch den Ersatz des beschwerlichen Tauschhandels vereinfachen sollte, hat sich zu einem Fetisch entwickelt, der über den Menschen und seine Bedürfnisse gestellt wird. Das immer mehr haben wollen, über Jahrtausende hinweg in Religionen, Weisheitslehren, Riten, schlecht angesehen, verpönt, geächtet, zur Sünde erklärt, ist zur Basis des Systems gemacht worden. Dabei dachten sich unsere Vorfahren bestimmt etwas dabei. Wir können nicht einmal in Anspruch nehmen, dass das eben alles so ist und der Mensch diesen Verhaltensmustern ausgeliefert ist. Wäre es an dem, würden Angehörige indigener Völker, die Opfer unseres Systems sind, nicht Gegenteiliges leben und auf unseren Irrsinn hinweisen.

Die Behauptung, dass der Mensch zum Fortschritt und dem Streben nach immer mehr quasi verdammt ist, stellt kein Naturgesetz dar, sondern ist lediglich eine Aussage, die sich als unwahr erweist, wenn es nur einen einzigen Menschen gibt, der nicht danach lebt. Historisch und in der Gegenwart gab und gibt es ganze Völker, die anders leben. Womit die Behauptung widerlegt ist. Es besteht damit die Möglichkeit eine bewusste rationale Entscheidung zu treffen.

Einer Person, die die Autorität zur Entscheidung aufgrund von jahrelangem Opportunismus und gefälligen Entscheidungen zur Begründung ähnlicher Autorität höher gestellter Personen erlangt hat, zu folgen, ist absurd. Rational wird es, wenn dieser Person nach verständiger und vernünftiger Prüfung die Sach – und Fachkompetenz zur Lösung einer Aufgabe zugetraut wird. Bei uns läuft es anders. Eine der ersten Lektionen, die ein junger Mensch in unserem System erlernt. Eine weitere, nicht minder irrationale Lektion ist die weit verbreitete Maxime: “Alles ist erlaubt, was nicht in einem Gesetz verboten ist.” Sie ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem innerhalb aller Lebensbereiche staatliche Institutionen mit Regulierungen beauftragt wurden. Der Verlust selbst verständig, vernünftig und verantwortlich zu handeln ist noch das geringste Problem. Die völlige Übertragung der Verantwortung auf gesetzgebende Institutionen legitimiert jeden Asozialen auf noch nicht regulierten Neuland schädlich zu handeln. Außerdem bedeutet es den Verlust der Freiheit. Wir spüren dies gerade in der Pandemie. Teile der Bevölkerung haben den Bezug zu echter Freiheit verloren. Das Tragen einer Maske oder eine Impfung sind rationale verantwortliche Entscheidungen, die für ein Zusammenleben notwendig sind. Anders: Mit allem, was nicht nur mich alleine betrifft oder schädigt, werde ich zum Teil der Allgemeinheit. Alles werde ich niemals vermeiden können und einiges muss hingenommen werden, weil der Mensch fehlbar ist. Doch Masken und eine Verweigerung der Impfung, insofern keine Prädispositionen vorliegen, ist ein vorsätzlicher asozialer Akt.

Ich möchte noch zwei weitere Beispiele für die Irrationalität des Systems anführen. Die Geschichte der atomaren Waffenentwicklung geht u.a. auf Physiker zurück, die genau wussten, welches Monster sie schufen. Wie so häufig in der Geschichte lautete das Ergebnis ihrer Überlegungen: Wenn wir es nicht tun, machen es andere. Unvernünftige schließen von sich auf andere und am Ende wird beschlossen, in die Vorlage zu gehen. Faktisch kommen sie an eins nicht vorbei: Sie waren die Ersten und kein anderer! Dabei ist es egal, ob die anderen es tatsächlich getan hätten. Im nächsten Zug erreichte das atomare Wettrüsten, dass der Einsatz des Waffenarsenals die Erde zigfach zerstören kann. Einmal würde völlig ausreichen. Mit Ratio hat dies nichts zu tun.

Weltweit produzieren Hersteller unter Freisetzung schädlicher Emissionen und immensen Energie – und Wasserverbrauch, was das natürliche Lebenssystem und damit die Grundlage von allem ebenfalls mannigfaltig schädigt bzw. zerstört, Produkte, die zu großen Teilen nicht zum Leben benötigt werden und nur von einem Bruchteil der Weltbevölkerung genutzt werden können. Wenn die Produkte nicht mehr funktionsfähig sind oder ihre Bestimmung verloren haben, werden sie nochmals schädigend entsorgt. Damit die Hersteller dies unterlassen wird entweder gefordert, dass der Verbraucher, oftmals vom Hersteller selbst in Richtung Konsum manipuliert, den Kauf/Verbrauch einstellt oder dem Hersteller für das Unterlassen von der Gemeinschaft Geld gegeben wird. Wenn irgendwo in einer Bar vier Schläger alles kurz und klein Hauen, ein paar Tage später zwei finster drein schauende Typen erscheinen und vor weiteren Belästigungen bezahlten Schutz anbieten, nennen wir dies eine Schutzgelderpressung. Im Falle der Hersteller, sprechen wir von Marktwirtschaft, Handelsabkommen, Wettbewerb und ähnlichen Humbug, dabei ist es simples irrationales globales asoziales Verhalten und jeder Beteiligte, ist Mittäter.

Neuerdings hat unser System einen neuen Dreh erfunden. Aus allem wird eins herausgegriffen. Das CO2, lediglich ein Teilproblem, soll reduziert werden. Der Energieverbrauch an sich wird nicht infrage gestellt. Die bestehende und künftig gesteigerte Energiebedarf soll aus der Elektrizität kommen, die mit das Klima nicht schädigenden Verfahren erzeugt wird. Ein Haken ist hierbei die Speicherung der erzeugten Energie. Die bisher vorhandenen Speicheroptionen sind alles andere als unschädlich. Hierzu muss man sich nur die Vorgänge in der Atacama Wüste ansehen. Wie die industrialisierten Staaten sich auch Drehen und Wenden volkstümlich gesagt wird mit dem Arsch eingerissen, was vorn gebaut wurde.

Was fehlt, ist die rationale Einsicht: Unsere Lebensart ist schädlich. Sie ist die Wurzel von allem Übel.

Immer wieder ist zu lesen, dass es dieses oder jenes früher auch schon gab und die Erde sich trotzdem weiter drehte. Die Entwicklung des Menschen, die irgendwann entstandene Dominanz der Siedler gegenüber den Nomaden, die Entstehung von Massengesellschaften, die Industrialisierung und die Kolonialisierung, das Atomzeitalter, sind Abschnitte eines Prozesses. Ich kann nicht von Geschehnissen vor 1000 Jahren auf die Auswirkungen eines späteren Abschnitts schließen. Wer dies unternimmt versucht sich zu beruhigen und verschließt die Augen. Auch das ist irrational. Wer mit 250 km/h über die Autobahn rast und sich damit beruhigt, dass bis zu diesem Zeitpunkt auch immer alles gut ging, vor allem wenn man zuvor einen VW Käfer mit 120 km/h Spitzengeschwindigkeit bei Rückenwind fuhr, hat einiges nicht verstanden.

Von Kindesbeinen an werden wir darauf getrimmt, das Irrationale als gegeben und richtig hinzunehmen. Doch damit wird es nicht rational und im Innern spürt jeder, das da etwas nicht richtig ist. Nur, wie soll man es ändern? Die Auswirkung ist eine instinktive Ohnmacht. Das Gefühl, dem ausgeliefert zu sein ohne etwas dagegen tun zu können. Die Folgen sind weitreichend und ziehen sich quer durch das gesamte gesellschaftliche Leben. Wie der oder die Einzelne dies kompensiert ist unterschiedlich, doch die Wurzel ist identisch. Besonders gut ist es bei den Jugendbewegungen zu beobachten. Vieles läuft auf die Frage hinaus: Was zum Teufel macht ihr Älteren da? Die Angesprochenen reagieren nicht mit rationalen Gegenargumenten, wie auch, wenn es keine gibt, sondern entweder mit dem Verweis auf den Fetisch Geld oder diffamierend. Leistungsverweigerer, Chaoten, Gören, Träumer, Naivlinge, Alternativ, linksversifft und ähnlich lauten die Bezeichnungen. Sie sollen erst einmal verzichten, dann könne man sie für voll nehmen.

Dabei gilt es festzustellen, dass der aktuelle Status des Planeten nicht denen anzulasten ist, sondern den Älteren. Gleiches gilt für das System inklusive der benannten Modalitäten, die es Herstellern möglich macht, die Verantwortung von sich zu weisen und dem Verbraucher aufzubürden. Weiterhin haben die Älteren sie bisher dahingehend sozialisiert und ihnen die “schöne” Welt des Konsums vorgesetzt. Außerdem haben wenige Ältere gegen die Manipulationen, die Bedürfnisse erzeugen, welche es ohne die Hersteller gar nicht geben würde, rebelliert. Ich denke, die meisten, welche heftig auf Neubauer, Thunberg, FFF u.a. reagieren, fühlen sich in ihrer Ohnmacht, mit der sie sich ein Leben lang irgendwie arrangierten, ertappt. Es ist eine ähnliche Reaktion wie nach dem Dritten Reich und Niedergang der DDR. Was kritisiert ihr uns? Ihr wart nicht dabei und könnt nicht sagen, ob ihr rebelliert hättet. Die Aussage ist korrekt! Rational ist sie jedoch kein Widerspruch gegen eine aktuelle Rebellion. Mit Sicherheit ist fraglich, ob die in voller Tragweite sehen, wo die Forderungen hinführen. Deshalb sind die Forderungen nicht falsch.

Utopie hat bei uns einen negativen Beigeschmack. Meiner Meinung nach völlig zu Unrecht. Utopien sind nichts anderes als die Ausformulierung von Zukunftszielen. Hingegen sind Dystopien Hochrechnungen für ein möglicherweise eintretenden Zustand, wenn keine Kurskorrekturen vorgenommen werden und alles seinen Lauf gelassen wird. Eine Utopie ist das Ergebnis einer rationalen Überlegung: Da wollen wir hin! Nun müssen wir schauen, wie wir dahin kommen. Sich einfach treiben zu lassen, sich ohne Kompass und Plan von technischen Innovationen in die Zukunft geleiten zu lassen, sich der Gier und den Manipulationen über das Belohnungssystem des Gehirns hinzugeben, kommt einem Kontrollverlust gleich und führt geradewegs ins von Naturwissenschaftlern prognostizierte Verderben.


Juli 24 2021

Die modernen Ketzer

people holding banner Lesedauer 10 Minuten

So wie irgendwo eine Äußerung von Luisa Neubauer auftaucht, meldet sich ein wütender Mob zu Wort: Sie hätte noch nichts im Leben geleistet, heißt es dann. Leider erfolgt nie eine Konkretisierung was dabei unter einer Leistung verstanden wird. Darüber kann trefflich je nach Weltanschauung gestritten werden. Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Meinung an eine wie auch immer geartete Leistung gebunden ist. Nietzsche studierte und wurde mit 24 Jahren Professor an der Universität in Basel. Einer, der sich selbst gern als die letzte konservative Bastion des deutschen Journalismus bezeichnet, Jan Fleischhauer, gern den wütenden Mob bedient, begann seine Karriere beim SPIEGEL mit 25 Jahren und erntete mit seinen Artikeln keinen Shitstorm, schlicht, weil es sowas 1989 noch nicht gab. Nach dem Lesen seiner Texte glaube ich ein wenig verstanden zu haben, was er bedienen will oder ihm gegen den Strich steht. Es scheint, dass er damit den Nerv einiger trifft.

Schwierig wird es immer dann, wenn man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Vom Übermenschen erwartet man auch übermenschliche Disziplin.

https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-im-minus_id_13525344.html

Er und andere wittern bei Neubauer und den jungen Menschen, die sich bei FFF engagieren, eine zur Schau getragene moralische Überlegenheit, die einer näheren Überprüfung nicht Stand hält. Das dies in Deutschland ein Thema ist, sehe ich genauso. Allein schon, weil unser Lebensstandard auf diversen Sauereien fußt, aber völlig anders verkauft wird. Im gleichen Zuge betrachte ich skeptisch die Rolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union.
Nur sehe ich weder bei Neubauer noch bei den Schülern diesen Anspruch im eigentlichen Sinne. Man könnte sich eventuell an Spins wie “Alter weißer Mann” oder “Boomer” stoßen. Ich finde, ab einem gewissen Lebensalter, kann man die Gelassenheit entwickeln diese Spins, als Teil eines Generationskonflikts zu sehen. Mangels der fehlenden Möglichkeit auf ein Leben zurückzuschauen, welches sich aus Fehlern, Erfolgen, up-and-down einer Biografie zusammensetzt, verleitet einen in jungen Jahren zur Annahme, dies im eigenen Leben verhindern zu können. Schwierig finde ich, wenn Ältere eine Scheinheiligkeit vor sich hintragen, die immer einem Versteckspiel vor sich selbst entspricht. Dazu gehört auch, die eigene zurückliegende jugendliche Arroganz zu leugnen.

Aber was haben die verändernden Eingriffe ins Klima, zurückliegend und heute, die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Emissionen aller Art mit Moral zu tun? Ist die zentralistische Betrachtung des Menschen, die zu Begriffen wie Umwelt und Umweltschutz, welche von einem Geschehen um den Menschen herum geprägt sind, statt ihn als untrennbaren Teil des Gesamten zu sehen, moralisch gerechtfertigt? Stichwort: Anthropozän – das vom Menschen gestaltete Erdzeitalter. Hat sich der Mensch nicht falsch eingeschätzt? Ist der Wunsch nach dem Überdauern eines natürlichen Weltgeschehens versus einem nur mittels technischen Schutz möglichen Überlebens des Menschen bei gleichzeitigen opfern aller anderen Lebewesen eine Frage der Moral? Im gewissen Sinne schon. Aber sollten dann nicht gerade Konservative, die sich mehrheitlich zu einer übergeordneten Gottheit und Schöpfung bekennen, sich für einen Erhalt aussprechen? Für mich ist dieser Widerspruch nur lösbar, wenn sich die Bezeichnung konservativ nicht auf Schöpfung, Erhalt und den christlichen Glauben bezieht, sondern eher auf das Streben nach Überwindung der natürlichen Abhängigkeitsverhältnisse und die Installation eines globalen Systems, welches nach den Ideen des Großhirns funktioniert. Gut, manche mögen daran glauben, dass dies funktionieren kann. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind die von Naturwissenschaftlern festgestellten Prozessverläufe ein deutliches Zeichen für das Scheitern.

In einem anderen Vorwurf heißt es, sie käme aus einer wohlhabenden Familie und im Übrigen wäre sie selbst auch schon geflogen. Dies weist auf einen typischen menschlichen Wesenszug hin. Im Grunde weiß man wie irrational und möglicherweise schädlich das eigene Verhalten ist. Doch was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht einmal etwas gönnt, über die Stränge schlägt und sündigt? Mich fasziniert dies immer wieder. Die menschliche Unvernunft, die sich gegen einen selbst richtet, wird mit der Auflehnung gegen etwas Höheres legitimiert, das dann im Nachgang Gnade walten lässt. Ebenso wird das Recht auf Unvernunft angesprochen. Die Reichen und Wohlhabenden, welche sich alles leisten können und die Armen, welche sich abmühen müssen, um auch ein wenig Spaß zu haben. Macht es für die Lebewesen im Erdboden einen Unterschied, ob ein Reicher oder ein Armer illegal einen Kanister Mineralöl ausleert? Nun mag man sagen, dass das Fliegen eher unter Vergnügen läuft, denn einer illegalen Chemikalienentsorgung. Aus der Perspektive aller anderen Lebewesen ist es eine Schädigung. Ist der Wahrheitsgehalt der Aussage vom Status oder dem eigenen Verhalten abhängig? Worum es doch geht, ist das Wissen darüber. Ich weiß von der Schädlichkeit und tue es trotzdem. Darf ich Schaden zufügen, wenn ich weiß, dass mein Handeln einen verursacht? Juristisch nennt sich das Vorsatz! Wenn jemand ein Fahrzeug in zweiter Spur abstellt und die Warnblinkanlage einschaltet, ist offensichtlich das Wissen um die Gefährlichkeit des Handelns vorhanden. Deshalb kostet diese Vorgehensweise mehr, als das ungesicherte Abstellen. Jeder von uns weiß nach dem aktuellen Wissensstand, dass der Flug anteilig eine Schädigung darstellt. Damit muss ich irgendwie umgehen. Wer sich dies nicht eingestehen will, muss eine Rechtfertigung finden. “Mein Flug fällt bei der Anzahl der Vielflieger nicht weiter ins Gewicht.” “Warum sollte ich verzichten, wenn alle anderen ebenfalls und sogar noch mehr schädigen?” “Sollen doch erst einmal die anderen, die Reichen, ihr Verhalten ändern, dann können wir über meinen kleinen Anteil sprechen!” Oder wie es die/der Besitzer/in des angesprochenen abgestellten Fahrzeugs formuliert: “Herr Wachtmeister, kümmern sie sich doch erst einmal um die richtigen Verbrecher und nicht um mich.” Diese Rechtfertigung wird schlagartig hinfällig, wenn wegen des Hindernisses ein Motorradfahrer ausweichen muss und das Opfer eines unachtsamen anderen Fahrers wird. Denkbar ist auch die Entstehung eines Staus, der die Einsatzfahrt eines Rettungswagen zu einem Verletzten verlangsamt.

Ich selbst fliege und kritisiere. Einerseits zeige ich damit mit dem Finger auf mich selbst, und andererseits auf meine Zeitgenossen. Wie halte ich das aus? Bei mir ist eine Resignation die fadenscheinige Rechtfertigung. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass der Zug abgefahren ist. In dieser Lage kann ich nur noch das Beste für mich selbst herausholen.

Ich sitze mit einer Partygesellschaft in einem Bus, der mit zunehmender Geschwindigkeit und einem “zugekoksten” Fahrer am Steuer auf eine Betonwand zu rast. Vielleicht haben drei oder vier Mitfahrer die Lage erkannt. Meine Möglichkeiten beschränken sich darauf den Fahrer zu erschießen und dazu bin ich zu feige, schon deshalb, weil sie mich danach lynchen. Die anderen verfügen eventuell über mehr Möglichkeiten. Wenn sie eine Idee haben, werde ich sie mit allen Mitteln unterstützen. Doch ich werde sie bestimmt nicht besoffen und grölend beschimpfen. Dies übersehen einige geflissentlich. FFF, Neubauer, und viele andere, kämpfen mit Überzeugung für alle und nicht allein für sich selbst. Ob sie einen Weg gewählt haben, der den Bus vor dem Einschlag in die Wand bewahrt, wird sich zeigen.

Schaue ich mich um, sehe ich keinen Grund, denen zu glauben, die sich an den Schalthebeln der Macht befinden. Wer ernsthaft das Ende einer Ausbeutung fossiler Ressourcen plant, erschließt nicht täglich neue Ölfelder, Erdgasvorkommen oder Kohleflöze. Wem es mit der Sache ernst ist, plant keine Weltmeisterschaft in Qatar, um sich bei denen “Liebkind” zu machen.

