September 16 2022

Schnell, schnell!

time lapse photography of brown concrete building Lesedauer 12 Minuten

Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da.

Thích Nhất Hạnh, buddhistischer Mönch und Schriftsteller

Es ist eine banale Erkenntnis, dass das Leben in westlichen Industriestaaten deutlich schneller getaktet ist, als dies z.B. noch vor 100 Jahren vor sich ging. Die Verheißung hieß einst: Maschinen übernehmen die Arbeit der Menschen und die können sich dann um andere Dinge kümmern. Wobei sich da bereits die Frage eröffnet: Was sind denn diese anderen Dinge?
Schaue ich im eigenen Leben zurück, lebte ich gefühlt um ein Doppeltes schneller, denn ich es heute tue. Und schon wieder bin ich in einer Formulierungsfalle gelandet. Leben ist Leben! Man kann es nicht schneller leben. Präziser formuliert, will der Mensch, innerhalb der gleichen Zeitspanne mehr erledigen, wahrnehmen, verarbeiten, gestalten, kommunizieren. Begleitet wird das von der Überzeugung, dass ein Mensch dazu imstande ist. Ist das so?
Seit geraumer Zeit stehen uns technische Möglichkeiten zur Verfügung, die uns dabei unterstützen. Was war zuerst da? Der Wille mehr in eine Zeitspanne packen zu können oder die Technik? Ich denke, es war der Wille. Bei Wille denke ich sofort an Motivation. Die alte Phrase: “Zeit ist Geld!” wird allgemein Benjamin Franklin zugeschrieben, weil er diese Worte 1748 in einem Ratgeber für junge Kaufleute niederschrieb. Etwas tiefer schürfende Texte führen einen auf eine weitere Fährte. Allgemein werden die Worte zum Antreiben benutzt. Wer im Akkord arbeitet, kann viele Produkte herstellen, welche wiederum veräußert werden können. Ganz anders sieht die Interpretation aus, wenn man die Worte auf die Texte des Römers Seneca anwendet. Er fordert dazu auf, Zeit mit Geld gleichzusetzen. Eine Schatztruhe mit Münzen kann sich jeder vorstellen. Ist sie gut gefüllt, sind Ausgaben leicht. Oftmals ist man dazu geneigt, jedenfalls wenn man nicht geizig ist, das Geld auch für Dinge auszugeben, die absolut unnötig sind. Leert sich die Kiste allmählich, wird man bedächtiger. Die Wertschätzung wird immer mehr zum Thema. Seneca setzt die Münzen mit der Lebenszeit gleich. Ständig veräußern wir Sekunden, Minuten, für irgendwelche Aktionen. Wenige Menschen wissen den Schlaf zu schätzen, obwohl er der Gesundheit dient. Tatsächlich geben wir damit einige Stunden für unseren Körper aus. Unterhalten wir uns, geben wir Lebenszeit aus und kassieren gleichzeitig die Zeit eines anderen Menschen. Denken wir über etwas oder einen anderen nach, stellt dies eine Ausgabe dar. An der Stelle kritisiert Seneca, wie oft Zeit für Smalltalk ohne Inhalt verschwendet wird oder wie wenig Wertschätzung die Menschen für die Zeit aufbringen, die andere für sie investieren. Auch jetzt in diesem Augenblick gebe ich Zeit aus. Wenn ich den Text fertig habe, wird Zeit vergangen sein und was da am Ende herauskommt, ist ein Produkt, aber keins, welches ich gegen Geld verkaufen kann. Hieraus ergibt sich wiederum, dass ich dabei andere Aspekte heranziehen muss. Was hat für mich einen derart großen Wert, dass ich bereit bin, hierfür Lebenszeit zu veräußern? Andersherum investiert ein anderer Mensch beim Lesen Zeile für Zeile Lebenszeit. Eine Ausgabe, die ich wertschätzen sollte.