Zurück zu Frau Neubauer und ihren Aussagen. Im Kern geht es zunächst einmal um den Hinweis, dass Politik in einigen Bereichen nicht umhinkommt, nicht nur den Rat von Wissenschaftlern einzuholen. Notwendig ist es auch, die politischen Entscheidungen darauf basieren zu lassen.

Weiterhin merkt sie an, dass zwar viele kostenlose Worte ausgesprochen werden, aber keine konkreten Handlungen folgen. Kurzum, sie stellt keine eigenen Forderungen. Sie gibt das wieder, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten sagen und fordern. Doch die nimmt sich keiner vor, schon gar nicht jene, deren Ruf nahezu unantastbar ist und international anerkannte Beiträge leisten oder leisteten. Wenn überhaupt, wenn sie allgemein für jedermann verständlich aufbereitet sind, kommt es zur üblichen Reflexreaktion: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Irrationalität trifft auf wissenschaftliche Nüchternheit.

Angesichts der Flutkatastrophe kam eine neue nicht weniger verkorkste Entgegnung ins Spiel. Frau Neubauer oder FFF solle/n sich derzeit zurückhalten, weil der Hinweis auf all die Unterlassungen bezüglich des Klimawandels von den Missständen bei der Katastrophenbekämpfung ablenken würde. Der Klimawandel, laut Wissenschaftler aus dem Verhalten der vergangenen Jahrzehnte resultierend, bedingt immer kürzer werdende Zeitintervalle beim Auftreten von Ereignissen wie Stürme, Starkregen, Fluten, Hitze, Dürren. Da die Aussagen der Wissenschaftler konsequent ignoriert wurden, vernachlässigte man auch den Katastrophenschutz bzw. die notwendigen Schutzmaßnahmen. Anders herum aufgezogen, kann ich schwer erhebliche Ausgaben für den Schutz begründen, wenn ich den Klimawandel und den Eigenanteil daran abtue. In dem Moment müsste jeder nachfragen, warum ich neben dem Schutz nicht gleichzeitig alles unternehme, damit die Phänomene nicht auftreten. Ich denke, die Wahrheit liegt woanders. Die Damen und Herren gingen davon aus, dass es wie üblich die südliche Hemisphäre treffen würde, während man in Mitteleuropa fein raus ist. Nun, dies scheint sich als Irrung herauszustellen.

Dann gibt es noch die Zeitgenossen, die Frau Neubauer auffordern, statt zu reden, ins Krisengebiet zu fahren und dort bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Warum sollte sie dies tun und was hat das mit ihren Aussagen zu tun? Muss jeder Kritiker oder wegen meiner auch jede/r Politiker, der das Unterlassen von schädlichen Eingriffen in die Lebensgrundlagen des Planeten und Klima fordert irgendwo hinfahren und Hilfe leisten? Machen demnächst einige Abgeordnete einen Ausflug in die Sahelzone? Oder schicken wir Politiker (dafür wäre ich sogar offen), die militärische Interventionen fordern mit der Waffe in der Hand in die Region? Stellt sich der vergreiste Horst Seehofer demnächst an die Europäische Außengrenze? Ich denke, jede/r sollte tun, was sie/er kann und dabei auch den Nutzen berücksichtigen. Wer in der Gegend wohnt, passende Kenntnisse hat und auch noch die Möglichkeiten hat, sollte helfen, alle anderen sind eher hinderlich und bringen im Zweifelsfall Retter in Schwierigkeiten. Inwiefern die Nichtteilnahme an den Arbeiten im Katastrophengebiet ein Qualitätskriterium für die Aussagen ist, erschließt sich mir nicht. Dieses Konstrukt wirft eher ein Licht auf diejenigen, welche sich in dieser Art äußern.

Liegt die Fokussierung daran, dass sie sich an die 26 800 Wissenschaftler, die sich bei Scientist for Future engagieren nicht herantrauen? Könnte es so einfach sein?

Sie sagt, man solle auf die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hören. Andere halten ihr entgegen, dass Wissenschaft nicht alles wäre. Wissenschaft ist nicht Wissenschaft, und spätestens seit der Erfolgsserie “Big Bang Theory” kennen wir die Haltung eines Sheldon Coopers zu allen Wissenschaften jenseits der Physik. Bei allem, was sich um das Klima dreht, sind wir mitten in den Naturwissenschaften und zumeist in der Physik. Im 21. Jahrhundert sind die meisten von uns auf vielen Gebieten Anwender und verstehen nicht ansatzweise, was technisch vor sich geht. In den 80ern konnte ich noch an einem Fahrzeug herumschrauben. Heute öffne ich die Motorhaube und habe nur Fragezeichen auf der Stirn. Dies ist bei vielen Dingen der Fall. Was bleibt mir übrig? Ich muss mir im Zweifelsfall jemanden meines Vertrauens suchen. Habe ich beispielsweise zwei Virologen mit völlig unterschiedlichen Aussagen vor mir zu stehen, tendiere ich dazu den Selbstdarsteller und Freund des Partyvolks zu meiden und dem etwas verpeilt wirkenden Nerd zuzuhören. Wenn der dann auch noch der BILD Zeitung sagt, dass er keine Zeit hat sich mit ihnen zu beschäftigen, sind bei mir die Würfel gefallen. Das ist wie mit dem Gebrauchtwagenkauf. Lieber kaufe ich einen Wagen bei einer einfachen Garage, in der mit Öl verschmierte Mechaniker herumspringen, als das ich ihn bei einem Händler mit 20 Fahnen auf dem Parkplatz kaufe. In Bezug auf Virologen scheine ich da nicht alleine zu sein. Ich finde es Prima, dass das so ist und folge dem gern. Dem Schnellaufsteiger im Anzug hätte ich mehr Skepsis gegenüber aufgebracht. Ist das eine linke Position? Wenn es nach Herrn Fleischhauer geht, wohl ja, aber Anzugträger und Karriereristen ziehen sich gegenseitig an, mich bringen sie eher auf Abstand. Wer echte Kompetenz innehat, benötigt keine Kultur – Kostüme. Bei Kompetenz geht es mir nicht um das alleinige Wissen über die Zusammenhänge, sondern menschlich kompetent ist für mich ein Mensch dann, wenn das Wissen zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Denn ohne diese Gemeinschaft ist er nichts. Fast nichts von dem, was mich umgibt, kann ich wirklich alleine herstellen oder in Gang bringen. Aktuell befindet sich die Automobilbranche in Nöten, weil die Pandemie und vermutlich auch einige Katastrophen den Nachschub an Computerchips zum Versiegen gebracht hat. Was wird aus dem viel gelobten Hightech – Plan, wenn Teile des Planeten unbewohnbar werden? Können sich die Industrieländer autark machen und auf all die Produktionsstätten verzichten? Wäre es nicht logischer, als wohlhabendes Land an der einen oder anderen Stelle zu verzichten, damit die ärmeren Länder weiter produzieren? Nur so ein Gedanke von mir.

Die Grundidee bei der Kritik besteht darin, dass Naturwissenschaften Erkenntnisse liefern, aber der Umgang damit von diversen anderen Faktoren abhängt. In Tschernobyl konnten die Naturwissenschaftler mit Sicherheit sagen, dass die ersten Einsatzkräfte nach kurzer Zeit sterben werden. Damit fanden die sich Zugunsten einer weit größeren Menge an Toten und Verstrahlten ab. An der wissenschaftlichen Erkenntnis gab es nichts zu deuten. Wir wissen, dass demnächst die giftigen Hinterlassenschaften des II. Weltkriegs nicht nur große Teile des Lebensraums Meer zerstören, sondern das Schweröl aus den Tanks Küstengebiete verseuchen wird. In der Ostsee hat dies bereits angefangen. Die Wissenschaft und Aktivisten haben darauf hingewiesen, oder anders: Das Wissen weiter gegeben. Vor der Aufgabe die Katastrophe abzuwenden stehen mehrere Staaten. Da es sich um Hinterlassenschaften aus dem II. Weltkrieg handelt, wird diskutiert, ob sie in der Verantwortung der Herkunftsstaaten der am Meeresgrund liegenden Schiffe mit Schweröl in den Tanks und Unmengen von versenkten TNT liegt, die “Zerstörer” der Schiffe und Entsorger der Kriegsmunition (Allierte) gefragt sind oder die von der eintretenden Katastrophe betroffenen Staaten sich selbst des Problems annehmen müssen. Tatsächlich geht es um die Kostenübernahme. Einige Länder setzen auf eine nachträgliche Säuberung der Küstenlinie, was dem Meer nicht hilft. Die Nordeuropäischen Staaten haben nach einer wissenschaftlichen und ökonomischen Berechnung erkannt, dass die Kosten bei einer zerklüfteten Küste extrem nach oben schnellen und eine Lösung am Meeresboden für sie günstiger ist. Wie beim Klima und der Zerstörung wird das Wissen hingenommen und ein anderer Faktor vorangestellt. Geld, welches zur Abwendung des ultimativ eintretenden Schaden investiert werden muss. Wie wahnsinnig es auch sei, im Gehirn des Menschen hat der temporäre Besitz und die Mehrung Vorrang.

Hiergegen treten Neubauer und Co an. Nicht nur, in der Kritik an andere und ihrem Verhalten, sondern auch bei sich selbst.

Kaum jemand spricht beim Thema Klima über die realen Konsequenzen. Damit meine ich nicht die, vor denen in jüngerer Vergangenheit weltweit die Opfer der Katastrophen in Australien, China, USA, Russland, Südostasien standen und nunmehr sich auch in Deutschland zeigen. Das gesamte aktuelle System, inklusive der dahinter liegenden Gedankengebäude und Urstrukturen des Menschen steht vor dem Ende. Der Versuch, sich den Folgen mittels Technologie entgegenzustellen, ist ein verzweifeltes Aufbäumen, welches geeignet ist, das System zu schützen, aber mit absoluter Sicherheit nicht das bestehende natürliche Lebenssystem Erde retten wird. Vielleicht überlebt der Mensch mittels Technologie zusammen mit einigen ihm genehmen Spezies, aber das ursprüngliche sich selbst tragende Lebenssystem geht drauf.

Die Wut und der Hass sind systemimmanent

Das Wachstum, Profite, ein Geldsystem, der Wohlstand, die grenzenlose Neugier des Menschen als unabänderlich zu sehen, die Sesshaftigkeit und die Folgen als Vorteil zu bezeichnen, sind neben diversen anderen Betrachtungen reine Ergebnisse des Großhirns, die auch vollkommen anders gesehen werden können. Glaubensgemeinschaften, indigene Völker, Nomaden, die sich bewusst dagegen entscheiden, sind der Beweis. Jeder der behauptet, die vorgenannten Verhaltensweisen sind die einzigen, zu denen der Mensch fähig ist, macht sich etwas vor und versucht irgendwie die eigene Entscheidung zu rechtfertigen. Wenn es denn überhaupt eine Entscheidung ist. Die Mehrheit der in industrialisierten Staaten lebenden Menschen treffen keine Entscheidung zwischen verschiedenen Ansätzen, sondern passen sich, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben ins vorgefundene System ein. Die Gemeinschaft der Amisch kennt die Zeit des “Rumspringa”, in der sich in der Gemeinschaft geborene Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr, nachdem sie eine Zeitlang außerhalb gelebt haben, für einen Beitritt entscheiden können.

Und nun kommen junge Menschen daher und stellen diese stets als Selbstverständlichkeit betrachteten Doktrin infrage. Schlimmer noch! Sie üben diese Kritik, während sie innerhalb dessen leben, was als das Nonplusultra ersehen wird. Sollen sie doch gehen! Wir leben in einem freien Land. Da gibt es einen Haken. Die dominante Lebensweise und Anschauung zerstört langfristig alle anderen Optionen. Es ist quasi eine feindliche Übernahme aller anderen Lebenssysteme, die mit einer Art Heilsversprechen verknüpft wird. Mich erinnert dies an die alten christlichen Missionare oder die brutale Zeit, in der in Europa zwischen dem wahren Glauben und der Ketzerei unterschieden wurde. Was die jungen Klimaaktivisten betreiben kommt der Blasphemie gleich. Wie wütend Rechtgläubige darauf reagieren, wissen wir aus der Geschichte. Blasphemie und Ketzerei gefährden nach dem Glauben alle, weil sie das Göttliche, hier den “Freien Markt”, “das Wachstum und den Fortschritt”, herausfordern bzw. anzweifeln.

Die Aussagen, das pure Wissen, der Naturwissenschaftler anzuzweifeln ist vor dem Stand der Wissenschaft, in dem die Quanten – Physik entwickelt wurde, Wissen um den Aufbau von Atomkernen erlangt wurde und Teilwissen über die Zusammenhänge im Universum besteht, vollkommen irrational und geht damit in Glauben über. Bei Glaubensfragen wird es traditionell kompliziert und häufig aggressiv. Aus der Kirche des “Mammon” selbst heraus wird Kritik geübt. Das entspricht Mitgliedern der katholischen Kirche, die vom Papst bis hin zum gesamten Klerus, alles infrage stellen. Wen wundern da noch die Reaktionen auf FFF, Neubauer, Greenpeace u.a.? “Alles was nicht konservativ ist links.” Ja, und alles, was nicht der Linie der Katholischen Kirche folgt, ist Ketzerei.

Juli 2 2021

Meinungsfreiheit

Lesedauer 7 Minuten

Kürzlich führte ich ein spannendes Gespräch über das Thema Meinungs – und Kunstfreiheit. Aufhänger war der unter Umständen anstehende Auftritt des Sängers Xavier Naidoo auf der Spandauer Zitadelle in Berlin. Einige sprachen sich für ein Untersagen aus und andere merkten an, dass sich in Deutschland zunehmend ein innergesellschaftlicher Kampf um eine Interpretationshoheit bezüglich des Statthaften und eben Nichtzulässigen ausbreitet. Vorweg: Ich gehörte zur letzteren Fraktion.

Zunächst einmal tritt der Mann als Musiker und nicht als Redner auf. Allerdings wäre es naiv anzunehmen, dass nicht die passenden Anhänger erscheinen und er auf der Bühne einschlägige Sprüche ablässt, wenn nicht ohnehin schon im Liedtext vorhanden. Ein schräger Typ, Mystiker, verwirrter Erzähler von wilden Geschichten, Reichsbürger und religiöser Fanatiker. Vermutlich ist diese Aufzählung nicht abschließend. Kurzum ein Spinner mit einer viele ansprechenden Stimme stellt sich auf die Bühne und trällert gefällige Melodien, in denen merkwürdige Texte versteckt sind. Damit ist er wahrlich nicht alleine. Die Geschichte des Pop und Rock ’n’ Roll ist voll davon und oftmals ist das in Deutschland nicht aufgefallen, weil kaum ein Fan jemals die Texte übersetzte.

Einige in der Runde merkten an, dass von ihm und seiner Hetze eine Gefahr ausgehe. OK, dies ist die allgemein gängige Argumentation. Aber was wäre ein Hetzer ohne Zuhörer und Gefolgschaft? Ich glaube, es war Oscar Wilde, der sinngemäß schrieb: “Warum erzählen wir anderen von unserer Meinung? Weil wir Angst haben mit ihr alleine zu sein!” Einer von vielen Spinnern, die die Straße entlang laufen und wirres Zeug erzählen. Ich wohne in der Nähe einer psychiatrischen Einrichtung. In der näheren Umgebung begegnen einen immer mal wieder Leute, die sich in sich und ihre Wahnvorstellungen zurückgezogen haben. Keiner käme auf die Idee ihnen zu folgen oder gar zu huldigen. 

Wem verbieten, wem erlauben?

Bei Leuten wie Xavier Nadoo oder Attila Hildmann geht es nicht um nachvollziehbare Ideologien oder real umsetzbare politische Forderungen, sondern um Wahn, der dem Weltbild einer Sekte entspricht. Wie immer, sollte man Sekten nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. In Relationen zur gesamten Bevölkerung wird die Zahl der Anhänger immer begrenzt bleiben. Dennoch können sie gefährlich werden und eine Menge Schaden anrichten. Wie gehen wir sonst damit um?

Was wäre mit Leuten, die daran glauben, dass auf der Erde einst ein epischer Kampf von Außerirdischen stattfand und sich eine außerirdische Rasse auf eine Art Geistebene zurückzog, die sich in menschliche Körper eingenistet haben. Nach ihren Vorstellungen erfuhren die Auserwählten von der vor Urzeiten so oder ähnlich stattgefundenen Geschichte durch eine schillernde Persönlichkeit. Einen Mann, der mehrfach in der US – Navy scheiterte, Tomaten auf Schmerzempfinden untersuchte, sich Okkulten Zirkeln anschloss, dort selbst einem Aleister Crowley zu schräg ( … und den konnte vermutlich wenig beeindrucken) wurde, Sci Fy – Romane schrieb. Dies ist mindestens so schräg, wie der Kram, den die beiden aktuellen Galionsfiguren der deutschen Mystiker Szene von sich geben. Sollte man denen Auftritte, das Verbreiten von Büchern, Filmen und Musikauftritte verbieten? Vielleicht, aber wir tun es nicht. Ganz im Gegenteil, diese Leute scheffeln Millionen und füllen die ganz großen Bühnen. Wer es noch nicht bemerkt hat: Die Rede ist von Scientology.

Da draußen laufen eine Menge Gestalten herum, die mir persönlich ziemlich seltsam vorkommen. Hierzu gehören auch die ca. 2,5 Millionen christlichen Fanatiker aus der evangelikalen Bewegung. Hört man sich die Texte von Xavier Nadoo an, kommt schnell der Verdacht auf, dass er denen nicht unbekannt ist und es verwundern auch nicht die auf den Corona – Demos mitlaufenden assoziierten Mitglieder. Krisen, Epidemien, Naturkatastrophen, haben in der Geschichte der Menschheit schon immer diese Wirkung auf einen Teil der Bevölkerung betroffener Gebiete gehabt. Warum auch immer dies so ist. Historiker, Psychologen, Psychiater und Soziologen suchen seit Jahrzehnten nach einer Antwort. Vermutlich ist der innere Drang alles zu erklären derartig ausgeprägt, dass das dem Menschen nicht zugängliche eben mit eigenen, und wenn sie noch so fantastisch sind, Erzählungen erklärt werden. Gleiches gilt, wenn es eine handfeste Ursache gibt, sie aber nicht in das eigene Weltbild hineinpasst.

Mit Verboten ist dem nicht zu begegnen. Im Gegenteil, sie befeuern die Mythen. In deren Logik ist das Verbot ein sicheres Zeichen dafür, dass sich finstere Mächte vor einer Entdeckung schützen wollen. Prinzipiell fallen diese Menschen in eine Zeit lange vor der Aufklärung zurück. Sie und ihre Vorfahren haben sich die Entwicklung mit Technologie, Naturwissenschaften, Entmystifizierung eine Weile angeschaut, um nun darauf hinzuweisen, dass dies auch alles nichts gebracht hat, weil alle immer noch im gleichen Dilemma stecken, nur mit Abwandlungen. 

Was resultiert aus Verboten?