Klassische Produkte besitzen in der Regel die unangenehme Eigenschaft der Vergänglichkeit oder wir verlieren sie mit absoluter Sicherheit beim Sterben. Noch spannender wird es beim Thema Geld. Geld an sich, also gegenständlich, hat absolut keinerlei eigenen Nutzen. Der Nährwert eines Geldscheins ist nicht sonderlich hoch. Auch wenn ich Scheine verbrenne, komme ich nicht weit. Papier brennt schnell ab und ist für eine längerfristige Wärmeabgabe vollkommen ungeeignet. Münzen bestehen immerhin noch aus Metall, welches sich zu nützlichen Dingen umfunktionieren lässt. Erst durch die Ausgabe, den Tausch Ware-gegen-Geld, erfährt das Geld einen Wert. So lautete jedenfalls der Grundgedanke. Geld, welches nur noch digital existiert, sprengt alles. Ich treibe die Überlegung mal auf die Spitze. Bei uns ist ein großer Teil des Lebens ist davon bestimmt, dass für Geld gearbeitet wird. Vollkommen anders zu sehen ist die Zeit, welche für Arbeit an etwas verausgabt wird, was man selbst nutzt und in den Händen hält. Die Arbeitszeit, welche mit Geld entlohnt wird, führt im Prinzip zu einer Transformation. Schaue ich auf das Geld, sehe ich meine dafür benutzte Lebenszeit. Liegt das Geld auf dem Konto, schaue ich auf die Tage, Wochen, Monate oder bisweilen Jahrzehnte, die ich dafür hergab. Erst, wenn ich etwas kaufe, erfolgt eine weitere Umwandlung. Betrachte ich die neu gekaufte modische Jacke, ist dies u.U. jene Zeit, die ich nicht mit meinen Kindern verbrachte, mir nicht dafür nahm, um mich selbst zu regenerieren oder einfach mal alles baumeln ließ. Doch auch hier gibt es einen Haken. Manche Leute bekommen als Gegenleistung für einen halben Tag, gerade mal eine warme Mahlzeit und andere einen Betrag, mit dem sie sofort eine Luxuslimousine kaufen könnten.

Konsequent muss die Erkenntnis lauten: Bei dieser Konstellation hat die Lebenszeit des einen weniger Wert, als die eines anderen.

Theoretisch kann sich jemand, der für wenig Lebenszeit viel Geld bekommt, entspannt zurücklehnen und es sich leisten, nicht alles gleichzeitig zu machen. Nicht von ungefähr sagt man auch: Der oder die lässt das Geld für sich arbeiten. Gleichsam könnte sich so ergeben, dass finanziell gut gestellte Zeitgenossen genügend Zeit haben, sich über all die Aspekte des Lebens Gedanken zu machen, zu denen die anderen nicht kommen. Meinem Eindruck nach funktioniert dies nicht. Ganz im Gegenteil! Häufig sind es die, welche hart für jeden EURO arbeiten und erheblichen Zeitaufwand betreiben müssen, um über die Runden zu kommen, diejenigen mit den weiseren Aussagen. Wo ist der Haken? Mir scheint, dass es etwas mit der Wertschätzung zu tun hat. Eine Betrachtung, die auf dem direkten Weg in die Tiefen des menschlichen Daseins führt.

Ohne die Kooperation ist der Mensch nichts und wäre nicht einmal ansatzweise so weit gekommen, wo er heute steht. Angefangen bei der Horde, die einst durch die Gegend streifte, und später bei der ersten Arbeits- und Wissensteilung. Damit ist die gegenseitige Hilfe, Unterstützung, Kommunikation, voneinander Lernen, sehr weit oben angesiedelt. Dies gilt selbst beim Plündern. Was habe ich davon, wenn ich mir gewaltsam etwas aneigne, dessen Funktion ich nicht verstehe? Nur Völker, die dies verstanden, konnten sich weiter entwickeln. Griechen, Römer, Theben, Phönizier, Perser, Karthager, Makedonier, gründeten in der europäischen Antike große Reiche und machten sich darüber Gedanken. Nicht anders sah es in anderen Teilen der Welt aus. Immer schwang dabei auch die Überlegung mit, was einem mehr einbringt. Der Krieg oder der Frieden? Lange friedliche Phasen brachten stets Entwicklungsschübe mit sich. Und dazu gehörte auch, über das Dasein, das Wesen des Menschen, die Art und Weise, wie man die begrenzte Lebenszeit zufriedenstellend nutzt, nachzudenken. Schlicht, weil der Mensch in der Evolution etwas entwickelte, was er selbst als Denken bezeichnete. Rückschlüsse aus dem ziehen, was gesehen, gehört, gerochen und gefühlt wird. All diese Denkprozesse werden als Verstand definiert. Man nimmt seine Umwelt wahr und wertet sie passend aus. Hinzu kommt die Fähigkeit, nicht sinnlich Erfassbares anzunehmen, logisch abzuleiten oder für die Zukunft zu prognostizieren. Jenes nennen wir die Vernunft.