Ich glaube mittlerweile, dass es dynamische Prozesse gibt, an denen man zwar teilhaben kann, aber es keinerlei Garantie dafür gibt, dass sie den von einem selbst gewünschten Verlauf nehmen bzw. gezielt Einfluss nehmen kann. Man agiert innerhalb, woraufhin eine Wirkung nicht ausbleibt, aber wie die dann aussieht, weiß keiner. Sich dem zu entziehen ist unmöglich. Statt das Aussprechen von Meinungen, Leugnungen oder Lügen zu untersagen, sollte man meiner Auffassung nach schlicht mit einem Verhalten antworten, welches den eigenen Ansprüchen genügt. Gleiches gilt für die Art und Weise der Formulierung. Verbote, Repressionen, Eindämmungen, Kampf, erzeugen erfahrungsgemäß eine Gegenreaktion. Ich finde, aktuell ist dies gut bei den Auseinandersetzungen zu denen Themen Rassismus, Gendern und Sexismus zu beobachten. Wozu hat das kämpferische Auftreten der Akteure geführt? Diejenigen, welche ohnehin aufgeschlossen waren, sind es geblieben, einige sind genervt und die, welche geändert werden sollen, verschanzen sich. Mir kann man entgegenhalten, dass sich in der Geschichte vieles ohne Kampf nicht geändert hätte. Das ist korrekt und zu bedenken. Aber wenn ich schon in den Kampf ziehe, dann nicht kopflos und brachial, sondern taktisch klug. Ich halte es dabei mit Sun Zi und seinen Ausführungen darüber, wie man einen Krieg gewinnt. Hinzu kommen noch die in China bestens bekannten 36 Strategeme aus der dem chinesischen General Tan Daoji zugeschriebenen Sammlung von Kriegstaktiken.

Bei den genannten Themen handelt es sich nicht um meine Baustellen. Ich bin hellhäutig, heterosexuell und meine Identifikation mit meinem Geschlecht ist für mich eindeutig. Gleichzeitig ist mir dies im Kontakt mit Mitmenschen nicht wichtig. Damit ist es nicht mein Kampf. Es wird erst zu meinem, wenn ich attackiert werde. Versuche, mich auf der einen oder anderen Seite als Kombattanten einzuspannen, wehre ich ab. Gleichsam halte ich den Kampf der Minderheiten an sich für legitim. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ich die Art, wie sie ihn führen, für effektiv, zielführend und erfolgversprechend halte. Entscheidend ist bei solchen Geschichten stets die Umfeldgestaltung, die von diesen Leuten ausgeht. Ja, der Ton und Umgang wird in manchen Bereichen vergiftet. Aber noch kann man sich dem entziehen.

Strategische Entscheidungen basieren auf Einschätzungen, die entweder abstrakt hergeleitet werden oder auf konkreten Informationen über das Umfeld und seine Entwicklung basieren. Eine wesentliche Information ergibt sich aus dem, was die Leute von sich geben. Wenn sich einer oder mehrere als Holocaust Leugner outen, bekomme ich die Möglichkeit, sie als solche zu erkennen, den Rest ihrer Gedankenstrukturen zu erfahren, sie einzuschätzen und letztlich Konsequenzen daraus zu ziehen. Weiterhin ist es informativ, wer diesen Leuten in welchem Umfang mit welchen Motiven folgt. Es heißt nicht umsonst: Wer fragt, der führt, und das sich jemand um Kopf und Kragen redet. Ich nehme mal die Position von Xavier Naidoo ein. Sollte er jemals wieder wach werden oder es vielleicht bereits getan haben, hat er längst den Punkt überschritten, von dem aus er nochmals zurückkönnte. Der 50 – jährige muss jetzt sein Ding durchziehen und kann nur hoffen, dass das bisher verdiente Geld bis zum Lebensende ausreicht. Ein wenig wird er noch aus der Anhängerschaft herausholen. Bei Attila Hildmann sieht es genauso aus. Seine aktuelle Strategie ist recht durchsichtig. In all seinen Kommunikationskanälen bietet er seiner Anhängerschaft seine Produkte an. Beide setzen sie auf eine sich zukünftig verschärfende Krise und versuchen daraus Geld zu schlagen. Auch dabei sind sie nicht alleine. Findige Geschäftemacher die in der Esoterik – Szene unterwegs sind, machen nichts anderes.

Aussagen/Meinungen demaskieren

Mir selbst bleibt die Beobachtung des Geschehens und die Analyse, wie ich mich am besten innerhalb des Geschehens bewege. Noch scheint alles in Ordnung zu sein. Die Zahl der Anhängerschaft ist überschaubar. Selbst bei der AfD setzt ein Prozess ein, in dem sich die Protagonisten durch ihre Äußerungen immer mehr der Lächerlichkeit preisgeben. Ein prägnantes anderes Beispiel liefern junge politische Newcomer, wie Benedikt Brechtken von der FDP oder auch ein Manuel Ostermann von der DPolG. Ich musste herzhaft beim Lesen einer Diskussion einiger Wikipedia – Autoren lachen. Es ging darum, ob der Eintrag für Brechtken bestehen bleiben soll oder nicht. Einer brachte das Argument ein, dass man eine gewisse Verantwortung habe und dem jungen Mann nicht die Zukunft verbauen solle, weil er vermutlich ab einer gewissen Reife seine in der Vergangenheit gesagten Worte bereuen wird. Bei Ostermann, der nach dem einfachen Schwarz – Weiß – Schema alles jenseits der Werteunion sind gefährliche Extremisten vorgeht, fragt sich der Beobachter, was in seinem erprobten und erfahrenen Förderer Rainer Wendt vorgeht.

Andere Gruppen, wie zum Beispiel die Leugner des Klimawandels, oder die viel mehr gefährlichen Personen, nämlich jene, die durchaus erkennen was passiert, aber aus reinem Eigennutz heraus ein Handeln verweigern, bereiten mir größere Sorgen. Doch auch von ihnen erfahre ich nur, in dem ich sie frei sprechen lasse. Wenn sie es denn mal alle täten! Viele von denen sind schlau genug, es nicht zu tun. Ein wesentlicher Punkt im aktuellen Zeitgeschehen. Die Leute, deren Handlungen eine tatsächliche mich unmittelbar selbst betreffende Auswirkung haben, täuschen, tarnen, verstecken sich hinter Propaganda und äußern ihre echte Meinung nicht.

Gelassenheit

Unabhängig von alledem, halte ich ein wenig Abstand für angezeigt. Natürlich bin ich von meiner Meinung überzeugt, sonst hätte ich sie nicht. Gleiches muss ich allen anderen zugestehen. Später werden andere befinden, ob sie richtig war oder überhaupt ins Gewicht fiel. In der uns bekannten Geschichte der Menschheit gab es immer Menschen, deren Meinung in ihrer Zeit geächtet wurde und spätere Generationen zu einer vollkommen anderen Auffassung kamen. Im Gegenzuge amüsieren wir uns nachträglich über Auffassungen, Ansichten, Meinungen, aus vergangenen Zeiten, die damals absoluter Mainstream waren. Wobei ich betone, dass das von Leuten wie Xavier Nadoo oder Attila Hildmann Verbreitete für mich keine Meinung, sondern wirres Zeug ist. Würde ich ihre Worte für voll nehmen, müsste ich gleichzeitig 2 + 2 = 6 hinnehmen.
Aussagen oder Meinungen nicht zuzulassen, ist immer ein Zeichen der Schwäche und Angst. Selbst das Grundgesetz und die nachgeordnete Gesetzgebung sind davon geprägt. Hinter den Gesetzen, die sich auf Volksverhetzung oder Leugnen des Holocaust beziehen, steht die Sorge, dass Rattenfänger es vermögen andere zu verführen und zu manipulieren. Anders: Die Deutschen trauen sich selbst  oder wenigstens Teilen aus einer grauenhaften Historie heraus diesbezüglich nicht über den Weg. Dies bedeutet gleichsam, dass rudimentär immer noch Verhaltensmuster herumgeistern, die in die damalige Katastrophe führten. Dem kann ich folgen. Aus diesem Grund bin ich vehement gegen eine Erweiterung der Plebiszitären Elemente. In der deutschen Gesellschaft schlummert etwas, auf das immer geachtet werden muss. Im Idealfall ändert sich dies innerhalb der kommenden Jahrzehnte. Ich glaube nicht daran und wenn man die Aussagen der etablierten Politiker hört, habe ich keinerlei Veranlassung dies zu ändern. Spätestens wenn Worte wie Führungsrolle, militärische Stärke, Deutsche Leitkultur, Deutsche Tugenden, Marke Deutschland pp., fallen, schrillen bei mir die Alarmglocken. Ich kämpfe nicht dagegen an. Dafür fehlen mir schlicht die Mittel. Hierzu hätte ich bereits vor mindestens zwei Jahrzehnten andere Weichen stellen müssen. Was ich tun kann, ist ein anderes Leben zu führen und im absoluten Notfall die Sachen packen.

Fazit: Lasst den Mann auftreten. Wir werden das aushalten. Parallel lassen wir auch andere ihr Programm abziehen und schauen, wer mehr Zuspruch bekommt.

März 3 2021

Falsche Fronten

Lesedauer 6 Minuten

Manches erscheint mir derzeit wie ein Ballspiel, bei dem mehrere Mannschaften gegeneinander antreten und einen Gewinner ermitteln wollen. Oder sollte ich besser schreiben Gewinnerin? Ich weiß es nicht und mit Verlaub, es ist mir egal. Im Hintergrund agieren Trainer/innen, die versuchen mit den geeigneten Spielern ihre Taktiken zu verändern. Und wie beim Fußball hat die Spielweise und die Taktik nichts mehr mit den 60ern, 70ern, 80ern zu tun. Also braucht neue Taktiker/innen und Spieler/innen. Allein was ich hier gerade tue, die Erweiterung des generischen Maskulinum, ist Teil der neuen Spielart. Verwende ich es, wird dieses als entweder als Haltung wahrgenommen oder mir wird unterstellt, mir lediglich einen Mann in der Rolle eines Taktikers vorstellen zu können. Die Motivation, den Text lesbar zu gestalten wird mir von vorn hinein abgesprochen. Die alten Spieler haben ausgedient und werden teilweise mit Schimpf – und Schande in die Umkleidekabine geschickt. Den Freunden der alten Spielart tut das weh. Wenn aktuell Wolfgang Thierse oder Gesine Schwan seitens der Queer und LGBTQ+ Gruppen angegangen werden, geht es nicht um ihre Person, sondern wofür sie stehen und wie sie zusammen mit anderen bisher das Spiel spielten. Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist bereits das Ziel. Beide spielten nicht auf Gewinn. Ihnen ging es vielmehr um den Sinn des Spiels an sich, so als würden ein paar Spieler den Ball zur Unterhaltung, für die Fitness oder Aggressionsabbau kicken. Dann gingen alle mit einem gemeinsamen Erlebnis und einem guten Gefühl vom Platz. Das Ziel wäre dann die Funktion des menschlichen Spiels. Aber es geht auch darum zu wissen, wo der eigentliche Gegner steht.

Wie unterschiedlich die Mitglieder der Personengruppe sein mögen, die auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland leben, gibt es dennoch Gemeinsamkeiten und Ziele, die nicht auf das Individuum beschränkt sind. Sie sind Teil des menschlichen Verhaltens. Und immer, wenn es gemeinsame Ziele, kann über den Weg zum Erreichen diskutiert werden. Im Unterschied dazu können über Standpunkte nur debattiert werden. Ich verstehe den Begriff Gesellschaft als die Bezeichnung für ein Netzwerk. Unterschiedliche Gruppen kommunizieren miteinander. Doch wie häufig in Netzwerken sind nicht alle Endgeräte und Ebenen gleichberechtigt. Ich kann innerhalb dieses Netzwerks das Ziel verfolgen, eine Ebene höher zu gelangen und die bisher dort Anwesenden hinnehmen. Ich kann sie aber auch herunterstufen oder gleich eine Ebene darüber gehen. Es bliebe noch offen, die Ebenen völlig abzuschaffen oder wenigstens auf ein Minimum des eventuell Notwendigen zu reduzieren.

Wie auch immer, ich komme nicht an einer Betrachtung des bestehenden Netzwerks, seiner Regeln, Programmabläufe, Kommunikationswege und Zuweisungen der Berechtigungen vorbei. Bevor ich etwas ändere, muss ich es verstehen. Und bevor ich etwas ändere, gilt der Grundsatz: Never change a running System! Dabei hilft es mir nicht, ausschließlich die eigene Position anzuschauen. Ich muss die Position des alles überblickenden Systemadministrators einnehmen. Jeder Eingriff will gut überlegt sein und mindestens zehn weitere Schritte im Voraus durchdacht sein.

Schöne Worte, schöne Überlegungen, aber eben jenes passiert alles nicht. Wir haben längst nicht mehr ein Netzwerk, sondern eine Vielzahl, die keinerlei kompatible Kommunikationsschnittstellen aufweisen oder selbst wenn sie vorhanden wären, aufgrund des Verlusts einer gemeinsamen Sprache, gar keine Chance einer Kommunikation haben. Selbst die oberste Ebene verfügt nur noch über wenige miteinander verbundene Netze und Schnittstellen.

Wir arbeiten tagtäglich mit Programmbefehlen, die jeder nach eigenem Gutdünken interpretiert und darauf beharrt, dass die eigene Interpretation die einzig ultimative richtige ist. Dummerweise verhält es sich dabei in der Realität, als wenn drei den Befehl “Print” eingeben und der eine davon ausgeht, dass der Drucker anspringt, der nächste auf das Programmfenster für das Brennen einer CD wartet, während wiederum eine andere den Dateimanager erwartet, um in eine Print – Datei zu drucken.

Die Leute knallen sich jeden Tag Schlagworte vor den Latz, ohne dabei zu berücksichtigen, dass sie vollkommen unzureichende Überschriften für komplexe Verhaltensmuster, psychologische Aspekte, historisch abgeschlossene oder noch in die Gegenwart hineinreichende Prozesse und vieles mehr benutzen. Wenn ich damit einen Standpunkt markieren will und einfach schreie: “Komm auf meine Plattform oder Mannschaft!”, mag das angehen. Wenn ich aber etwas erreichen will, in dem ich Denkprozesse anstoße, Perspektivwechsel ermögliche, neue Überzeugungen begründen will, muss ich mehr tun. Erfahrungsgemäß ist es eine blöde Idee ein Gespräch mit einem Angriff, statt einem Aufmacher, zu beginnen.

Wer sich dazu berufen fühlt etwas zu verändern, befindet sich im übertragenen Sinne in der Situation eines Generals. Ich benötige das volle Programm. Späher, Spione, speziell ausgebildete Truppenteile, eine taktisch kluge Formation, eine Lagebeurteilung, die Einschätzung des Gegners, die Psychoanalyse der “feindlichen” Generalität, einen festen Rückhalt in der Bevölkerung, einen Überblick über die Moral und das Leistungsvermögen meiner Truppe, ein taktisches Konzept, innerhalb dessen ich Täusche, Angebote unterbreite, zu Verhandlungen bereit bin, und vieles mehr. Ich kann aber auch den Kopf senken und laut brüllend in die Formation des Gegners hineinrennen. Auf diese Art und Weise kämpften über Jahrhunderte unorganisierte Stämme gegen die römische Armee – und sie verloren! Hätten sie damals schon einen globalen Austausch gehabt, hätten sie mal bei den Chinesen nachfragen können, die hätten sie auf Sun Zi, die Kunst des Krieges hingewiesen. LGBTQ+, Queer, Anti – Diskriminierung, Aktivisten aller Couleur, Anti – Rassisten, sie alle rennen wie die Wandalen, Sachsen, Gallier, Goten, Turkmenen, und wen die Römer noch so alles vor sich hatten, mit gesenkten Kopf in die taktisch gute aufgestellte gegnerische Formation. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die restlichen Teile der Bevölkerung darüber nachdenken, auf welcher Seite für sie die meisten Vorteile herausspringen. Taktisch klug wäre es, die hinter sich zu bringen. Hierfür wäre eine gemeinsame Sprache, vor allem eine, die meine Zielgruppe versteht, die eigenen Leute verstehen mich ohnehin, notwendig. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass ich Leute am ehesten auf meine Seite bekomme, wenn ich neben einem überzeugenden Konzept für alle, die Vorteile herausarbeite. Dabei befinde ich mich natürlich in Konkurrenz zu meinem Gegner. Extrem kontraproduktiv ist es, wenn die Leute den Eindruck bekommen, dass letztlich zwei Diktatoren miteinander ringen, und sie beidseitig nichts zu erwarten haben.

Überhebliche, von sich selbst zu sehr überzeugte Generäle scheitern auf kurz oder lang. Ich bin teilweise auf der Seite von Wolfgang Thierse. Seit längeren zeichnet sich ein erweitertes ICH, statt eines WIR ab. Uneinig bin ich mit ihm bezüglich der sozialen Nation. Wer meinen BLOG mitliest, weiß über meine Einstellung zu den Themen Klima und Zerstörung der Lebensgrundlagen Bescheid. Ein nationales WIR, auch wenn es ein Soziales ist, greift zu kurz und wird sich als Schwäche erweisen, mit der der Kampf verloren geht. Wenn ich, bei den Begriffen einer kriegerischen Auseinandersetzung bleibe, muss ich die Gegner benennen und den Frontverlauf kennen. Auf der einen Seite stehen die Zögerlichen, die Skeptiker und die Leugner, welche den sich abzeichnenden globalen Prozess aus teils unterschiedlichen Motiven heraus, ignorieren, weiter machen wollen, wie bisher oder maximal zu geringfügigen Korrekturen bereit sind. Eine Teilgruppe hat längst eine Rettung des alten Bestehenden aufgegeben und rüstet sich für das kommende Szenario. Ihnen gegenüber stehen diejenigen, welche die Hoffnung nicht aufgeben wollen, Lösungsansätze sehen, hierfür aber erhebliche Umstrukturierungen als notwendig erachten.

Die zuerst Genannten sind die Habenden, die entweder etwas bereits Vorhandenes verlieren könnten oder am kommenden Szenario selbst nebst Nachfahren etwas verdienen können, bis Schluss ist. Am Krieg beteiligt sind die, welche bisher nichts haben, diesen Zustand an sich ändern wollen, aber keinerlei Interesse an einer Umstrukturierung des Ganzen haben. Sie wollen auch einfach weitermachen, doch mit Gewinnbeteiligung. Die lassen sich mit dem Versprechen, im Falle eines Sieges, noch für ein paar Jahre am Gewinn beteiligt zu werden, zu Kombattanten machen. Dieser Truppe stehen die sich untereinander streitenden Gallier, bei Abwesenheit von Miraculix, Majestix, Asterix und Obelix gegenüber. Cäsar sitzt, sich die Hände reibend, auf seinem Pferd und ist darüber erfreut, dass sich weltweit Anti – Rassisten, LGBQT+, Klimaaktivisten, Querdenker, Esoteriker, Sozialisten, Kommunisten, Intellektuelle, Hartz IV Empfänger, ums finanzielle Überleben kämpfende, religiöse Fanatiker, Feministen, ja, sogar Rassisten, Chauvinisten, Machos, gegenseitig auseinandernehmen, statt sich erst einmal den gemeinsamen Gegner vorzuknöpfen, um dann zu schauen, ob die eine oder andere Zwietracht, nicht die Folge der taktischen Kriegskunst der anderen Seite war. Um bei Caesar zu bleiben: “Divide et impere!” zu deutsch: “Teile und herrsche”.