Aber welchen Wert bemessen wir diesen existenziellen Fähigkeiten bei? Vor allem, wie will man sie anwenden, wenn dafür gar keine Zeit bleibt? Wäre es nicht zweckmäßig, für die Fähigkeiten, welche den Menschen von anderen Spezies unterscheidet, Lebenszeit zu verwenden? Was unterscheidet uns sonst von einem Bonobo-Schimpansen, der den Entwicklungsstand eines vierjährigen Menschen erreichen kann? In einer dekadenten Wohlstandsgesellschaft komme ich grundsätzlich mit wenig Benutzung von Vernunft und Verstand durch. Bei sehr vielen Vorgängen verstehe ich überhaupt nicht, was da gerade passiert. Ich kann stundenlang auf einen modernen Motor starren und werde trotzdem nicht nachvollziehen können, was da in diesem kunstvoll zusammengeschraubten Wirrwarr aus Gummi, Metall, Kunststoff, vor sich geht. Erst recht nicht, wie dieser Laptop vor mir funktioniert, aus welchen Bestandteilen das Ding im Einzelnen besteht und wie es möglich ist, dass das Geschriebene im Internet landet. Ich benutze es einfach, ohne es zu verstehen. Die Überlegung ist simpel. Träte jetzt im nächsten Moment eine Dystopische Situation ein und ich wäre auf mich alleine gestellt, würde sich zeigen, über welche Fähigkeiten ich wirklich verfüge. Kann ich ein Feuer machen? Nahrung herbei schaffen? Mich mit anderen zusammen tun? Wäre ich vernünftig, empathisch, kooperativ genug, um in einem Zusammenschluss mit anderen Menschen agieren zu können?

Doch die Überlegungen gehen darüber hinaus. Welchen Wert bemesse ich persönlich meinem Dasein über den Tod hinaus bei? Ist es mir wichtig, wie die Menschen danach über mein Wirken denken oder es bewerten? Möglicherweise ist es mir egal. “Nach mir die Sintflut!”, wie einige sagen, denken und vor allem handeln. Oder was ist meinem Wirken in der Gegenwart? Erfüllt es mich oder gibt es mir eine Befriedigung, wenn ich in meinem Sinne Einfluss nehme? Einfluss nehme ich immer, dagegen kann ich mich nicht wehren. Egal was ich tue, es hat eine Wirkung, fraglich ist nur, wie es vonstattengeht und inwieweit ich eine Kontrolle darüber habe. Bin ich aggressiv unterwegs, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Aggression über mehrere Stationen fortsetzt. Maule ich die Kassiererin oder den Kassierer im Supermarkt an, wird das Folgen nach sich ziehen. Ich lege auf dieses immer mehr Wert. Was genau bewirke ich jetzt gerade?

Für diese Überlegungen benötige ich Zeit, die ich mir nehmen muss. So wie ich sie mir gönnen musste, um überhaupt auf diesen Stand zu kommen. Schenke ich dem Augenblick keinerlei Beachtung, werde ich auch nicht erkennen, was gerade passiert. Wer schnell “lebt”, reiht eine ganze Kette von Handlungen aneinander, ohne sich der Wirkung bewusst zu sein. Gleichzeitig kommt es zu jeder Menge Fehlern beim Denken. Das Gehirn erzählt sich innerhalb von Sekunden lauter kleine Geschichten, die immer weiter miteinander verkettet werden. Gern werden dabei Umstände miteinander verbunden, die objektiv nichts miteinander zu tun haben. Nimmt man sich die Zeit, nachträglich nochmals alles sauber auseinanderzunehmen und zu analysieren, nennen wir diesen Prozess “Nach/denken”, woraufhin eventuell andere Ergebnisse zustande kommen. Das meiste, was wir bei Mitmenschen als Dummheit bezeichnen, ist die Folge vom falschen Zusammenziehen mehrerer Ereignisse zu einer Geschichte, die schlicht unstimmig ist, aber leider die Basis für weitere Handlungen darstellt. Im Ergebnis steigt aufgrund der Schnelligkeit, dem übermäßigen Füllen eines Zeitraums mit Handlungen, die Gefahr Dummes zu tun oder verbal abzusondern. Dem lässt sich nur mit Nachdenken begegnen, ein Vorgang, wenn er sich auf das bezieht, was wir den lieben “langen” Tag so anstellen, als Selbstreflexion bezeichnet wird. Ich will davon nicht zwingend ableiten, dass hektische Menschen, Leute, die alles gleichzeitig machen wollen, sich stets “busy” geben, dumm sind. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt an. Parallel wird es unwahrscheinlich, dass sich die Menschen selbst reflektieren.

Warum sie sich nicht die Zeit nehmen, steht auf einem anderen Blatt.

Bei einigen ist es die Gier. Andere sehen sich verpflichtet, von anderer Seite her gestellte Aufgaben bzw. Anforderungen zu erfüllen. Vielleicht sind es subjektive Existenzängste oder oftmals tatsächlich bestehende Gefahren, weil man z.B. sonst seinen Job verliert. Ebenso kann es das Heischen nach Anerkennung sein oder eine angenommene moralische Verpflichtung. Als Mensch komme ich nicht daran vorbei, ein gesundes Verhältnis zur Ausgabe meiner Lebenszeit zu finden. Unter gesund verstehe ich dabei eine dem Leben zuträgliche Taktung, mit anderen Worten zu einem Zustand der Ausgeglichenheit führt. Schaue ich in die Wildnis, kann ich eine ganze Menge ableiten. Prädatoren sind auf Effizienz angewiesen. Eine Löwin kann es sich nicht leisten, unzählige halbherzige Versuche zu unternehmen. Jeder neue Ansatz erfordert immense Energie und zu viele erfolglose führen zum Tod. Zur Steigerung der Chancen tun sie sich im Rudel zusammen. Im gewissen Sinne wird vorher genau überlegt und im Fall des Scheiterns ausgewertet. Die meisten kleinen, hektischen Lebewesen werden nicht sonderlich alt. Die ältesten Lebewesen des Planeten sind eher behäbig. Tiere in Gefangenschaft, die ausreichend und ihrer Art angepasst versorgt werden, sind vom nervenaufreibenden Beschaffen von Nahrung befreit, werden oftmals älter als ihre Artgenossen in der Wildnis. Dies gilt auch für diejenigen, welche kaum Fressfeinde zu fürchten haben. Verkürzend wirkt sich allerdings die Verkümmerung aus, wenn sie nicht wie gewohnt agieren können oder in Interaktion treten können. Auch für letzteres benötigen sie und auch wir: Zeit!

Zeit ist ein kostbares Gut, nicht komprimierbar und im Fall des Daseins eine unbestimmbare Größe. Was habe ich davon, wenn sie auf meinem Konto in Form einer Zahl dargestellt wird und ich die Transformation, die eigentlich eine Art bestimmungsgemäße Rückführung darstellt, zu einem Zeitpunkt in die Zukunft verschiebe, den ich u.U. gar nicht erlebe? Oder was ist mit der Zeit, die ich in Produkte investiere, von denen die Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde, behauptet, dass sie wichtig sind, während ich andere Prioritäten setze?
Letztens hatte ich darüber mit einer Frau einen interessanten Austausch. Unser Einstieg war die Frage nach dem Sinn eines Lebens und die Gefahr eines Suizids, wenn man eben diesen nicht mehr sieht. Vorab: Für mich gibt es keinen fremdbestimmten Sinn eines Lebens. Würde ich dies akzeptieren, müsste ich auch irgendjemanden die Definitionshoheit zugestehen. Was mache ich, wenn ich diese Definition nicht erfülle? Ist mein Leben dann sinnlos? Kann ich es dann nicht auch beenden? Meiner eigenen Vorstellung nach, ist keine Existenz, wie auch immer sie sich darstellt, aus dem Gesamten zu entfernen. Gäbe es nichts, was ich als böse ansehe, würde auch alles Gute wegfallen. Alles Negative, ist gleichzeitig geeignet, eine positive Gegenreaktion auszulösen. Selbst ein früher Tod erinnert andere Menschen an die mögliche Kürze des Lebens. Bei allem gilt: Es steht nicht in meiner Macht, hierüber die Kontrolle zu haben. Mir bleibt tatsächlich nur der Versuch, eventuell mit der eigenen Lebensart über die Gesetze der Wechselwirkung eine von mir erwünschte Richtung, Struktur, zu begründen. Ein Suizid setzt für andere eine Lösung in die Welt. Aber er wird nichts daran ändern, was mich mein Leben als nicht lebenswert empfinden ließ. Wenn ich den anderen zeigen will, dass es so ist, bitte, aber dies ist ohnehin bereits allgemein bekannt. Ergo, kann ich es auch lassen und weiter leben, um anderes auszuprobieren. Richtig kompliziert wird es bei Schmerzen. Beispielsweise wird im Buddhismus der dem Tod vorangehende Schmerz als eine Zeit für die Vorbereitung des nächsten Lebens betrachtet, während der plötzliche Tod eher unglücklich ist, weil der oder die Betroffene, das Leben nicht bewusst zu Ende brachte.

All diese Gedankengänge setzen voraus, dass ich in einem Leben mehr sehe, als wirtschaftliche Produktivität, Mehrung des allgemeinen materiellen Wohlstands, Erfüllung vorgefertigter gesellschaftlicher Vorgaben oder Ansprüchen, die andere an mich richten.