Allein der Schachzug, viele der Genannten unter “links” einzufassen ist nahezu genial. So als würde weltweit der Besitz von gigantischen Summen allein von der Hautfarbe, oder Progressivität vom Geschlecht bzw. der sexuellen Ausrichtung abhängen. Hierüber können afrikanische Diktatoren herzhaft Lachen und man sollte Persönlichkeiten wie Röhm, oder heutzutage Michael Kühnen nicht vergessen. Weltweit geht es um einen Faktor: Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, sexuelle Neigungen, Charakter, Religion, sind vollkommen unerheblich, wenn ausreichend Geld vorhanden ist. Die Frontlinien liegen zwischen sehr viel Haben, Haben und nichts Haben.

Thierse sprach von Identitätspolitik und die Angesprochenen sahen sich heruntergesetzt. Es ist im Angesicht dessen, gegen wen und wofür es zu kämpfen gilt, tatsächlich lächerlich, wer sich alles für wichtig nimmt. Die meisten übersehen, dass es keine Rechte mehr zu erkämpfen oder verteidigen gibt, wenn es ans richtig Eingemachte geht. Abschließend noch eine persönliche Erfahrung. Meine Töchter maulten, wie eigentlich jeder deutsche Schüler über die Unfähigkeit der Lehrerin. Ihre Argumentationsstrategie, dass ihre Noten deshalb in Keller gingen hatte eine entscheidende Lücke. Beide hatten Mitschüler aus Deutsch – Russischen Familien, und deren Noten waren sehr gut. In Mathematik, Physik, Chemie, hatten die keinerlei Schwierigkeiten, in Deutsch, Geschichte, Erdkunde, also den Fächern, in denen man sich ausdrücken muss, gab es kleinere Probleme. Warum? Weil die hungrig waren! Die hatten erkannt, worum es geht! Wir, die Deutschen, leben längst in einer Enklave. Ich will Warren Buffett mit seinem Zitat über den Krieg zwischen Arm und Reich nicht überstrapazieren, doch darum geht es! Was juckt es mich, wenn ich nicht gerade etwas wie Verantwortung und Spiritualität entdecke, das Schicksal von Menschen, die ich weder kenne oder noch nicht einmal geboren sind? Ob sich jemand Perücken aufsetzt, mit dem gleichen Geschlecht Sex hat oder sich nirgendwo zugehörig fühlt, ist denen so etwas von egal. Genauso wenig interessiert es die, wenn ihnen Leute mit Skrupeln ohne Taktik und Biss versuchen auf die Füße zu treten. Kloppt Euch mal brav untereinander und wenn die Welt untergeht, habe ich wenigstens tteuren Whisky in der Hand. Das ist ein Originalzitat! Aber macht mal weiter …

März 1 2021

Bauteil oder Mensch?

white and brown boat on sea under blue and white cloudy sky Lesedauer 10 Minuten

Und denn stehste vor Gott dem Vater und der fragt dir ins Jesichte:
Willem Voigt, wat haste jemacht mit deim Leben?
Und da muss ick sagen- Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis und denn sind se alle druff rumjetrampelt.
Muss ick sagen.
Und zum Schluss haste jeröchelt und jewürcht um det bisschen Luft, und denn wars aus.
Det sagste vor Gott.
Mensch.
Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er. Ausweisung, sagt er!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er.
Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?

Der Schuster Voigt im “Der Hauptmann von Köpenick” von Carl Zuckmayer

Wenn ich in Deutschland die Nase voll habe, steht es mir frei ein Ticket zu kaufen und mir ein anderes Land zu suchen. Mit ein wenig Kreativität und Geld ist vieles machbar. In Thailand leben jede Menge deutsche Rentner. Nicht weniger sind es auf Mallorca, Ibiza, Gomera und wie die Ausweichplätze alle heißen. Die Optionen und Regelungen sind vielfältig. Nun, dies ist die Perspektive eines alten Mannes. Doch es soll auch noch jene geben, die Jung sind und ihr Leben noch vor sich haben. Die Betonung liegt dabei auf “ihr” Leben. Eine junge Frau oder junger Mann sitzt irgendwo auf der Welt in der Gegend herum, wo sie oder ihn das Schicksal hin verfrachtet hat und überlegt: “Was mache ich mit meinem Leben?” Wenn es das Schicksal gut meinte, passiert dies in einem westlichen Industrieland. Dort, wo Milch und Honig von den Wänden fließen. Dort hängt vieles vom eigenen Willen und der Motivation ab. Es bestehen kaum Grenzen, für die man selbst nichts kann. In ca. 80 % aller anderen Länder verhält es sich deutlich anders.

In Deutschland gibt es zu diesem Thema bemerkenswerte Ansichten. Die jungen Leute sollen gefälligst im Geburtsland bleiben und ihr Land aufbauen. 2021! Die Digitalisierung und Globalisierung sind im vollen Gange. Sogenannte Online – Nomaden ziehen durch die Welt, setzen sich in eine Ecke und gehen mit einem Laptop ihrer Arbeit nach. Konzerne sind multinationale Globalplayer und in den Aufsichtsräten sind bis zu vier Kontinente vertreten.

Ihr Land aufbauen! Das klingt nach Wiederaufbau 1945. Die geschlagene Nation, die aus den Trümmern auferstanden ist. Eine heroische Leistung der Nachkriegsgeneration. Ich lasse, das alles gelten, doch eine Feststellung sei erlaubt: Wenn die Deutschen mit ihrem Handeln nicht selbst die Ursache für die Trümmer gesetzt hätten, wäre die heroische Leistung nicht notwendig gewesen. Das nach dem Krieg geborene Individuum kann nichts dafür. Auch nicht diejenigen, welche sich dagegen stellten und dennoch alles verloren. Doch es geht denen, die die oben formulierte Haltung einnehmen nicht um das Individuum, sondern für sie geht das Individuum, in der Nation als ein Ganzes, auf. Für die bin ich nicht in erster Linie ein Mensch mit dem Namen “Trölle”, sondern ein Deutscher, so wie ein Raed, Mustafa, oder eine Miriam, Yildiz, Türken, Palästinenser oder Afghanen sind. Teilweise kann ich das verstehen. Wenn ich nicht mehr im Leben habe, als meine nackte Staatsangehörigkeit, halte ich mich daran fest.

Einige berufen sich auf ihre Leistungen. Doch bevor sie überhaupt jemals etwas selbst getan haben, ist eine ganze Menge passiert. Sie wurden ohne ihr Zutun auf dem deutschen Staatsgebiet geboren. Das Überleben der ersten Jahre verdanken sie einem Gesundheitssystem, an dem sie in dieser Lebensphase keinen Anteil haben. Dann besuchten sie eine Schule, die günstigerweise ohne weite Fußmärsche, Bootsfahrten oder lebensgefährliche Busfahrten erreichbar waren. In der Regel mussten sie in der Kindheit nicht arbeiten, wurden gefördert, bekamen Bücher, Stifte und Papier. Bis sie nach Jahren erstmals zeigen konnten, was sie in der Zeit davor lernten. Über sie, den Menschen, sagt das nichts aus. Bis dahin war alles bequem, vorhersehbar und entsprach dem Standard. Kaum jemand sagt: “Ich habe, trotz des widrigen Umstands in Deutschland geboren zu sein, Lesen, Schreiben, Rechnen, gelernt.” Nein, es ist dem glücklichen Umstand geschuldet, in einem westlichen Industrieland geboren zu sein. All dies haben andere nicht. Kaltschnäuzig kann man nun mit den Schultern zucken: “Pech gehabt!” Gut, kann ich mit leben.

Maschinenteil: Mensch

Der Mensch ist ein Lebewesen. Damit kann gespielt werden. Ein Geschöpf das lebt oder auch ein Bestandteil des Ganzen, dessen Wesen es ist, zu leben. Anderes existiert oder es funktioniert bzw. trägt zur Funktion bei. Zahnräder haben eine Bestimmung, die über die Funktion innerhalb einer Mechanik entscheidet. Für diverse Zeitgenossen ist der Mensch ein funktionierendes Teil, damit zum Bestandteil einer Maschine, geworden. Eine, die etwas produziert, womit der Mensch wiederum in einen Produktionsprozess eingebunden ist. Mit Leben hat das nichts zu tun, sonst würde man keinen Unterschied machen müssen und verschiedene Wörter finden. Wir werden geboren und nicht hergestellt. Gleichfalls werden Erfahrungen und Lernen nicht als Abnutzungsprozess, Verschleiß oder Defekt durch übermäßige Nutzung verstanden. Ganz richtig ist die Behauptung nicht.

Bei manchen Lebewesen besitzen wir die Arroganz, sie als Nutztiere zu bezeichnen. Sind sie nicht mehr nützlich, sondern kosten nur noch Futter, werden sie geschlachtet. Demnach würde die Untergliederung von Menschen nach ihrem Nutzen, ähnliche Überlegungen nach sich ziehen. Was mache ich mit einer/einem, die keinen Nutzen mehr haben? Vorab müsste ich mir Gedanken machen, was der Nutzen ist. Mehrung, Wachstum, Steigerung des Wohlstands? Eingliederung in die besagte Produktionsmaschine? Im Ursprung arbeitete der Mensch um Leben zu können. Das Bestellen eines Feldes, die Jagd, das Sammeln, alles diente mehr oder weniger unmittelbar dem Überleben. Dieser Satz wird häufig kritisch umgedreht: Der moderne Mensch lebt in einer Industrie – u. Dienstleistungsgesellschaft um zu Arbeiten. Ich behaupte, in dieser Umkehrung überhaupt das Wort “Leben” zu verwenden ist grundfalsch. So wie es in diesem Zusammenhang falsch ist von Sozialisation und Lernen zu sprechen. Vielmehr handelt es sich um ein Formen, wie eben auch Maschinenteile konstruiert und geformt werden, damit aus dem Kind eines Tages ein für das Geburtsland nützlicher Mensch wird. Immer noch offen ist dabei die Antwort, was mit denen passieren soll, die keinen, zumindest im Sinne der obigen Betrachtung, Nutzen haben. Nach mehreren Reparaturen auf den Schrotthaufen werfen? Recyceln, wie im Film Soylent Green, dessen Handlung nebenbei im Jahr 2022, spielt? Von vorn hinein einen Nutzen in Zweifel ziehen und Euthanasie anwenden? Oder den Nutzen absprechen und in Lagern vernichten? Maschinen haben in der Regel eine Bezeichnung. Was wäre, wenn ich die Maschine “Deutschland” oder “Nation” nenne? Also Deutschland nicht als einen Lebensraum betrachte, sondern als eine produzierende Nation? Als Betreiber einer Maschine, die mir ein Produkt liefern soll, wäre ich dämlich, wenn ich defekte Teile nicht austausche, Dinge einbaue, bei denen ich nicht weiß, ob sie funktionieren werden oder bei denen ich weiß, dass sie schnell verschleißen.

Genau dies ist die Logik, mit der Leute in Deutschland argumentieren. Hochwertige, funktionierende Maschinenteile, mit gewünschten Design, sollen importiert werden, von allem anderen wollen sie Abstand nehmen. Im gleichen Atemzuge wissen sie um die durchschnittliche Betriebsfähigkeit bereits installierter Teile. Schrottplätze kosten Geld, insofern ist es lukrativer die Teile nach dem Defekt gleich zu entsorgen. Es ist eine rein bürokratische Annahme, dass Frauen und Männer mit 67 Jahren in körperlich belastenden Berufen halbwegs unbeschadet arbeiten können, die meisten sind lange zuvor körperlich am Ende und müssen aufgeben. Das Kalkül ist klar: Durch die Abstriche wird erheblich gespart. Dies ist die Denk – und Vorgehensweise eines Maschinenbesitzers, der seine Betriebskosten kalkuliert. Das Argument, dass die Lebenserwartung steigt, sagt nichts zur Qualität des Lebens, oder wie sich der Zustand ein defektes Teil zu sein, anfühlt. Die Betriebsfähigkeit des Maschinenteils Mensch ist seit ein paar tausend Jahren immer gleich geblieben. Nur weil ein Mensch länger lebt, halten die Bandscheiben oder das vegetative System nicht ebenfalls länger.

Wie sähe eine andere Sichtweise aus?

Nehmen wir an, es wäre möglich die Zeit anzuhalten und es gäbe einen gigantischen Computer mit einer unvorstellbaren Rechenleistung, mit dem alle Vorgänge seit dem Big Bang analysiert werden könnten. Ein Ergebnis ergibt sich aus der Logik. Damit das eingefrorene Ergebnis zustande kommt, kann nichts, der Big Bang, die erste molekulare Verbindung, die erste Zellteilung, Vulkanausbruch, jede Handlung eines jemals auf diesem Planeten existierenden Wesen, herausgenommen werden. Der Computer könnte maximal nachvollziehen, welche Kausalitäten konkrete weitere Schritte zum Endergebnis bedingten. Egal, was auch immer passierte und passieren wird, es hat Folgen. Da kein Mensch über diese Rechenleistung verfügt, sollte sich jeder hüten, über einen Nutzen zu urteilen. Das Großhirn überschätzt sich jeden Tag und maßt sich an, als etwas vermeintlich Allwissendes, zu urteilen, einzugreifen und vieles mehr. Es hat sich schlicht verselbstständigt und meint sich den Gesetzmäßigkeiten des übergeordneten Ganzen, von dem es ein Teil ist, entziehen zu können. Das Leben, Lebensräume, die natürlichen Lebensbedingungen, die Naturgesetze sind Vorgaben, während alles andere Konstrukte des Großhirns sind. Wie könnte ich mir anmaßen, ein anderes Lebewesen in eine Kategorie einzuteilen? Egal, ob es ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze ist. Wie kann ich mir anmaßen, in die Vorgaben, die das Leben erst möglich machten, einzugreifen? Wer könnte mir das Recht geben, darüber zu entscheiden, wer oder was in einem Lebensraum lebt? Bei allem, sollte ich immer daran denken, dass verwendete Wörter nichts anderes als das Ergebnis eines komplexen Vorgangs im Gehirn sind. Wir verwenden das Wort “kultivieren” und beschreiben damit einen für uns vorteilhaften Gestaltungsprozess eines Lebensraums, was sich unter Umständen auch gut auf andere Spezies auswirken kann, aber es ist auch genau das Gegenteil möglich. Wie auch immer, es findet alles im Kopf statt und hat nicht zwingend etwas mit dem zu tun, was wir mit Realität bezeichnen.

Zurück zur jungen Frau oder Mann

Wer gibt mir das Recht, sie oder ihn, als nützlich zu katalogisieren und woher will ich etwas darüber wissen? Woher nehme ich das Recht, darüber zu bestimmen, ob sie oder er mit mir zusammen in einem Lebensraum leben darf? Wir nehmen uns dieses Recht heraus, aber wer hat es uns gegeben? Wir gehen, vermutlich korrekt, davon aus, dass jede Spezies eine Art Überlebenswillen in sich trägt. Das Überleben der Spezies Mensch erscheint mir nicht durch einen Ortswechsel bedroht zu sein. Möglicherweise das Konstrukt, in dem ich lebe. Manche sagen, es wäre in der Menschheitsgeschichte schon immer der Fall gewesen, dass sich Völker gegen andere Völker gewehrt hätten. Dabei gelte es zu Berücksichtigen, dass der moderne Mensch seit ca. 300.000 Jahren auf dem Planeten wandelt und wir davon gerade mal 3000 Jahre einigermaßen überblicken können. Doch immerhin sind 3000 Jahre eine lange Zeit des Nachdenkens, zum Sammeln von Erfahrungen und vollziehen von Lernprozessen. Das Großhirn würde sich selbst ein Armutszeugnis ausstellen, wenn es immer noch auf dem Stand von vor 2000 Jahren wäre.

Was wir mit Sicherheit wissen, ist die Tatsache, dass sich der Homo sapiens aktiv auf der Erde ausbreitete. Wurde es ihm zu ungastlich, zog er weiter, bis er alle möglichen Lebensräume eroberte. Dort hinzugehen, wo es uns gefällt und wir leben können, ist fest verankert. Ein wenig hat das auch etwas mit Intelligenz zu tun. Wer bleibt schon dort, wo es lebensfeindlich ist, nicht gelitten wird oder einem jemand die Freiheit raubt? Darüber haben die Menschen viele Geschichten zu erzählen. In der Bibel wird zum Beispiel beschrieben, wie die Israeliten keine Lust mehr auf die Ägypter hatten und sich deshalb unter Führung eines Rebellen mit dem Namen Mose auf den Weg machten. Römer, Goten, Wandalen, Arier, Hunnen, wie sie alle heißen mögen, waren aus unterschiedlichen Gründen unterwegs. Es erscheint mir absolut nachvollziehbar, wenn Frau oder Mann ganz egoistisch entscheiden, etwas mit der gegebenen Lebenszeit anzustellen.

Es gehört zu den Eigenarten des Menschen, einen anderen Menschen als solchen erkennen zu können und sich mehr oder weniger gut in dessen Lage zu versetzen. Ebenfalls eine dieser Fähigkeiten, die uns zu dem haben werden lassen, was wir sind. Wir wissen von indigenen Völkern, dass sie selbst einem getöteten “Feind” Respekt zollen. Ihnen ist bewusst, dass der andere grundsätzlich auch nur leben wollte. Das Großhirn ist noch zu einem weiteren Gedankenschritt in der Lage. Es kann erkennen, dass eine Handlung etwas erzeugt, was es als Rechtfertigung bezeichnet. Obwohl es im eigentlichen Sinne, mehr eine Folgewirkung ist, die auch in den Naturwissenschaften bekannt ist.

Kräfte wirken immer wechselseitig. Übt A eine Kraft auf B aus, so übt B eine gleich große, entgegengesetzt gerichtete Kraft auf A aus. Die beiden Kräfte nennt man in diesem Zusammenhang Wechselwirkungskräfte.

Drittes Newtonsches Gesetz

Jede Handlung will gut überlegt sein. Verbiete ich den Leuten, sich aus ihrem Land wegzubewegen oder nach freier Wahl in ein anderes Land zu gehen, erzeuge ich damit eine universelle Regel, der nach ein Mensch einem anderen Menschen dies untersagen darf. Wollen wir nicht hoffen, dass die Lage in Deutschland irgendwann mal wieder eskaliert und unsere Mitbürger in andere Länder ausweichen müssen. Zeitweilig war es in Ordnung Menschen zur Abschreckung anderer zu töten und im Zweifel ihre Leichen am Ortsrand zur Schau zu stellen. In vielen Teilen der Welt hatte die Menschheit dies überwunden. Die Tendenz ist rückläufig. Auch bei uns, ist es wieder legitim Menschen im Meer zur Abschreckung ertrinken zu lassen, in unserem Auftrag zu foltern, damit sie anderen davon berichten, oder sie in Lagern in abschreckenden Lebensverhältnissen einzusperren. Damit hat weltweit jeder andere auch das Recht dazu. Im gleichen Zuge erzeuge ich Gegenkräfte. Verständlicherweise sind die Betroffenen oder wie auch immer mit ihnen Verbundene etwas ungehalten. Kräfte die ich eindämmen muss, was wieder neue erzeugt.