Der von der Gesellschaft ausgehende Druck ist immens. Hinsichtlich des Zeitmanagements bestehen Vorgaben, deren Erfüllung erwartet werden und wer sich dagegen stellt, muss dafür Kraft aufbringen. Hierfür ein alltägliches Beispiel. Wer einen Supermarkt betritt, soll darin Zeit verbringen, die irgendwann in Konsum mündet. Das ändert sich schlagartig, wenn die Sachen auf dem Laufband landen. Geschwindigkeit und Länge sind kein Zufall, sondern ein ausgetüfteltes Forschungsergebnis[1]https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/der-deutsche-testmarkt-das-hassloch-experiment-1.907694. Spätestens wenn das Geld von A nach B transferiert wurde, ist der oder die Kunde/in uninteressant. Die Leute sind darauf konditioniert. Hungrig nach Befriedigung hineingehen, Beute machen, befriedigt sein, bezahlen, schnell weg. Es ist interessant, wer in kleineren Märkten lautstark als Erstes die Öffnung einer weiteren Kasse fordert. Entweder es sind von ihren Kindern genervte Eltern oder Zeitgenossen mit oder nur Spirituosen im Einkaufswagen. Die einen wollen den Nachwuchs ruhig stellen und die anderen haben die tägliche Dosis schon vor Augen. Schwierig wird es, wenn ältere Leute, die noch auf die alte Taktung konditioniert sind oder körperlich nicht schneller können, ins Spiel kommen. Richtig übel sind Kandidaten, wie meine Wenigkeit. Registriere ich allzu ungehaltene Personen, die auch noch pöbeln, kommt bei mir die Rebellion zum Vorschein. Es ist nicht verboten, seinen Einkauf zu Dritteln und einzeln zu bezahlen oder lange das Kleingeld zu zählen, um dann doch mit Karte zu bezahlen. Schon dem Druck standzuhalten, bereitet mir Vergnügen.

Ähnliches lernte ich in letzter Zeit über Onlinebanking. Ein Konto eröffnet man heutzutage sehr einfach. Mit wenigen Klicks ist alles erledigt. Zack, Zack, hat die Bank Geld verdient. Um so komplizierter wird die Auflösung. Mich würde mal interessieren, wie viele Senioren aufgeben, nachdem sie sich stundenlang im Dschungel der Untermenüs verirrten. Auch das ist Druck. Es ist nahezu unmöglich, sich all der Onlineportale, Apps, Digitalisierung zu entziehen, die einzig einen Zweck erfüllen: Beschleunigung! Um so schneller und einfacher sich zum Beispiel eine Ratenzahlung abschließen lässt, desto unüberlegter wird die Ausgabe nebst ihrer langfristigen Folgen. Wer sich nicht übers Ohr hauen lassen will, muss ständig auf der Höhe der Entwicklung bleiben.

Entschleunigung, Achtsamkeit, Bewusstes Leben

All die oben genannten Begriffe haben in der breiten Gesellschaft einen zweifelhaften Ruf. Das geht bei esoterischer Spinnerei los, zumeist als Modeerscheinung abgetan und spült viel Geld in Kassen von Therapeuten/innen. Gut, wenn es sich dabei nicht um Scharlatane handelt. Aus meiner Haltung und Sicht auf die Gesellschaft heraus ist dies nicht verwunderlich. In einer Zeit, die von Zahlen, Geld, Statistiken, Daten, bestimmt ist, sind diese Begriffe die Bezeichnungen für Schadprogramme. Machen wir uns nichts vor. Selbst mit Burnout-Patienten/innen, Depressiven, psychosomatischen Erkrankungen, lässt sich ein gutes Geschäft machen. Erst recht gilt dies für alles, was entweder beschleunigt oder die Grenzüberschreitung des dem Menschen möglichen Tempos ermöglicht. Die Grauzone zwischen illegalen “Drogenmissbrauch” (der in dem Fall streng genommen nicht einmal ein Missbrauch ist) und Medikamenten-Behandlung ist riesig. Jede Menge therapeutische Maßnahmen sind mehr Perversion, als wirklich hilfreich. Wie sonst sollte man die Aufforderung zu meditieren verstehen, damit man im Sinne der Gesellschaft mehr leisten kann? Wie viele Ärzte, Psychiater, Psychologen, versuchen Menschen zur Geschwindigkeit kompatibel umzugestalten?

Passend zum Thema Geschwindigkeit, tobt in Deutschland eine Debatte über ein Tempolimit, welches selbst US-Medienvertreter zum Staunen bringt. Was genau passiert eigentlich mit dem oder der Fahrer/in bei einer hohen Geschwindigkeit? Geht es wirklich um das schnellere Ankommen? Dies lässt sich überprüfen und das Ergebnis ist reine Mathematik. Selbst bei halsbrecherischer Fahrt, sind die Zeitgewinne nicht der Rede wert und ob ein Meeting zehn Minuten früher oder später stattfindet, ist objektiv egal. Wenn überhaupt Geschwindigkeit eine Rolle spielt, dann bei den Hochgeschwindigkeitstransfers im Finanzwesen. Etwa innerhalb des Intervalls zwischen 100 und 120 km/h steigt der normale untrainierte Mensch aus und Technik, Zufall, Glück, übernehmen. Es macht Klack im Kopf und der/die Fahrer/in schaltet ab. Befragte nennen dies oftmals Entspannung. Eine Alternative wäre, den Zug zu nehmen. Prompt sitzen viele dort vor einem Laptop und “nutzen” die Zeit, um Geschäftliches zu erledigen. Ich nehme für mich in Anspruch, dabei ein wenig mitreden zu können. Schlicht, weil beides Bestandteile meines Lebens waren. Was das bei mir verursachte, wird mir erst danach immer mehr bewusst. Alles passierte, mein Gehirn speicherte, der Körper speicherte, aber kaum etwas davon, drang wirklich in das mir zugängliche Bewusstsein vor. Dennoch ist, wie ich im Nachgang feststellte, alles da. Kaum befand ich mich in einer längeren, vom Körper erzwungenen Ruhephase, ging es mit den Flashbacks los. Mal in Form von plötzlich auftauchenden Erinnerungen, manchmal nur Bilder, Emotionen, die nicht im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Geschehen standen oder körperlichen Reaktionen, die unpassend bzw. zusammenhanglos erschienen. Wer nicht auf solche Selbstexperimente steht, sollte rechtzeitig die Notbremse ziehen.
Man muss es nicht gleich übertreiben, aber ich möchte anmerken, dass es im ZEN – Buddhismus eine schöne Betrachtung gibt. Wie lange dauert ein Leben? Exakt einen Atemzug. Der Mensch, welcher dazu ansetzte, ist beim Ausatmen ein anderer. Nach dieser Betrachtung ist ein Mensch, der sich am Tag nur einige Minuten Zeit des Bedenkens zugesteht oder meditativ den Synapsen ein wenig Ruhe gönnt, hektisch. Bedenkenswert ist ebenso, ob eine/r, die/der einfach nur dasitzt und denkt, wirklich untätig ist. Der vorhergehende Doppler ist gewollt. Folge ich den Vorgaben der Gesellschaft, in der ich lebe, müsste ich von Faulheit, Untätigkeit, ausgehen. Doch wie bewerte ich dann das Verhalten von Gläubigen, wenn sie längere Zeit beten oder buddhistische Mönche, wenn sie mehrfach am Tag stundenlang meditieren? Ist das auch Faulheit? Wie wäre es mit einem Vergleich zu jemanden, der sich 1,5 Stunden lang einen mehr oder weniger belanglosen Film ansieht? Ich sehe da Unterschiede.

Je enger das Leben getaktet wird, hektisch zu geht, Versuche unternommen werden, die Zeit zu komprimieren, um so mehr Lebensqualität, Bewusstsein, gehen verloren und Dummheit breitet sich aus. Mal ganz davon abgesehen, dass damit körperliche und geistige Krankheiten, Drogenkonsum und Aggressionen, gefördert werden. Wie bereits beschrieben, könnten all die tollen technischen Innovationen der Entschleunigung dienen. Tun sie aber nicht, weil eine andere Vorgabe herrscht. Ich sehe in der stetig zunehmenden Geschwindigkeit einen von mehreren Sargnägeln der Zivilisation. Sich seiner Handlungen bewusst zu sein, sich selbst zu sehen und einordnen zu können, sind unabdingbare Voraussetzungen des Einzelnen, um Mensch zu sein. Viele Einzelne bilden dann eine Gesellschaft, in der Vernunft, Verstand, Kooperation, Kommunikation, Bewusstsein, verantwortliches Handeln, einander ergänzen und erzeugen, was als Kultur und Zivilisation bezeichnet wird. Eine funktionierende Menge an Individuen, die nach funktionalen Regeln zuverlässig, produktiv, zusammen agieren, erinnert mich eher an einen Insektenstaat. Zumindest für mich selbst, strebe ich jeden Tag an, ein wenig mehr Tempo herauszunehmen. Einfach ist das nicht, da ich mich leider immer wieder in einem Kontext bewege, innerhalb dessen mir anderes aufgedrückt wird. Aber es ist besser geworden.