Dabei haben diejenigen, welche sich aus ihrem Land wegbewegen alles recht dazu, eben weil wir es uns auch zugestehen. Besser noch, es ist gar nicht lange her, als Europäer nach Belieben überall siedelten und die Angetroffenen ausbeuteten. Wir machen demnach den zweiten Schritt: Die Erzeugung der Regel, Menschen dürfen anderen Menschen, Rechte, die sie selbst begründeten, mit Gewalt vorenthalten. Menschen sind nicht gleich, sie unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen, usw., individuell voneinander, aber alle sind gleichberechtigt!

Zumindest ist dies in der Natur so vorgesehen, alles andere sind Konstrukte des Großhirns. Zum Beispiel dürfen sich Menschen, die sich im Besitz eines erdachten Ersatzes für den Tauschhandel befinden, obwohl sie gegenständlich gar nichts zum Tauschen haben, über andere erheben und sie dazu zwingen Handlungen zu vollziehen. Eine ziemlich verrückte Angelegenheit! Der erste Schritt dazu war verständlich. Niemand mag es, ein halbes Schwein durchs Dorf zu tragen, um dann mit 20 Broten wieder nach Hause zu gehen. Aber wie könnte ich dem genialen Erfinder des Geldes erläutern, was heute passiert? Aber darum soll es nicht gehen. Entscheidend ist der Umstand, dass dieser Blödsinn als Rechtfertigung herangezogen wird, wiederum anderen ihre Rechte wegzunehmen. In diesen Kontext gehört auch die Maschine, mit ihrer Produktion und den dazugehörenden funktionierenden menschlichen Teilen. Sie sind Teil der Mehrung des Geldes, welches sie nicht einmal in voller Summe selbst bekommen, um dann davon abzuleiten, sie dürften Menschen in Kategorien unterteilen, ihre Bewegungsfreiheit einschränken und sie auch noch zur Abschreckung absaufen lassen. Aber es wird noch kruder. Die junge Frau oder Mann wird nicht einmal angeschaut. Vielleicht kann sie oder er tolle Sachen? Nein! Sie kommen schlicht aus dem falschen Land, mit ihnen als Mensch hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Folgerichtig wäre ein Tauschhandel! Ihr bekommt unsere Doofen und wir lassen nach Prüfung rein. Den Aufschrei würde ich gerne hören: Aber ich bin doch Deutscher! Tja, Du hattest Deine Chance, die Du leider nicht genutzt hast – ab in die Wüste!

Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?

Bekanntlich geriet Voigt ebenfalls zwischen die Mühlsteine eines völlig irren Systems, eins, welches ihm keine Chance gab. Bis er beschloss den Spieß umzudrehen und dem System den eigenen Wahnsinn vorhielt. In seiner zitierten Rede steckt die Aussage, dass er als Mensch das Recht, mehr noch die Pflicht hat, aus diesem Leben über das Funktionieren und Vegetieren hinaus, ein Leben werden zu lassen. Haben wir aus der Geschichte gelernt? Ist jedem klar geworden, worin die Unterscheidungen zwischen lebenswert und überflüssig, nützliche und entbehrliche Menschen, Verlust der Individualität, Technisierung der Sprache und Leben, die Degradierung zum Mittel für den Zweck, führen? Haben wir verstanden, wo die Ursprünge dieses Denkens liegen? Wie ist der Entwicklungsstand des Großhirns? Kindesalter, Pubertät oder Erwachsen? Ist die Menschheit auf dem Weg zum Erwachsenen zu werden, die Tücken des Großhirns endlich zu erkennen? Ich erinnere mich an den Titel eines Buchs aus den 70ern, welches ich leider nicht mehr finde: Das Großhirn vernichtet sich selbst. Läuft es darauf hinaus?

Wie auch immer: Weder Ich, noch ein anderer, verfügt über das Recht des Richtens über einen anderen Menschen, weil er das Geburtsland, aus welchen Motiven auch immer, verlassen will. Wer richtet, wird gerichtet werden! Auf Dauer wird bei anwachsender Weltbevölkerung und schwindender Lebensräume die Aufgabe der bisherigen Konstruktionen nicht vermeidbar sein. Lasse ich Menschen in einer Notlage sterben, legitimiere ich diese Handlungsweise für jeden anderen und dies zieht weiteres nach sich. Katalogisiere ich Menschen, hat es Folgen für alle. Das ist wie mit dem Sinn des Lebens. Jeder sollte sich gut überlegen, ob man die Antwort wirklich bekommen will. Wenn es einen beschreibbaren Sinn hat, wäre es fatal, wenn sich beim Abgleich mit dem eigenen Leben herausstellen sollte, dass es nicht dem entspricht. Da ist es besser, wenn nichts einen Sinn haben muss, sondern mit der Existenz alles Notwendige geklärt ist. Benutze ich das Leid zur Abschreckung, darf ich mich nicht wundern, wenn sich andere ebenfalls dazu berufen fühlen. Die Zeiten, in denen sich Mitteleuropäer vor den Folgen ihrer weltweiten Untaten in Sicherheit wähnen können, sind vorbei.

Februar 26 2021

Verzicht, Empört Euch!

Lesedauer 4 Minuten

Zitat: “Ausgerechnet in der Corona-Krise, in der viele Menschen auf vieles verzichten müssen, philosophiert SPD-Chefin Esken über mehr Lebensqualität durch Verzicht. Und das auch noch im Superwahljahr. In der SPD rumort es nun gehörig.”

https://www.welt.de/politik/deutschland/article227091343/Vorstoss-von-Saskia-Esken-Jetzt-predigt-die-SPD-Chefin-den-Verzicht.html Stand: 26.2.2021

Das harmlose Substantiv “Verzicht” wirkt auf Konservative und Jünger der Religion des Marktes, wie Weihwasser auf den Teufel oder Knoblauch auf Vampire. Doch was bedeutet es, wenn jemand verzichtet? In der Regel gibt es etwas, was ich bekommen könnte, aber es mir aus einem Grund heraus nicht nehme. Vielleicht bin ich gesättigt, und würde mich bei noch mehr Essen übergeben. Oder ich spüre, dass ich betrunken bin und will mir nicht noch mehr Alkohol zumuten. Es läuft immer darauf hinaus, dass ich etwas tun könnte, aber es bewusst unterlasse. Als Mensch habe ich ein breites Spektrum an Handlungsoptionen. Wenn ich es darauf reduziere, würde es bedeuten, dass ich jeden Tag auf einen Suizid verzichte oder darauf jemanden ums Leben zu bringen. Verzicht wird seitens der angesprochenen Personengruppe negativ konnotiert. Es geht um Konsum, Freizeitgestaltung, Besitz, Statussymbole und einiges andere in dieser Richtung. Das war nicht immer so. Im Christentum waren wenigstens den Texten nach, Maßhalten, Zurückhaltung, Genügsamkeit, eher Tugenden, während die Völlerei, die Gier, Maßlosigkeit, Übermaß, zu den Sünden gehörten. Bei den Benediktinern/innen, Jesuiten, Franziskaner/innen und zahlreichen anderen Ordensgemeinschaften kann hierzu jeder im Bedarfsfall nachfragen. Wer nicht Fragen will, kann alternativ in der Bibel unter den Stichworten, Sintflut, Babylon oder Sodom und Gomorrha, nachlesen. Verzichten die überzeugten Christen oder sind andere Worte passender? Und wenn Christen, die meisten Konservativen rechnen sich zu ihnen, haltlos konsumieren, sind sie dann gar keine oder wenigstens Sünder? Nebenbei habe ich dies bei der Katholischen Kirche noch nie verstanden.

Bei Texten und Kritik folgt auf Verzicht in der Regel ein Hinweis auf Verbote. Die Aufforderung zum Verzicht geht bei dieser Logik immer mit einem Verbot einher, ansonsten würde niemand freiwillig von der Möglichkeit zu Handeln Abstand nehmen. Wenn ein Mensch nicht handelt, wird dies auch unterlassen genannt. Vielleicht, weil die Gefahr besteht, sich selbst oder andere zu gefährden. Oder es gibt schlicht keinerlei Motiv für eine Handlung. Warum sollte ich beispielsweise etwas kaufen, was ich überhaupt nicht benötige? Die Antwort ist bekannt. Es geht nicht um die Notwendigkeit, sondern das Bedürfnis danach. Zum überwiegenden Teil um Bedürfnisse, die in einem geschickt erzeugt werden. Jeder/jedem steht es innerhalb von gewissen Grenzen frei, die Bedürfnisse, auch wenn sie durch Manipulationen entstanden, zu befriedigen. Wie sehen diese Grenzen aus? Immer, wenn ich andere mit meiner Bedürfnisbefriedigung schädige, wird es kritisch. Es gibt Ausnahmefälle. Ich denke dabei an im Mangel vorhandenes Existenzielles, um das ich mit anderen kämpfen muss. Wenn bei drei Personen das Wasser nur für zwei zum Überleben reicht, wird es unangenehm und ethisch sehr theoretisch, während es praktisch in der Regel handfest zur Sache geht. Doch wenn man nicht gerade das Pech hat, in einem Flüchtlingscamp festzusitzen, betrifft dies die wenigsten Mitteleuropäer und nahezu niemals Konservative. Dies liegt in der Natur der Sache. Müssten sie sich solche Sorgen machen, würden sie innovativ werden und schleunigst Änderungen anstreben.

Bleibt also die unmittelbare oder mittelbare Schädigung anderer Menschen, und ich denke die Erweiterung ist zulässig, anderer Lebewesen, da das komplexe Lebenssystem der Erde von allen abhängig ist. Man kann diese Einschränkung auch als logische Bedingung für die Freiheit sehen. Alles ist erlaubt, solange ich keinen objektiv vermeidbaren Schaden anrichte, sollte ich es dennoch tun, muss ich damit leben, dass mich die Geschädigten zur Verantwortung ziehen. Demnach ist das Unterlassen einer möglichen Handlung eine an den Lebensprinzipien orientierte Unterordnung. Ich bin kein buddhistischer Mönch oder Jesuit, insofern bin ich selbst häufig genug einer, der nicht ganz ohne Schädigungen auskommt, zumal dies in meiner Umgebung irre schwer ist. Vieles ist vollkommen unnütz. Ich rauche, trinke Kaffee, für den andere ausgebeutet werden, benutze ein Smartphone, an dem viel Unmenschliches hinten dran hängt, u.s.w. Aber wenn ich darauf hingewiesen werde, zucke ich unangenehm berührt zusammen und weiß, dass ich lieber die Klappe halten sollte, statt eine Gegenrede zu führen. Oftmals bin ich für Verbote dankbar und ersehe sie als Hilfestellung. Wenn zum Beispiel von Heute auf Morgen die Herstellung und der Verkauf von Plastiktüten verboten wäre, würde ich dies begrüßen.

Bei mir kommt Verzicht gedanklich mit Übermaß bzw. Luxus, Vergnügen, daher. Ich könnte, benötige es aber nicht, also lasse ich es, zumeist mit positiven Folgen. Dazu gehören ab – und zu der Verzicht auf Zucker, Salz, Tabak, Alkohol oder auf eine Busfahrt, zugunsten eines Spaziergangs. Wenn etwas offensichtlich und ohne jede Frage schädlich für andere ist, dann kann von einem Verzicht nicht mehr die Rede sein. Dann handle ich unvernünftig, wenn ich es gedanklich ableiten kann oder unverständig, wenn ich es sogar unmittelbar sehe. Wie gesagt, ich bin keinesfalls ständig mit Sinn und Verstand unterwegs.

Wenn Konservative oder ihre Untergruppe, die Neoliberalen, zähnefletschend das Wort Verzicht benutzen, wollen sie aufwiegeln. “Da will Euch jemand etwas wegnehmen oder untersagen!” Der springende Punkt ist dabei, dass mir niemand etwas wegnehmen oder untersagen kann, was mir ohnehin nicht zusteht. Mit ungebremsten Konsum, der Beteiligung an der unverantwortlichen Zerstörung der Lebensgrundlagen, füge ich mir selbst und anderen einen objektiv sichtbaren Schaden zu. Welche Instanz sollte mir dieses zugestehen? “Es ist Dein Recht, zum eigenen Nutzen andere zu schädigen!” Hierauf könnte ich dann verzichten. Wir machen es in allen nur erdenklichen Formen, soviel steht fest. Doch ich finde, es klänge merkwürdig, wenn ein Außenminister sagte, wir könnten zwar einfach mal militärisch intervenieren, aber verzichten darauf. Was wir tun, ist das Ableiten von Rechten aus vorhergehenden Handlungen. Doch was genau hat uns die Flora und Fauna der Arktis getan? Oder all die Lebewesen in den Meeren? Was ist mit den Insulanern, bei denen demnächst Land unter ist? Fällt jemanden etwas ein? Ich bin gespannt.

Aus mir unerklärlichen Gründen heraus sind Konservative und Neoliberale von der Existenz dieser Rechte überzeugt, sonst würden sie das Unterlassen des Schädigens nicht als einen Verzicht bezeichnen können. Wie würde es klingen, wenn ich sagte: “Ich habe das Recht und die Möglichkeit, den Garten meines Nachbarn mit “”Roundup” in einen kontaminierten Buddelkasten umzuwandeln, aber weil ich ein Netter bin, verzichte ich darauf.” Nein, ich habe dies gefälligst aus mannigfaltigen Gründen zu unterlassen. Bisher bin ich noch nicht auf die Idee gekommen, mich darüber zu beschweren. Es war auch noch nicht notwendig, dass jemand sagte: “Verzichten Sie bitte darauf!”

Februar 26 2021

Missionare einer neuen Kirche

Lesedauer 27 Minuten

Menschliches Handeln basiert immer auf einem Motiv. Was umtreibt die Macher und Autoren der konservativen bis rechts-konservativen Plattformen? Eine Auseinandersetzung mit ihrem Selbstverständnis, mögliche Hintergründe und der Vorgehensweise.

Eine politische Debatte oder Diskussion ist ohne eine Sortierung in eine beschriftete Schublade kaum noch möglich. Dabei muss in keiner das sein, was außen auf einem Etikett steht und bisweilen sind die Aufschriften kryptisch. Eine weitere Eigenart ist der Umstand, dass sich manch eine/r klar erkennbar positioniert und keinerlei Fragen offen lässt, wofür sie/er politisch steht. Wenn jemand von sich behauptet ein überzeugter Kommunist zu sein, glaube ich das zunächst einmal. Besteht dann noch eine Mitgliedschaft in der DKP oder im Spartakus Bund, bestehen kaum noch Zweifel. Dies gilt genauso für Anarchisten. Faschisten sind etwas heikel, weil sie sich positionieren könnten, aber es sich selten trauen. Wobei ich denke, eine Mitgliedschaft in der NPD kann man durchaus gelten lassen. Bei vielen anderen wird es unscharf. Konservativ, reaktionär, rechts – konservativ, sozialistisch, links, ökologisch, kapitalismuskritisch, sind Strömungen und eher Sammelsurien, denn sie eine klare Position beschreiben. Und wie im im anfassbaren Leben, landen Dinge, die man nicht so recht klar zuordnen kann, in verkramten Schubläden. Bei Diskussionen oder Debatten kommt es dann gewollt oder ungewollt zu Missverständnissen. Seit Jahrzehnten steckt bei der Verwendung von Schubladen, meistens ein propagandistisches, Kalkül dahinter. Habe ich es mit einer/m zu tun, die unangenehm auf die für jeden sichtbaren Anzeichen eines Klimawandels oder die Zerstörung der Umwelt hinweist, ist es praktisch die Schublade links aufzuziehen und alles Gesagte mit dem durchscheinenden Lack einer vermeintlichen Sympathie für Kommunismus oder Sozialismus zu versehen. Menschen, die die Gewinner des Kapitalismus, vornehmlich des Neoliberalismus sind, mögen keine Kommunisten. Noch größer ist die Antipathie bei ehemaligen DDR – Bürgern, denen vom ZK der SED ihr Treiben als Sozialismus verkauft wurde. Auf der anderen Seite wird wild mit den Etiketten Rassismus, Nazi, rechtsradikal, rechtsextrem, geklebt.

Woran erkennt man Faschismus?

Der italienische Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler Umberto ECO hat sich intensiv mit dem Faschismus auseinandergesetzt:

„Faschismus wurde zu einem „Allzweckbegriff“, weil man aus faschistischen Regimen Merkmale eliminieren kann und es trotzdem noch als faschistisch erkennbar sein wird.“ schrieb Umberto Eco 1995. „Nehmen Sie den Imperialismus vom Faschismus und Sie haben noch Franco und Salazar. Nehmen Sie den Kolonialismus weg und sie haben noch den Balkanfaschismus der Ustascha. Fügen Sie dem italienischen Faschismus einen radikalen Antikapitalismus hinzu, (der Mussolini nie fasziniert hat) und Sie haben Ezra Pound. Addieren Sie einen Kult der keltischen Mythologie und die Gral-Mystik (völlig fremd dem offiziellen Faschismus) und Sie haben einen der angesehensten faschistischen Gurus, Julius Evola.“ Viele Namen sagen uns heute kaum noch was. Sie sind im Kontext von Umberto Ecos Zeit zu sehen. In der Konsequenz können sich faschistische Regime deutlich unterscheiden.

Quelle: https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/ letzter Zugriff: 24.2.21/20:00 MEZ

ECO erarbeitete 14 Merkmale des Ur – Faschismus:

1. Traditionenkult.
Der Traditionalismus als Gegenbewegung zum Synkretismus (Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen, philosophischer Lehren) → „Es kann keinen Fortschritt der Erkenntnis geben, die Wahrheit ist ein für allemal verlautbart“.
2. Ablehnung der Moderne:
Trotz Technikverehrung fußt die Ideologie auf Blut und Boden. Im Grunde werden die Aufklärung und die Werte von 1789 abgelehnt.
3. Irrationalismus:
„Denken als Form der Kastration“. Kultur wird verdächtigt, sobald sie kritisch wird. Misstrauen gegenüber dem Intellekt.
4. Ablehnung der analytischen Kritik:
Wenn die Wissenschaft mangelnde Übereinstimmung als nützlich ansieht, ist es für den Ur-Faschismus Verrat.
5. Ablehnung von Meinungsvielfalt und Pluralismus:
Die natürliche Angst vor Unterschieden wird ausgebeutet und verschärft. Der erste Appell des Faschismus oder Vorfaschismus richtet sich gegen Eindringlinge.
6. Entstehen durch individuelle oder soziale Frustration:
Der Appell an die frustrierte Mittelklasse in einer ökonomischen Krise oder bei politischer Demütigung.
7. Nationalismus:
Menschen, die sich der sozialen Identität beraubt fühlen, wird ein einziges Privileg zugesprochen: In demselben Land geboren zu sein. Die Wurzel der urfaschistischen Psychologie ist Verschwörung. Die Anhänger müssen sich belagert fühlen, am besten durch Fremde.
8. Demütigung vom Reichtum und der Macht der Fremden:
Damals: „Juden sind reich und haben ein geheimes Netz gegenseitiger Unterstützung“. Heute „Flüchtlinge kriegen alles, haben iPhones und haben sich zur „Invasion“ verschworen“.
9. „Das Leben ist nur um des Kampfes Willen da.“
„Pazifismus ist die Kollaboration mit dem Feind.“
10 „Elitedenken“:
Man gehört dem besten Volk, der besten Rasse an. Der Führer weiß, dass ihm die Macht nicht demokratisch übertragen werden kann, dass seine Kraft in der Schwäche der Masse wurzelt. Jeder Unterführer verachtet seine Untergebenen. Die Folge ist ein massenhaftes Elitebewusstsein.
11. Erziehung zum Heldentum:
Ein Held ist in der Mythologie ein außergewöhnliches Wesen. Im Faschismus ist der Held die Norm. Das Heldentum hängt eng mit einem Todeskult zusammen. Der Held im Faschismus sucht ungeduldig den heroischen Tod als beste Belohnung und schickt in dieser Ungeduld gerne andere in diesen Tod.
12. Übertragung des Willens zur Macht und des Heldentums auf die Sexualität:
Das ist der Ursprung der Frauenverachtung und der Intoleranz gegenüber ungewöhnlichen Sexualpraktiken (von Keuschheit bis Homosexualität) und die Neigung zur „phallischen Ersatzübung“, dem Spiel mit der Waffe.
13. Selektiver Populismus:
Der individuelle Bürger wird durch den Volkskörper ersetzt. Das Nürnberger Reichstagsgelände wird zum Internetpopulismus.
14. Urfaschismus spricht „Neusprache“:
Ein verarmtes Vokabular mit Framing und Deutungshoheit. Von „Lügenpresse“ bis „Umvolkung“ werden Begriffe neu etabliert.

Quelle: https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/ letzter Zugriff: 24.2.21/20:00 MEZ

Ich finde, als jemand, der in Deutschland, Italien, S sollte nach dem Lesen dieser 14 Punkte eine Pause eingelegt werden, die für einen Blick in einen imaginären Spiegel ausreicht. Der deutsche Faschismus, ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem Überzeugungen entstanden, die in die Sozialisation eingebaut wurden und 1945 nicht urplötzlich verschwanden. Ganz im Gegenteil, einzelne Aspekte sind in der Erziehung immer noch anzutreffen, während gar nicht bewusst wird, dass das aus dem Komposthaufen des alten Faschismus genährt wurde. Ich gebe zu, zweimal habe ich auch geschluckt.

Nachrichten als Mittel der Manipulation


Nachrichten können, selbst wenn sie lediglich das Tatsächliche wiedergeben und vollständig sind, einen manipulativen Charakter haben. Welche Nachrichten erlangten mich und warum haben sie mich interessiert, während sich andere meiner Wahrnehmung entzogen? Draußen passieren jeden Tag unzählige Geschichten, von denen ich ein Bruchteil erfahre. Ich benötige Filter, damit ich nicht überflutet werde. Eben genau jene können zum Problem werden, nämlich, wenn ich die Geschichten zur Bestätigung dessen benutze, was ich mir zusammengereimt habe. Hinzu kommt die Überlegung, welche für mich wirklich relevant sind. Vieles betrifft mich objektiv nicht, anders formuliert, sie gehen mich häufig gar nichts an. Es gibt mannigfaltige psychologische Abhandlungen darüber, warum uns Geschichten interessieren, mit denen wir nichts zu tun haben. Dazu gehört die Berichterstattung über sogenannte Prominente, Unglücke, Verbrechen, eben alles womit die Boulevardpresse ihr Geld verdient.

Oftmals antworte ich auf an mich gerichtete Fragen: “Wozu oder wofür benötigst Du diese Information? Welchen Mehrwert hat sie für Dich und was willst Du damit anstellen?” Eine kleine persönliche Abwandlung dessen, was Sokrates seinen Schülern vermittelte. Ich stelle sie auch aus der Ferne. Immer wenn sich jemand darüber empört, dass ihm etwas nicht erzählt wurde. Wobei es meistens nicht darum geht, was dem Einzelnen nicht berichtet wurde, sondern angeblich der Allgemeinheit vorenthalten wurde. Die, in Kenntnis des Empörenden, vollkommen andere Entscheidungen träfe. Allerdings räume ich ein, dass manchmal ein wenig Hintergrundwissen oder dem Prozedere hilfreich sein kann. Zum Beispiel leben Deutsche in einer durch und durch verwalteten Gesellschaft. Für das Verständnis diverser Vorgänge ist das Wissen, wie Verwaltung funktioniert und tickt, förderlich. Schubladen, Ordner, Etiketten, Bezeichnungen und vor allem sich daraus ergebende Zuständigkeiten, finanzielle und materielle Zuwendungen, sind in der Verwaltung täglich Brot.

Letztens sah ich einen Beitrag von Michel Friedman, den ich sehr schätze, in dem er sich aber diesmal verrannte. Er mokierte sich über die Einordnung von Straftaten, bei denen viel zu spät der Generalbundesanwalt eingeschaltet wurde. Alles eine Folge der Verwaltung. Ein engagierter Ermittler muss sich gut überlegen, was er auf seinen Ordner schreibt. Ist es der falsche Begriff, wird er je nach Zielsetzung, einen Vorgang nie wieder los oder das Ding wird einem weggenommen. Manchmal müssen Ermittlungen vor den falschen allzu neugierigen Augen versteckt werden. Ein Mittel ist es, ein niederschwelliges Etikett zu wählen, welches keine schlafenden Hunde weckt. Im Übrigen ist der Generalbundesanwalt niemand mit eigenen ihm speziell zugeteilten Superermittlern, sondern mehr eine Koordinierungsstelle. Aber dies nur am Rande. Bei allen größeren politischen Aktionen ist immer ein Verwaltungsfaktor dabei, bei dem der Wissende grob die Anzahl der Beteiligten, die notwendigen Schritte und vor allem die zu nehmenden Hürden einschätzen kann. Der Vorteil ist dabei: Wenn eine echte Sauerei abläuft, sind so viele beteiligt, dass es irgendwann eine undichte Stelle gibt. Man muss nur lange genug warten.

Im Zeitalter der Digitalisierung gibt es kaum noch echte Geheimnisse. Mit ein wenig Talent zur Recherche und Zeit bekommt der Interessierte nach und nach fast alles heraus. Für fast alles gibt es mehrere Quellen, die ich gegeneinander laufen lassen kann, auf diese Art einen gemeinsamen Inhalt ermittle und am Ende ziemlich gut über das reale Geschehen Bescheid weiß. Große Anteile des Geschehens sind zu einer Datenbank geworden, die jeder mit Suchparametern abfragen kann. Und die gewählten Parameter sagen eine Menge über mich aus: Sie verraten meine Interessen und weisen auf den Verwendungszweck hin.

Das Geschehen als Datenbank – Suchparameter: Nationalität

Einige Zeitgenossen ergötzen sich gern an Raub, Mord, Totschlag. Irgendwo hat eine/r auf dem deutschen Staatsgebiet einen anderen Menschen ums Leben gebracht. Gut! Menschen töten Menschen, das ist recht banal und kommt auf diesem Planeten minütlich vor. Wenn ich weder das Opfer, noch den/die Täter/in kenne, nicht einmal mit jemanden aus dem weiten Lebensumfeld bekannt bin, ist dies jetzt erst einmal nicht spannend. Gut, wenn es sich um einen Krieg handelt, vor allem wenn deutsche Soldaten beteiligt sind, könnte dies ein gewisses Interesse auslösen. Einigen reichen die einfach erlangbaren Information nicht aus. Wo ist das genau passiert? Was weiß man über den, die, Täter/in? Deutsche/r? Aus dem Ausland? Welches Land? Religion? Welche Gründe gab oder gibt es für den Aufenthalt? Mit dieser Ausprägung der Neugier unterscheiden sie sich schon mal von anderen Menschen. Manche nennen sich Journalisten, andere Politiker und wieder andere verstehen sich als Aufklärer.

Ein Teil legt einen besonderen Wert auf die eigene Nationalität des Täters/ der Täterin/ der Täter oder Eltern, Großeltern. Wobei ihnen dies oftmals schwer beantwortet werden kann. Staatsrechtlich und im normalen Sprachgebrauch ist Deutscher, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Alle anderen Interpretationen sind seit der Beendigung der Regierungszeit der NSDAP nicht mehr üblich. Vor 1945 wäre die Antwort einfacher gewesen. Ab September 1935, mit Verabschiedung der Nürnberger Gesetze, hätte auf eine Abweichung von “deutschblütig” oder “artverwandt” hingewiesen können. (siehe Umberto Eco) Mittlerweile behelfen sich einige mit einer Entlehnung aus der Soziologie und verwenden den Begriff “Migrationshintergrund”. In der breiten Masse bezieht sich er sich nicht auf eine tatsächliche Migration in das völkerrechtliche deutsche Staatsgebiet. Den Verwendern des Begriffs geht es ebenfalls nicht um die ursprüngliche Forschung nach den besonderen Problemen, die kulturelle Veränderungen, Ausgrenzung, Fremdeln, usw. mit sich bringen. Mitteleuropäer (quasi das alte “artverwandt”) werden ausgeklammert und nur Personen, die selbst oder deren Eltern, Großeltern, außerhalb Mitteleuropas geboren wurden, erfahren die Zusatzbezeichnung “Migrationshintergrund”. In der Ideologie der Nationalsozialisten gab es noch die germanischen Völker, zu denen die Slawen nicht gehörten. Passend dazu wird bei Tätern, Täterinnen, aus dieser Ecke Europas auch gern der Migrationshintergrund erwähnt. Aber ich habe selten bis niemals von einem französischen, belgischen, niederländischen oder britischen Migrationshintergrund gehört oder gelesen.

Wie auch immer, das Ganze entspricht wie erwähnt einer Datenbankabfrage, bei der Daten mittels einer vom Verwendungszweck abhängigen Suche abgefragt werden. Jetzt spiele ich dies einmal durch. Es passiert ein Totschlag, das Opfer ist eine deutsche Staatsbürgerin und der Täter ist meinetwegen ein syrischer Staatsbürger, der vor dem Kriegsgeschehen in seinem Land geflüchtet ist. Die spezielle Gruppe der Neugierigen findet dies nicht nur erwähnenswert, sondern gleichsam empörend.

Im § 212 Abs. 1 – Totschlag – StGB steht: Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.

Also im Gesetzestext, nicht einmal in der Vorgängerversion, dem Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich vom 15. Mai 1871, ist die Herkunft in irgendeiner Art relevant. Ist es jetzt irgendwie anders zu bewerten, wenn ein deutscher Staatsbürger, mit in Deutschland geborenen Eltern und Großeltern, eine deutsche Staatsbürgerin erschlägt und müsste bei der auch nochmals nachgehakt werden, ob wiederum ihre Eltern und Großeltern in Deutschland (BR Deutschland, DDR wäre auch noch offen) geboren wurden? Macht es für das Opfer einen Unterschied, von wem es getötet wurde? Oder ist die Empörung ein bestätigender Ausruf? “Wusste ich es doch!” Was? Das die Fähigkeit des “Homo sapiens sapiens” zu Töten vom Längen – und Breitengrad des Geburtsorts abhängt? Oder ist es weniger verwerflich in seinem vom Schicksal abhängigen Geburtsland ums Leben zu bringen? Wenn schon, dann wenigstens im eigenen Land? Wie sieht es dann aus, wenn der Täter ein “Bio – Deutscher” (auch eine nette Umschiffung des Begriffs – deutschblütig – ) ist? Sollte der vielleicht härter bestraft werden, weil es undeutsch ist, andere umzubringen?

Wie wollen rechts – konservative Plattformen Nachrichten gestaltet haben?

Vielleicht kann die Betrachtung eines konkreten “Neugierigen” Aufschluss geben. Am 22. Februar 2021 veröffentlichte der Journalist Boris Reitschuster auf seiner Seite reitschuster.de den Gastbeitrag eines Dr. Manfred Schwarz (auch Autor auf der Plattform: Tichys Einblicke), in dem sich dieser kritisch zur medialen Berichterstattung über ein Tötungsdelikt in Lüneburg äußert. Sein Missfallen richtet sich auf den Umstand, dass für seinen Geschmack zu wenig persönliche Informationen über den Täter und den Tathergang publiziert wurden. Anders: Seine angelegten Suchparameter wurden nicht ausreichend berücksichtigt. Er schreibt am Anfang:

“In der Psychiatrischen Klinik Lüneburg hat ein Insasse zwei Menschen brutal umgebracht, eine Pflegerin wurde schwer verletzt, zwei weitere Personen leicht. Der mutmaßliche Doppelmörder konnte von mehreren Streifenwagen-Besatzungen der Polizei unter Einsatz von Pfefferspray festgenommen werden.
Wieder einmal ist es interessant, dass zwar nahezu alle größeren Medien hierzulande über den Doppelmord berichteten – aber fast alle keine genauen persönlichen Hintergründe des Täters veröffentlicht haben.
Um das vorweg zu nehmen, was Zeitungen, Radiosender und  Fernsehanstalten verschweigen – von der Münchner „Abendzeitung“ und vom „NDR“ über das Hamburger Abendblatt“ und die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) bis zum „Spiegel“ und zur „Zeit“: Der Tatverdächtige ist ein Syrer, der offiziell als „Schutzsuchender“ – also als „Flüchtling“ – gilt. Der „Geflüchtete“ ist hierzulande bereits mehrmals schwer straffällig geworden, wurde aber rechtswidrig von den zuständigen Behörden weiterhin in Deutschland „geduldet“.”


https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzter Aufruf: 24.2.2021/ 20:02 MEZ

Nun, ob es ein Mord ist, wird vor Gericht zu klären sein, immerhin scheint bereits sicher zu sein, dass es keine Gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge war. Ob die Duldung rechtswidrig ist, kann aus der Ferne schlecht beurteilt werden. Aber es scheint dem Verfasser wichtig zu sein, dass der Täter ein Syrer ist. Warum, ist hier noch nicht erkennbar. In einem weiteren Absatz schreibt er:

Gewalteinwirkung auf den Hals“? Das ist oft die beschönigende Umschreibung dafür, dass einem Menschen die Kehle durchgeschnitten wurde. Die „Abendzeitung“ berichtete vernebelnd: „Was der Auslöser für die Gewaltattacke auf der Station war, blieb zunächst unklar.“ Damit ist der Fall für die Mainstream-Medien erledigt. Wie hätte wohl die Welt des linken Medien-Mainstreams reagiert, wenn ein „Bio-Deutscher“ mehrere Flüchtlinge in der Psychiatrie umgebracht hätte?

https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzte Abfrage: 24.2.2021 /20:03 MEZ

Alle regionalen Zeitungen, hierunter das Eichsfelder Tageblatt und die Hannoversche Allgemeine Zeit wissen da ein wenig mehr. Das erste Opfer wurde erdrosselt oder erwürgt, näheres wird eine Obduktion ergeben. Opfer Nummer zwei erlitt eine schwere Kopfverletzung, die am Ende wahrscheinlich zum Tode führte, wobei auch dies seitens der Gerichtsmedizin zu klären sein wird. Doch ich notiere an dieser Stelle, dass Herr Dr. Schwarz auf einen linken Mainstream verweist. Was das genau ist, weiß ich nicht. Kommunistischer/Sozialistischer Mainstream? Auf jeden Fall scheint er der Auffassung zu sein, dass bei einem mutmaßlichen Totschlag, ausgegangen von einem deutschen Staatsbürger, mit deutschen Eltern und Großeltern, welcher sich zum Tatzeitpunkt als Patient in einer psychiatrischen Einrichtung befand, zwei syrische Patienten tötete, eine andere Reaktion stattgefunden hätte. Was auch immer dieser linke Medienmainstream sein soll, und wer alles dazu gehört, dazu schweigt er, scheint auf jeden Fall für ihn irgendwie bedrohlich zu sein. Mir erscheint niemand sonderlich analytisch veranlagt zu sein, wenn bei einem Vorfall in einer psychiatrischen Einrichtung als Top – Information die Nationalität eine Rolle spielt. Ich würde als Erstes an Krankheiten, Impulsdurchbrüche bei Traumatisierungen oder manische Depressionen denken.

Abschließend heißt es bei Herrn Dr. Schwarz:

„Bild“ hat in ihrer Print-Zeitung geschrieben, dass es gegen den festgenommenen Tatverdächtigen bereits „Verfahren wegen Körperverletzung und Bedrohung“ gegeben hat. Eine etwas verniedlichende Umschreibung dafür, dass der Verdächtige offenbar schon mehrfach als brutaler Schläger aufgefallen ist – und vermutlich Mitbürger wiederholt in Angst und Schrecken versetzt hat.
Anders formuliert: Menschen sind Opfer eines Kriminellen geworden, der längst hätte abgeschoben werden müssen. Aber wie viele Medien in Deutschland würden sich heute noch trauen, diese bitteren Wahrheiten auszusprechen?

https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzte Abfrage 24.2.2021 20:04 MEZ

Was steckt dahinter?

Wahrheit ist ein großes Wort. Aber ich bin mal nicht kleinlich und interpretiere sie als das dialektische Gegenteil von Falschaussage oder wenigstens einer in Teilen falschen Behauptung. Doch selbst das ist hier nicht ganz einfach. Er schreibt von Hörensagen, bzw. einer nicht gerade seriösen Quelle, die sich selbst auf Verfahren zurückzieht und wohlweislich nichts von einer Verurteilung erwähnt. Basierend darauf vermutet er etwas, nämlich den brutalen Schläger, um dann am Ende aus allem zusammen einen vermeintlichen Fakt zu basteln: Täter war ein aus Syrien stammender Krimineller, der längst (vor Monaten? Jahren? Tagen?) in ein Kriegsgebiet hätte abgeschoben werden müssen. Dabei stellt sich die Frage, ob es dort nicht auch zu einem Totschlag an anderen Menschen gekommen wäre. Bislang habe ich nichts von einer psychiatrischen Behandlungsmethode mit der Bezeichnung Abschiebung gehört. Oder ist der Totschlag eines Syrers in seinem eigenen Land anders zu bewerten? Seltsamerweise weist Hr. Dr. Schwarz selbst darauf hin, dass Menschen – nicht explizit Deutsche – Opfer wurden. Hat er da im letzten Moment die Kurve bekommen?