August 22 2022

Sie haben ihm ein Denkmal gesetzt

left human hand Lesedauer 5 Minuten

„Ach, was? Den Elefanten gibt es noch?“, dachte ich gestern. Ich glaube, so geht es in letzter Zeit vielen. In Berlin gibt es ein paar alte Institutionen, die alle kennen. Und wenn man nicht gerade Stammgast ist, sondern nur ab und zu mal vorbeischaut, kann man nie wissen, wo das Kneipensterben zugeschlagen hat. Tönnchen, Blauer Affe, Drei Mädel Haus, Alter Schwede, Marianne 137, Barrikade, Goldene Henne, Turandot, sind einige davon. Na, und eben der Elefant am Heinrichplatz, der seit gestern Rio-Reiser-Platz heißt. Zu meiner Freude, saßen drinnen immer noch die Gestalten, welche man dort erwarten darf. Lauter alte Kreuzberger SO36 Kiezgestalten, jeder zweite ein Original für sich. Philosophen, Trinker, Lokalpolitiker, Literaten, Soziologen, Psychologen, Weltenversteher, in einer Person. „Arbeit ist scheiße!”, sagte der eine, als ich mein erstes Bier, ein Jever aus dem Henkel versteht sich, bestellte. Sein Kumpel, ich hatte mich zwischen die beiden gedrängt, raunte an mir vorbei: “Ja, aber wenn die hinter dem Tresen nicht ackern würde, wäre auch kacke!” Der andere schaute auf sein Bier und meinte dann im besten Berliner Dialekt: “Na, und? Dann zapfe ick halt alleene.” Damit war das dann auch geklärt.
Ich ging mit meinem Bier vor die Tür. Der Kiez wollte mit gebührenden Ehren einen der Helden aus den 70ern und 80ern feiern und ihm einen Platz widmen. Eine Stunde vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung fanden sich erstmal die ein, die ohnehin im Kiez wohnen. Die Scherben setzten zum Soundcheck auf der errichteten Bühne an. “Der Traum ist aus, doch ich werde alles geben …”, schallte es über den Platz. Kurz danach folgte der markante Refrain von „Keine Macht für Niemand!“ Das veranlasste ein paar Fans, die schon vor der Bühne standen, gleich mit einzustimmen. Der Slogan stand jahrzehntelang in großen weißen Buchstaben auf einer der Bahnüberführungen in der Yorckstr. Unweit davon steht das Haus, in dem die Scherben zeitweilig residierten. Die sich da heute über Airbnb einmieten, wissen nichts mehr davon. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Jugendlicher eine Weile brauchte, den Spruch zu verstehen. Der Umstand, dass meine Großeltern mit Nachnamen Niemandt hießen, machte es nicht einfacher.
Ich fragte zwei Typen, ob ich mich an ihren Tisch hinzusetzen könnte. Beides Urgesteine um die 70. Schnell kamen wir ins Gespräch. Das Kneipensterben bedauerten sie, wie ich. Gemeinsam gingen wir die Liste durch. “Hier ist auch nicht mehr, wie es mal war.” Stellte der eine fest. “Du darfst drinnen nicht mal mehr einen durchziehen. So’n Blödsinn, hat früher auch keinen interessiert. Hinten in der Dresdner, da gibt es einen Laden, da kannst Du einen durchziehen und in Ruhe Dein Bier trinken. Die Spießer und Spekulanten haben den Kiez gekauft. Nur noch Touris hier.” Der Lauf der Zeit dachte ich mir. Bis auf wenige Ausnahmen ist das passiert, was zu erwarten war. Alles ist ein Produkt! Da macht die Rebellion, die Subkultur, keine Ausnahme. Passend dazu liefen an uns die ersten Vorgartenbesitzer mit Fan-Shirts vorbei. Ich glaube, Rio hätte dazu seine ganz eigene Meinung gehabt. Aber er war mehr. In ihm steckte auch ein Romantiker und ein Poet. Er fand die Worte für all das, was die Leute jenseits des Bürgertums dachten, aber nicht ausdrücken konnten. Als er zum Ende seines Lebens mit “König von Deutschland” in den Charts landete, war ich traurig. Ich spürte, wie etwas aufgekauft wurde, woran ich mich lange festhielt. Als ich letztens über die Platte “Radio für Millionen – Kai & Funky (Ton Steine Scherben) & Gymmik” stolperte, jubilierte ich. Man spürt, wie Rio bei anderen etwas anstieß und sie mit dem, was er ihnen gab, weiter arbeiteten.
Nach und nach zog die Prominenz an uns vorbei. “Da ist Claudia. Gewagtes Kleid! Weiß nicht!”, sagte der eine an meinem Tisch. Grinsend entgegnete ich: “Ach, komm. Die geht auch schon auf die 70 zu. Dafür hat sie sich gut gehalten. Vielleicht darf sie ja wieder auf der Bühne das Tambourine halten.” Am Nachbartisch lachte eine auch etwas in die Jahre gekommene Frau. “Vielleicht weiß sie ja jetzt, wo das ganze Geld geblieben ist.” Am Tisch kam nochmal das Thema auf, warum man den Heinrichplatz und nicht den Mariannenplatz, wo die alten Kämpfe tobten, gewählt hatte. Ich sagte dazu: “Hey, Leute. Die mussten schon die Rudi-Dutschke-Straße fressen, da kann man mal ein paar Meter entgegenkommen.”
Ich verabschiedete mich vom Tisch. Irgendwann ging es dann los.
Um einigermaßen etwas hören zu können, musste man sehr nah heran. Eine lästerte: “Vielleicht hat der Senat die Anlage gestellt.” Ein wenig hatte ich auf Marianne Rosenberg und eine Wiederholung ihrer Interpretation von “Der Traum ist aus” beim Abschiedskonzert von Rio gehofft. Aber gut, die alten Männer machten, was wohl am angemessensten war. Sie spielten ein paar Klassiker und überließen die Bühne den Rednern und Rednerinnen. Ich gebe zu, dass ich kaum zu hörte. Mitreißende Reden hört man ohnehin kaum noch. Diese Kunst scheint irgendwie untergegangen zu sein. Die Mischung der Menge war interessant. Junges angepasstes Volk, Familien mit Mutter, Vater und jugendlichen Ablegern, Hipster, die den Kiez angenehm erfrischend finden und sich als Teil von etwas fühlen wollen, wo sie niemals dran teilhaben werden und wenige nicht mehr ganz taufrische Gesellen, denen die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand. Genau wie ich spürten sie, dass die Schlachten vorläufig geschlagen sind oder zumindest nicht mehr von denen geführt werden, die dort standen. Dann wurde es peinlich. Nach der Enthüllung der Hinweistafel wurde die Bühne einer Band überlassen, die verdächtig nach Andreas Bourani klang. Belangloser Pop und die Scherben? Da half auch nicht die Information, dass sie demnächst im SO36 auftreten. Die müssen auch ziemlich verzweifelt sein. Unvermittelt ging mir ein Lied durch den Kopf, dessen tiefere Bedeutung ich plötzlich verstand. “Denkmal”, von Wir sind Helden.