OK, meinem persönlichen Eindruck nach, geht es weniger um Neugierde, Interesse, sondern um Abschiebung und Herstellen einer Konnotation. Jemand, hier konkret Dr. Schwarz, hört etwas von einem Tötungsdelikt, fragt die Datenbank mit der Suchparametern – Ausländer, Migration, Flüchtling – ab, sieht sich in seiner Vorurteilsstruktur bestätigt und legt los. Und jeder, der die Struktur nicht bedient, getraut sich nicht bittere Wahrheiten auszusprechen. Welche eigentlich? Wäre der Mann bereits abgeschoben gewesen, lebten zwei in Deutschland geborene Patienten, mit deutschen Eltern und Großeltern noch, und wenn überhaupt, wären zwei Syrer gestorben? Ich überlasse jedem selbst, den Text, die Tendenz und den Subtext mit den 14 Punkten von Umberto Eco (ein Intellektueller und somit vermutlich aus Sicht einiger Zeitgenossen ein Linker) abzugleichen.

Doch in welche Schublade sortiere ich nun Herrn Dr. Schwarz? Und mit welcher Motivation bietet ihm der Journalist Reitschuster das Forum seiner Seite an? Diese hat er immerhin unter das Credo “Kritischer Journalismus. Ohne “Haltung”. Ohne Belehrung. Ohne Ideologie.” gestellt. Dafür hat der Gastautor, eine Menge Ideologie, z.B. die Annahme der Existenz einer vorherrschenden, linken gesellschaftspolitischen, kulturellen Ausrichtung der deutschen Medienlandschaft, hineingepackt. Aber, wie jeder andere, der seine Seite zur Verfügung stellt, macht Boris Reitschuster klar, dass es sich nicht unbedingt um seine Meinung handeln muss und er seinen Lesern ein breites Spektrum anbieten möchte. Zu Herrn Dr. Schwarz findet sich unter dem Artikel seine Kurzdarstellung.

Dr. Manfred Schwarz (Politologe): Zivillehrer an der Hamburger Landespolizeischule, dann etliche Jahre Berufsschullehrer und Dozent in der staatlichen Lehrerfortbildung (Bereich: Politik); jeweils acht Jahre Medienreferent in der Hamburger Senatsverwaltung und (nebenamtlich) Vizepräsident des nationalen Radsportverbandes BDR (verantwortlich für die bundesweite Medienarbeit / Herausgeber einer Internet-Radsportzeitung). CDU-Mitglied, sechs Jahre Mitglied des Hamburger CDU-Landesvorstands. Heute Autor für verschiedene Internetportale mit den Schwerpunkt-Themen Politik und Medien.

Quelle: https://reitschuster.de/post/doppelmord-in-lueneburg-medien-verschweigen-hintergruende/ letzte Abfrage 24.2.2021 20:05 MEZ

Er selbst hat sich demnach per Parteimitgliedschaft ein Etikett verpasst. Christlich und Konservativ! Ich habe bei vielen Mitgliedern der CDU den Verdacht, dass die eine besondere Ausgabe der Bibel im Regal zu stehen haben. Gut, ich bin raus, weil ich zwar getauft und konfirmiert bin, aber im Laufe des Lebens mit Überzeugung für eine andere Anschauung eintrete. Das Weltgeschehen ist komplex und beruht auf Wechselwirkungen. Der Syrer wurde nicht als einer geboren, der eines Tages ausrastet. Es ist nicht möglich jeden einzelnen Faktor aufzuschlüsseln, der zu diesem Tag führte. Wo will man da anfangen? Warum ist Syrien der Staat geworden, der er jetzt ist? Was führte zum Krieg? Was zur Machtübernahme eines Assad – Clans? In welcher Art Familie wuchs er auf? Geriet er in Kampfhandlungen? Was geschah auf der Flucht mit ihm? Für mich, als Anhänger der buddhistischen Philosophie gibt es grundsätzliche Ursachen, die alles und jeden betreffen. Das im Menschen vorhandene Ur – Programm der Gier, die ein Festhalten und Verteidigen des Erlangten, den gerechtfertigten oder auch ungerechtfertigten Neid anderer erweckt und oftmals dazu führt, dass jemand zu wenig zum Leben hat, weil eine/r sich zu viel vom Kuchen abgeschnitten hat. Natürlich gestehe auch Hr. Dr. Schwarz zu, dass er das Endergebnis einer ganzen Kette von Ereignissen ist. Dies gilt ebenso bei mir und jedem Lebewesen auf der Erde.

Vielleicht ist das mit der Schublade gar keine gute Idee?

Ich hatte beim Lesen der Seiten auf reitschuster.de beinahe schon den Aufkleber rechts – konservativ in der Hand. Alternativ vielleicht “narrow – minded”, “reaktionär” oder “Nationalisten”. Auch wenn Hr. Reitschuster selbst eine Biografie beschreibt, die einst mit der SPD startete und er an einer Stelle erwähnt, dass ihm ein “Höcke” unheimlich ist. Politische Ausrichtungen sind immer mit Psychologie verbunden. Beispielsweise sind Rassismus, die instinktive Angst vor Fremden, Verlustängste, der Wunsch nach Bewahrung des bisher Gewohnten, tief im Menschen verwurzelt. Es gibt Richtungen, in denen dem Menschen der freie Wille abgesprochen wird. Meiner Meinung nach gilt dies für die ersten Sekunden. Danach kann das Großhirn seine Arbeit machen. Der Haken dabei ist der Umstand, dass auch der Wille, dieses einzusetzen und sich eine Praxis zuzulegen, die eine effiziente Nutzung ermöglicht, von irgendwo her kommen muss. Womit wieder die Diskussion aufkommt: Ist der Mensch ein determiniertes Wesen oder nicht?

Wir haben eine Opfer – Kultur. Externalisiert man das Geschehen, womit es nicht mehr zwingend mit dem ureigenen Verhalten im Zusammenhang steht, wird vieles subjektiv leichter. Opfer bekommen Zuwendungen und die sind dem Menschen wichtig. Andererseits kann ich mich auch dem Opfer zuwenden und mich damit besser fühlen. Weiterhin gäbe es noch die Option, sich selbst für alle Opfer verantwortlich zu fühlen, was zu einer Selbstkasteiung führt. Christen können dies gut. Entsprechen sie nicht ihrem religiösen Idealbild des Menschen, sind sie schuldig und sind nach dem Ende des diesseitigen Lebens auf einen milden Richtspruch angewiesen. Aufmerksamkeit ist in unserer Zeit, in denen Massengesellschaften, überwiegend das Bild prägen, das A und O. Wenn ich mir nicht alleine das Bewusstsein einer selbstverständlichen Individualität verschaffen kann, muss ich mir etwas einfallen lassen. Der Trick, eine Mehrheit für fehlgeleitet zu halten und mich selbst einem exklusiven Club der durchschauenden Kritiker zu halten, ist naheliegend. Gleiches gilt für die Manipulation einer Gefolgschaft, die mir das wohlige Gefühl vermacht, der herausragende Anführer zu sein. Mich dabei als Opfer zu stilisieren, ist Mittel zum Zweck.

Opfer – Kult

Gibt es ein Opfer, existiert auch eine Täterin oder ein Täter. Im Fall der überwiegenden Beiträge auf der Seite, sind es entweder die Regierung oder eine Verschwörung von etwas, was die Verfasser als “links” titulieren. Zu diesem “links” gehören u.a. Naturwissenschaftler und Leute, die diesen Wissenschaftlern glauben, nämlich alle die von einem menschlichen Faktor bei der Erwärmung des globalen Klimas sprechen. Links sind auch diejenigen, welche Covid-19 für eine ernsthafte Bedrohung des Gesundheitssystems halten und deshalb eindämmende Maßnahmen für notwendig erachten. Gleichsam ersehen sie die Theorien des (Neo)liberalismus, mit dem dazugehörenden Godfather Friedrich von Hayek, als die letzte aller Wahrheiten. Über den kann man viel sagen oder es lieber sein lassen. Auf jeden Fall passen die vorgenannten Ablehnungen gut zu ihm. Was ich wiederum nicht verstehe, ob die an irgendeine göttliche Rettung glauben oder schulterzuckend in den Abgrund fahren wollen, weil es ohnehin nicht abwendbar ist. Doch das Bild Abgrund ist nicht ganz passend. Bei ihm wäre bis zur Kante eine entspannte Fahrt garantiert. Wir nähern uns vielmehr einem großen Feuer und es wird immer unangenehmer, je näher wir ihm kommen. Reiche haben einen Schutzanzug, während Ärmere Meter für Meter auf der Strecke bleiben. Hier ist ein springender Punkt. Augenscheinlich treten auf der Seite Frauen und Männer auf, denen es gut geht und darauf bedacht sind, dass sich dieser Status Quo nicht ändert. Eins weiß ich, Hayek war mit Sicherheit kein Buddhist. Er akzeptierte die Wechselwirkung, doch er betrachtete die Gier als regulierenden Faktor und nicht als Wurzel des Übels.

Bei mehreren der von Eco gelisteten Kriterien vollziehen sie Punktlandungen. Alles, was mit fremd, Naturwissenschaft und ihre Vorgehensweise sich nach und nach an die Realität “heranzuirren”, dem Neuen aus verschmelzenden Kulturen zu tun hat, ist ihnen suspekt, wenn es sie nicht geradezu anwidert. Eigentlich ist das bei Akademikern aus Mitteleuropa seltsam. Wären nicht irgendwann Römer, Germanen, Goten, Sachen, Franken, Normannen, Wandalen und Vorderasiaten. Kulturell und religiös miteinander verschmolzen, gäbe es uns nicht. Ohne dem auf Naturwissenschaften basierenden technischen Vorsprung hätte es niemals eine Kolonialisierung in der erlebten Form und damit den Aufstieg Mitteleuropas gegeben. Bei meiner Lebenshaltung kann ich die Ablehnung einer ungebremsten technischen und digitalen Entwicklung nachvollziehen, aber bei denen eher nicht.

Die Autoren

Vornehmlich treffen auf der Seite Leute zusammen, die nicht nur von nationalen Grenzen überzeugt sind, sondern Menschen immer in der Kombination mit ihrer Nationalität sehen. Ich bleibe bei meiner schon häufiger gestellten Frage: “Welche Auskunft gebe ich einem Außerirdischen über meine Herkunft? Berlin? Deutschland? Nordhalbkugel oder Erde?” Deshalb das Etikett “narrow – minded”. Wenn ich beim Betrachten eines Ölbilds mit der Nasenspitze die Leinwand berühre, kann ich wenig über das Motiv sagen. Ich muss schon einige Meter Abstand nehmen. Selbst wenn ich es knallhart angehe, komme ich mit deren Einstellung nicht weiter. Wenn in der kommenden Zeit Küstenregionen unbewohnbar werden, ganze Zonen der Erde zu lebensfeindlichen Gebieten verkommen, sind Kriege, nie dagewesene Fluchtbewegungen und Massensterben programmiert. Da sollte man rechtzeitig beginnen, sich auf das unvermeidlich kommende vorzubereiten. Und Grenzen, die keine Tötungsmaschinerie besitzen, werden die Menschen nicht stoppen. Wer das der nächsten Generation nicht zumuten will, zu denen gehöre ich, muss schleunigst handeln. Womit ich mir vermutlich den Aufkleber “links” locker verdient habe. Die da schreiben sind keine Dummen. Aber wie gedenken sie den zweiten Schritt zu machen? Ihr wollt nicht aufhören das Klima zu verändern? OK! Covid-19? Wir alle müssen sterben, daran kommt keiner vorbei. Aber aktuell können wir noch versuchen einige zu retten. Ihr nehmt eine Überschwemmung der Krankenhäuser und eine steigende Anzahl von Sterbenden hin. Gut! Ist eine Haltung! Dann sei aber die Frage erlaubt, wie wir mit den zu erwartenden Unruhen umgehen? Habt ihr dafür eine Lösung oder einen passenden Einsatzauftrag? Akademiker! Wer von Euch stellt sich mit der Knarre in der Hand an die Grenze? Keine Schublade! Ich bin von früher her Leute gewohnt, die tolle Sachen wollen, aber nicht bereit sind, sich mit den Folgen auseinanderzusetzen. Schaut Euch die Kommentatoren unter Euren Texten an. Das sammelt sich ein Mob, dem der Hass aus den Ohren kommt. Mit denen müsst ihr ein Handling betreiben. Ich setze die Kenntnis des “Zauberlehrlings” voraus.

Warum diese intensive Auseinandersetzung?

Sie ist im gewissen Sinne eine Anerkennung. Was ich gelesen habe, ist gut gemacht und hervorragend geeignet, die etwas niederen Instinkte herauszulocken. Wie gesagt, ich bezweifle stark, dass sie den Mob, der geweckt wird, kontrolliert bekommen. Das Problem liegt nicht in der freien Meinungsäußerung. Die ist allumfassend und ohne jegliche Beschränkung zu jeder Zeit zuzulassen! Allein schon aus dem Grund, weil wir für das Kennenlernen eines Menschen auf seine Worte angewiesen sind. Verbote ändern nicht, was im Kopf vorgeht! Entscheidend sind jene, die zustimmend lesen oder zuhören. Ich wohne in der Nähe einer psychiatrischen Einrichtung. Wenn hier eine/r die Straße entlang geht und dabei Zeugs vor sich hin brabbelt, interessiert dies niemand. Wir erleben immer mehr das Phänomen, dass die Leute auch noch den seltsamsten Aussagen interessiert zuhören und schlimmsten Falls Glauben schenken (Chemtrails, Echsenmenschen, Flat – Earth, QAnon). Manchmal sind sie nicht seltsam, sondern abseits dessen, was dem allgemeinen Konsens nach unter ethisch vertretbar zu verstehen ist (Flüchtlinge, Mittelmeer). In anderen Fällen sind es wilde Konstruktionen, die nichts anderes als fadenscheinige Begründungen für ein weiter andauerndes sattes, aber für folgende Generationen schädliches Leben sind (Klima, Zerstörung der Lebensgrundlagen). Bei allen müssten sich die meisten Menschen an die Stirn Tippen und die/denjenigen mit einem, wie wir in Berlin sagen: “Der hat doch nen Ding an der Bommel!”, stehen lassen. Da stellen sich einige Fragen! Was ist im Bildungssystem schiefgelaufen? Oder, bei den extrem abstrusen Geschichten: Wie ist es zu diesen Persönlichkeitsstörungen gekommen?

Herr Reitschuster geht bei der Manipulation sehr geschickt und subtil vor. Ehre, dem die Ehre gebührt! Ich hab mir mal ein Beispiel etwas genauer angesehen. Im Oktober 2020 nahm er sich eine Umfrage der ARD vor.

Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat es vergangene Woche einen Brand gegeben. Deutschland hat sich bereit erklärt, Flüchtlinge aus dem Lager aufzunehmen. Wie sehen Sie das? Sollte Deutschland Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager auf jeden Fall aufnehmen? Sollte Deutschland nur dann Flüchtlinge aus Moria aufnehmen, wenn sich die EU-Staaten auf eine europaweite Verteilung der Flüchtlinge einigen? Oder sollte Deutschland grundsätzlich keine Flüchtlinge aus dem Lager Moria aufnehmen?“

Quelle: ARD – Deutschlandtrend Sept. 2020 u. reitschuster.de

87 % der Befragten, stimmten bei dieser Fragestellung einer Aufnahme zu. Nachvollziehbar, dass dieses Ergebnis Hr. Reitschuster nicht ins Konzept passte. Seiner Analyse nach ist die Frage manipulativ. Zur Begründung weist er darauf hin, dass lediglich zwei Optionen angeboten werden, nämlich Ja oder Nein, und dabei eine Hilfe vor Ort außen vor gelassen wird. Dies kann man durchgehen lassen. Es ist jetzt nicht wirklich eine brandneue Erkenntnis, wie sehr die Fragestellung Umfragen beeinflussen. Meiner Kenntnis nach ist dies in fast allen Studiengängen Lehrstoff im Bereich Statistik. Auf der Seite gibt er sich unschuldig, nahezu von geweckten Forschergeist motiviert, diesen hinreichend bekannten Bias nachzuweisen. Folgerichtig startete er eine Umfrage mit einer abgewandelten Fragestellung.

Zitat:

Fragetext: Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat es vor drei Wochen einen Brand gegeben. Laut Angaben griechischer Behörden soll eine Gruppe von sechs minderjährigen Flüchtlingen, deren Asylanträge abgelehnt wurden, den Brand selbst gelegt haben. Wie sehen Sie das? Sollte Deutschland Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager auf jeden Fall aufnehmen? Sollte Deutschland nur dann Flüchtlinge aus Moria aufnehmen, wenn sich die EU-Staaten auf eine europaweite Verteilung einigen? Oder sollte Deutschland keine Flüchtlinge aus dem Lager Moria aufnehmen und stattdessen vor Ort helfen? Oder sollte Deutschland grundsätzlich keine Flüchtlinge aufnehmen und auch nicht vor Ort helfen?

Quelle: https://reitschuster.de/post/umfrage/ letzte Abfrage: 24.2.2021/ 20:06 MEZ

Wo er die Angabe herhat, dass es sechs minderjährige Flüchtlinge waren, erschließt sich mir nicht, erst recht nicht die Angelegenheit mit den abgelehnten Asylanträgen. Bei der Berichterstattung schwanken die Angaben zwischen 4 – 6 Festgenommenen unter denen sich vermutlich 2 Minderjährige befanden. Der Appell ist nicht zu überlesen! “Abgelehnt – also keine echten Flüchtlinge – u. die sind alle selbst Schuld!” Der zweite Appell: “Warum immer wir Deutsche, wenn schon, dann auf alle EU – Länder.” Bei der Fragestellung stimmen nur noch 43 % der Befragten zu und 44 % dagegen. Was beweist das jetzt?

Im September des letzten Jahres befanden sich im Lager 13.000 Menschen, die dort ohne fließendes Wasser, in Zelten mit offenen Feuerstellen kampierten. Frauen, Männer, Kleinkinder, Säuglinge, Heranwachsende. Darüber hinaus zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem halben Jahr im Corona – Lockdown. Gemäß Flüchtlingshelfern brachte der Umgang mit 35 an Covid-19 Infizierten das Fass zum Überlaufen. Von meiner Seite her: Hut ab an die Bewohner, dass es nicht viel früher zu einem Vorfall dieser Art kam. Und wie soll 13.000 Menschen vor Ort geholfen werden? Und bis jetzt sind es ja wohl die Griechen, die nach Europa hineinrufen sollten.

Aber 44 % bekomme ich offenbar mit einem “Selbst Schuld! Dann müsst ihr halt noch mehr leiden!” Diese “kaltschnäuzige” Einstellung wundert mich jetzt in Deutschland nicht ernsthaft. Irgendwie erinnert mich das auch ein wenig an Strafaktionen gegenüber Partisanen und später dem Vietcong. Bestrafung von 12.994 für die Rebellion von 6 ist kein schlechter Schnitt. Gut, dies hat mir Hr. Reitschuster aufgezeigt. Danke!

Ihm zeigt es etwas anderes:

Zitat:
Das Ergebnis der von mir bestellten INSA-Umfrage zeigt, wie unterschiedlich Umfrageergebnisse ausfallen, je nachdem, wie die Frage formuliert wird. Hier bietet sich leider ein breiter Spielraum für kaum bemerkbare und nachweisbare Manipulationen. Und da wir Menschen einem starken Konformitätsdruck unterliegen, wird so Stimmung erzeugt: Je größer die vermeintliche Mehrheit, umso größer der Drang, sich ihr anzuschließen. Wenn 87 Prozent für die Aufnahme der Moria-Flüchtlinge sind, fällt es vielen deutlich schwerer, eine abweichende Meinung zu haben, als bei 43 Prozent. Und damit, wenn auch knapp, einer Minderheit.

Quelle: https://reitschuster.de/post/umfrage/ letzte Abfrage: 24.2.2021/ 20:06 MEZ

Jean Ziegler: „Die Schande Europas – Von Flüchtlingen und Menschenrechten“ , 144 Seiten, 16 Euro, Bertelsmann Foto: Bertelsmann

Tja, für mich machen das bei 2084 (gem. Seite u. detaillierter Umfragedarstellung) Befragten, aufgerundete 917 eiskalte Typen, die mir einen kleinen Teil meiner Fragen dazu beantworten, wie manches in der Zeit 1933 – 1945 funktionieren konnte. Insofern ein ziemlich interessantes psychologisches Experiment, was Hr. Reitschuster präsentiert. Konformitätsdruck kann man auch als Mitläufertum bezeichnen. Den gibt es auch bei einem Lynchmord, wo am Ende keiner aus dem Mob dabei gewesen sein will. Vielleicht hätte man den Befragten die Bilder, des weltweit vernetzten linken Medien-Mainstreams, wie bei der Buchbesprechung zum Buch des “Linken” /Ironie *off*, Jean Ziegler, bei den Aachner Nachrichten, zeigen sollen? Bilder können recht wirksam sein. Wie sagte doch Alexander Gauland: “Es kann zu Bildern kommen, die schwer auszuhalten sind.”

Im Allgemeinen ist dies eine militärische Einstellung. Die meisten Minen sollen nicht töten, sondern verstümmeln und damit Entsetzen erzeugen. Im Gegenzuge sind allzu schreckliche Bilder den zu Hause vor dem Fernseher sitzenden Coach – Potatoes vorzuenthalten. Die Militärs haben das geschickt in den Griff bekommen. Viele Zuschauer sind die Sequenzen in Video – Spielen gewohnt. Also werden Aufnahmen von Drohnen präsentiert, die den Spielsequenzen gleichen. Schon ist alles nicht mehr so schlimm. Ich zolle heute noch dem im letzten Jahr verstorbenen Norbert Blüm für seine Übernachtung (2016) im Flüchtlingslager Idomeni Respekt. Und seine Worte waren eindeutig.

Bleibt offen, wer, wen, wie manipuliert. Nehmen wir mal an, ich würde mich als Kämpfer für die Freiheit darstellen und das dem einen oder anderen einfachen Gemüt auch plausibel machen, wiese diese Kandidaten auf die Manipulationsmöglichkeiten über Fragestellungen hin und brächte quasi wie in einem Trojanischen Pferd meine eigene Manipulationsabsicht in der vermeintlich skandalösen Aufdeckung unter, hätte dies ein respektables Format. Und nehmen wir mal zusätzlich an, ich hätte mir lange Jahre von gewieften russischen Spezialisten für Desinformation und Propaganda einiges abgucken können, dann wüsste ich rein theoretisch sehr genau, was ich da tue. Oder? Dann müsste einer, der mir auf die Finger schaut, herausbekommen, wozu ich andere manipulieren will.


Die Religion des Marktes und die neuen selbsternannten Hohepriester

Voller Stolz verkündet Hr. Reitschuster, dass er seine Seite im Dezember 2019 freischaltete und im Januar (2021?) 3,1 Millionen Besucher (darunter Ich ;-)) mit 10 Millionen Klicks hatte. Das nenne ich doch mal Aufmerksamkeit! Nach der Nennung der Zahlen benennt er seine Feinde. Zu denen gehört u.a. der Leiter des Tagesschau.de-Onlineportals faktenfinder Patrick Gensing. Daneben aber auch noch die Süddeutsche Zeitung und einige andere. Es folgt ein Hilferuf! Jeder der ihm spendet, unterstützt die Mission “gebühren – gepolsterte” “Haltungs – journalisten” (Anmerkung: Punkt 14, auf der Liste von Eco?) zu ärgern.

Gott ist tot, es lebe der Markt – die Missionare des neuen Kults

Mit “gebühren – gepolstert” ist wohl der öffentlich – rechtliche Rundfunk und die GEZ gemeint. Wie die Gegenmodelle aussehen, kann sich jeder bei Leuten wie Rupert Murdoch, Andrew Breitbart (jung verstorben), Stephen Bannon, Robert Mercer, anschauen. Allesamt Menschen, die wie ehemals Ford, Rockefeller und Co., rechtzeitig erkannten, wie Geld zu generieren ist und wozu es eingesetzt werden kann. Ihr Anspruch hat es etwas von einem “Gott – Komplex“. In ihrer Vorstellung ist die Erde und alles was darauf stattfindet gestaltbar. Das System “Geld” ermöglicht ihnen so etwas wie einen Olymp, in dem sie sich als neue Götter fühlen. Der gedankliche Vorgang ist nicht neu, von dem wurden bereits römische Kaiser und griechische Könige wie Agamemnon beseelt. Zur Erinnerung: Der wurde bestraft und musste im Totenreich lernen, wie sinnlos alles war. Wenn es Leute gibt, die an einer neuen Weltordnung gemäß ihrer Vorstellungen arbeiten, dann sind es die oben Genannten. Götter sind bekanntlich darauf angewiesen, dass man sie dazu macht und an sie glaubt. Das Göttliche ist im Verständnis des menschlichen Großhirns die Instanz über ihm. Ihrer Auffassung nach hat sich das gewandelt. Über allem steht bei ihnen der Markt. Wie in jedem Kult gibt es Priester, Hohepriester, zeremonielle Handlungen, geheimes spirituelles Wissen, Ketzer, angebetete Heilige, Kultobjekte, Tempel, Insignien, spirituelle Versammlungen und überzeugte Missionare, die ihr Heil, ihren Halt und moralischen Kompass im Kult finden und andere überzeugen wollen. Die Zeiten in denen Missionare von der Kirche in fremde Länder entsandt werden, sind vorbei. Dafür gibt es ein Internet, mit online – Plattformen, Foren, Social Media und einer schier endlosen Menge an Manipulationsmöglichkeiten, die jeder Kult benötigt. Für mich stehen die amerikanische Alt-Right Bewegung, die mit ihr offen assoziierten Plattformen, Milliardäre, die mitteleuropäischen Pendants, in einem direkten Zusammenhang. Der Markt ist alles, einige verstehen dies, u. andere minderwertige Unwürdige, meistens jene, welche sich in den 14 Punkten nicht wiederfinden, eben nicht. Und machen wir uns nichts vor, die jetzt schon eintretenden Ereignisse und das in den nächsten Jahrzehnten, zu erwartende Szenario, stellt für sie eine Bedrohung dar. Die Christen waren auch nicht gerade begeistert, als sie einsehen mussten, dass sich die Erde um die Sonne bewegt.

Meiner Meinung nach sind reitschuster.de, PI-News, Die Achse des Guten, Tichys Einblick, Compact, Kopp Verlag e. K./Kopp Online, u.a., die deutschen Plattformen für Missionare/Priester des oben beschriebenen Kults, mit der die Gefolgschaft versorgt und vermehrt werden sollen. Mit einer gewissen Häme stelle ich fest, dass die Damen und Herren bei ihren Aktivitäten einen eklatanten taktischen Schwachpunkt übersehen. Ich habe ein tiefes Vertrauen in anarchistisch denkende Hacker, die ihnen jederzeit einen Stich ins Herz der Strategie – digital gestützte Missionierung – verpassen können. Der “Cyber Krieg” tobt bereits, aber er hat sich bisher nicht über kleinere provokative Scharmützel hinweg entwickelt.

Was ist echte Freiheit?

Mindestens einen Punkt gibt es noch zu klären. Auf all den Seiten wird der Leser mit dem Wort Freiheit bombardiert. Die kann es nur in Verbindung mit verantwortlichen Denken und Handeln geben. Verantwortung ist unteilbar und schon gar nicht zu Externalisieren. Bei uns halten sich staatliche Institutionen weitestgehend aus dem Verbot einer Meinungsäußerung (Zensur) heraus. Ausnahmen, wie die Strafbarkeit von Volksverhetzungen, Leugnen des Holocaust, nationalsozialistische Grußformeln pp. bestätigen die Regel. Von zivilen Instanzen ausgehender Gegenwind, Beschimpfungen, Kritik, Ausgrenzung von Veranstaltungen, sind keine Beschränkungen der Meinungsfreiheit. Hierzu braucht es eine/n, die/der die Meinung sagt oder schreibt und einen Gegenpart. Letzterer kann nichts für die Befindlichkeiten, wenn der Kritisierte damit nicht umgehen kann. Logischerweise ist auch die Gegenreaktion von der Meinungsfreiheit gedeckt. Mich amüsieren Leute, die mir mit Worten, wie: “Wie können Sie diese Frechheit besitzen?”, oder: “Mit welchem Recht erlauben Sie sich die Schamlosigkeit?”, begegnen. Scham? Frech? Über die Kindheit bin ich fünfzig Jahre hinweg. Versetze ich mich in die Lage dieser über mich Empörten, kann ich die Reaktion verstehen. Immerhin wähnen sie sich in einer höher stehenden autoritären Position. In Deutschland schickt es sich nicht, hiergegen zu rebellieren.

Das Thema Freiheit ist weitläufig. Verantwortung bedeutet, dass ich bei meinem Handeln darauf achte, weitestgehend alles zu unterlassen, was Schaden anrichtet. Tue ich dies nicht, und man kann mir vorwerfen, dass ich leichtfertig handelte, muss ich mich verantworten. Leicht gesagt! Bei wem? Den rechts – Konservativen passen die aktuellen Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie nicht in den Kram. Der unmittelbare Nachweis, wer denn genau aufgrund ihrer auf Unvernunft gestorben ist, wird sich nicht erbringen lassen. Wie will ich eine unmittelbare Kausalität zwischen deren “Immer weiter so!” und der Zerstörung der Lebensgrundlagen herstellen, vor allem, wenn sie bereits unter der Erde liegen? Die Jungen könnten auf die Barrikaden gehen: “Nun ist aber mal gut, es geht nicht mehr um Euer kümmerliches Restleben, sondern um unser!” Greta Thunberg hat es getan. Prompt pöbelten die alten Frauen und Männer der hier angesprochenen Gruppe herum, dass man in ihre Freiheiten eingreifen wolle. Ja! Weil Ihr nicht verantwortlich mit Verstand und Vernunft handelt und damit die Freiheit verwirkt habt. Woran liegt’s? An der Gier, die beides ausschaltet. Mein Vater sagte stets zu mir: “Junge, wenn die Piepe steht, versagt der Verstand!” Eine Wahrheit, die die Menschheit vermutlich seit der Höhle begleitet. Ach ja, und sie rückten alles um Thunberg/Neubauer in eine religiöse Ecke, um irgendwie das lästige Naturwissenschaftliche zu umgehen.

Jemanden die Freiheit zu ermöglichen, bedeutet längst nicht, dass sie oder er sie nutzt, lebt oder überhaupt dazu in der Lage dazu ist. In Malaysia erlebte ich eine Geschichte mit einer kranken Katze. Bis sie krank wurde, streunte sie nach Belieben in der Gegend herum. Doch die Tierärztin sagte, dass das Tier über drei Wochen hinweg dreimal täglich ein Medikament bekommen müsse. Es half nichts. Sie musste in einen Käfig gesperrt werden. In der ersten Woche, versuchte sie jedes Mal wegzulaufen. In der zweiten fügte sie sich in ihr Schicksal und krabbelte nach der Einnahme in den Käfig zurück. Alles alles vorbei war, blieb sie, obwohl die Tür offen stand, volle zwei Tage im Käfig. Sie benötigte weitere vier Tage, um sich einige Meter vom Käfig zu entfernen. Richtig streunend sah ich sie bis zur Abreise vier Monate später nicht mehr. Domestizierte Tiere haben niemals das Leben in Freiheit kennengelernt. Mehr noch, die meisten wären in Freiheit überfordert und würden schnell gefressen werden. Käfige gibt es in vielerlei Gestalt und die meisten befinden sich im Kopf. Die Tür steht offen, aber herausgehen ist nicht jedermanns Sache.

Die rechts – konservativen verkaufen sich selbst als Streiter für die Freiheit. Ich will ihn nicht unterstellen, dass sie sich dabei auf den Standpunkt eines Goebbels stellen, der dem Zentrum höhnisch sinngemäß entgegenschleuderte: “Nur weil sie uns die Redefreiheit gaben, heißt dies noch lange nicht, dass wir den Fehler machen, ihnen diese auch einzuräumen!” Taktisch gesehen, hatte er recht. Wenn man etwas überwunden hat, sollte schleunigst alles verboten werden, was man selbst anwendete, da sonst die Gefahr besteht, mit eben jenen Mitteln als nächster abgesetzt zu werden. Ich denke, die meisten sind schlicht im eigenen Gedankenkäfig gefangen. Wer in einem Raum ohne Fenster steht, kann nicht hinaussehen und wer drinnen bleibt, kann sich nicht das Haus ansehen, in dem sich der Raum befindet.

Seitens der Freien gilt es zu verhindern, dass sie von Innen heraus die Leute von draußen hineinlocken. Sind sie erstmal drinnen, wird es schwer sie herauszuholen.

Nationales deutsches Denken? Spielt dies überhaupt noch eine Rolle?

Als Deutscher sollte man nicht den Blick auf die Realität verlieren. Manch eine/r mag sich immer noch für den Nabel der Welt halten. Mittlerweile hat das die Niedlichkeit eines sich wütend aufpumpenden Hamster. Noch verfügen wir über eine starke Volkswirtschaft, doch dies wird sich geben. Um so weniger wir uns dank diverser Strömungen international öffnen und Neuankömmlinge als echte Mitbürger behandeln, desto mehr werden wir schwächeln. Der “Übermensch” wurde längst von anderen gekapert. Der Zenit ist überschritten und nun gehts halt abwärts. Chinesen und Inder bestaunen Deutsche, als Indigene einer untergehenden Welt. Europäische Kolonialisten ließen sich früher mit Ur – Einwohnern in Baströckchen fotografieren, Inder und Chinesen lassen sich mit Frauen in Dirndln und Männern mit Lederhosen ablichten, die dabei stolz einen Bierseidel hochhalten. Ein letzter Funken Hoffnung besteht darin, dass sich die Jungen zusammenraufen und endlich die Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts überwinden. Meiner Auffassung nach erleben wir eine Zeitenwende. Und immer gab es in solchen Zeiten Frauen und Männer die sich am längst Vergangenen abarbeiteten. Die Epoche der klassischen Nationalstaaten, der USA, die sich als Weltpolizei versteht, Konzerne die im 20. Jahrhundert das Konzept einer neuen Kolonialisation betrieben, sind vorbei. Niemand kann voraussehen, wie es am Ende aussieht. Fest steht: “Anders!” Murdoch ist ein 90 – jähriger alter reicher Bock, Bannon geht auf die 70 zu, Mercer ist 74, Tichy ist 66, Jochen Kopp (55), ist einen Monat jünger als ich, und hat gerade mal 11 Jahre Polizeidienst abgerissen. Auf der anderen Seite stehen Persönlichkeiten, wie eine Luisa Neubauer, die im Alter meiner jüngsten Tochter ist oder eine frisch 18 Jahre junge Thunberg. Ihnen zur Seite stehen eine Menge engagierte Leute um die 30 – Jahre. Und Herrn Reitschuster kann ich mit 5 Jahren Abstand sagen, dass sich mit dem 50. Lebensjahr einiges ändert. Irgendwo hab ich mal von der Weisheit der Dakota Indianer gelesen: “Wenn man auf einem toten Pferd sitzt, sollte man absteigen!” Wer erfahren will, wie ein wacher Geist im hohen Alter funktioniert, muss sich mit Größen wie einem 93 – jährigen Noam Chomsky beschäftigen.

Act now to prevent an environmental catastrophe/ Handeln Sie jetzt, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern

100 academics, authors, politicians and campaigners from across the world call for action to address climate change

Internationale politische Organisationen und nationale Regierungen müssen die Klimaproblematik sofort in den Vordergrund rücken und dringend eine umfassende Politik zu ihrer Bewältigung entwerfen. Konventionell privilegierte Nationen müssen freiwillig umfassende Umweltschutzmaßnahmen in verarmten Nationen finanzieren, um letztere für den Verzicht auf ein nicht nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu entschädigen und eine Wiedergutmachung für den den Planeten plündernden Imperialismus der materiell privilegierten Nationen zu leisten.

Angesichts der Tatsache, dass extreme Wetterbedingungen bereits die Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen, fordern wir, dass die Regierungen jetzt handeln, um jegliches Hungerrisiko zu vermeiden, mit Notinvestitionen in agrarökologische, extremwetterresistente Nahrungsmittelproduktion. Wir fordern auch einen dringenden Gipfel zur Rettung der arktischen Eiskappe, um die wetterbedingte Beeinträchtigung unserer Ernten zu verlangsamen.

Wir rufen außerdem besorgte Weltbürger auf, sich zu erheben und sich gegen die gegenwärtige Selbstgefälligkeit in ihren jeweiligen Kontexten zu organisieren, einschließlich der Verteidigung der Rechte indigener Völker, der Dekolonisierung und der ausgleichenden Gerechtigkeit – und sich so der globalen Bewegung anzuschließen, die jetzt gegen das Aussterben rebelliert (z.B. Extinction Rebellion in Großbritannien).

Wir müssen kollektiv gewaltfrei tun, was immer nötig ist, um Politiker und Wirtschaftsführer davon zu überzeugen, ihre Selbstgefälligkeit und Verleugnung aufzugeben. Ihr “business as usual” ist nicht länger eine Option.

Die Weltbürger werden sich dieses Versagen unserer planetarischen Pflicht nicht länger gefallen lassen. Jeder von uns, besonders in der materiell privilegierten Welt, muss sich verpflichten, die Notwendigkeit zu akzeptieren, leichter zu leben, viel weniger zu konsumieren und nicht nur die Menschenrechte, sondern auch unsere Verantwortung für den Planeten zu wahren.

Quelle: The Guardian, 2018 Offener Brief unterzeichnet von 100 namhaften (u.a. Noam Chomsky), https://www.theguardian.com/environment/2018/dec/09/act-now-to-prevent-an-environmental-catastrophe letztmalig abgerufen 24.2.2021 01:17 MEZ

So, dies soll es erstmal gewesen sein. Ich persönlich finde nicht, dass mir Hetze (etwas worüber sich z.B. Hr. Reitschuster häufiger beklagt) vorgeworfen werden kann. Ich habe sie alle sauber im Textzusammenhang zitiert und sogar versucht, mich in deren Lage zu versetzen. Motiviert ist der Beitrag vom oben stehenden Aufruf, in dem es u.a. heißt ” … Wir rufen außerdem besorgte Weltbürger auf, sich zu erheben und sich gegen die gegenwärtige Selbstgefälligkeit in ihren jeweiligen Kontexten zu organisieren, …”

“Schau’n wa mal!” Ach ja … und wie üblich: “Weiter machen!”