Hol den Vorschlaghammer!
Sie haben uns ein Denkmal gebaut
Und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut
Ich werd’ die schlechtesten Sprayer dieser Stadt engagier’n
Die soll’n nachts noch die Trümmer mit Parolen beschmier’n

Wir sind Helden, Denkmal

Vielleicht war es doch keine gute Idee, Rio einen Platz zu weihen. Denkmäler sollen an die Vergangenheit erinnern. Womit dann das, wofür Rio und die Scherben standen, ein abgeschlossenes Kapitel wäre. Wer weiß, vielleicht war das ein Schachzug von Leuten, die keiner auf dem Zettel hat. In mir kam das Bedürfnis auf, zum Ende nochmal das hoffentlich noch Lebendige mitzunehmen. Deshalb zog ich den Trinkteufel. Keine gute Idee! Wahrscheinlich hätte ich mich besser an den Tipp vom Tisch orientieren sollen. Die einstige Rückzugkneipe, wenn alle anderen Läden ins Visier der Staatsmacht geriet, hat der Banalität der Kaufhaus-Punkrocker nicht Stand halten können. Ich vermute ein klassisches Tripadvisor-Opfer. Man sollte dort niemals die Läden posten, die man wirklich mag. Es gibt noch einige Locations, aber ich halte mich an meine Regeln. Ich werde sie nicht verraten. Beim Elefanten kann man eine Ausnahme machen. Das Publikum ist stabil. Die meisten werden in den nächsten 20 Jahren gestorben sein, aber bis dahin sind die zäh.

Mein Highlight? Ich hatte zeitweilig eine Begleitung. Was kann es schöneres für einen Vater geben, wenn ein Mensch, dem man nach dem ersten Schrei leise ins Ohr flüsterte: “Ich werde alles tun, dass Du die Chance bekommst, ein freier Mensch zu sein.”, neben einem steht und textsicher lauthals “Keine Macht für Niemand!” mitsingt? Nein, es ist noch nicht vorbei. Vor gar nicht langer Zeit fuhren wir zu dritt mit dem 9-EURO Ticket durch die Gegend. Wer denkt dabei nicht an “Mensch Meier”?

“Halt mal an, Fritz!”, brüllt da der BVG Knecht
“Ick schmeiß den Meier raus und hol die Polizei”
Doch die Leute riefen: “Sag mal, bist Du blöd, Mensch?
Wir müssen arbeiten, wir haben keine Zeit
Und wenn die da oben X-Millionen Schulden haben
Solln’ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen
Du kannst Deinem Chef bestellen, wir fahr’n jetzt alle schwarz
Und der Meier bleibt hier drin, sonst fliegst Du raus!”

Ton Steine Scherben

Nette Geste! Rio-Reiser-Platz! Aber Rio hat sich zusammen mit den Scherben selbst ein Denkmal gesetzt und solange es noch ist, wie er es kennenlernte und den Soundtrack für alle schrieb, die sich nicht damit abfinden wollen, wird ihn auch keiner von denen vergessen und die Lieder weitergeben.

Januar 11 2022

Die infantile Illusion des Wohlstands

Lesedauer 10 Minuten

“Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!”

Max Liebermann

Zum oben genannten Zitat gibt es verschiedene Entstehungsgeschichten. In einigen soll es der Maler gesagt haben, als er vom Balkon aus einen Fackelmarsch der SA beobachtete, in anderen sagte er dies zu Käthe Kollwitz. Sehe ich die aktuellen Demonstrationen, längst an der Spitze angeführt von Hooligans, die “Bock” auf einen Kampf mit der Polizei haben und Kampfgruppen der rechten Szene, geht es mir ähnlich. Frauen und Männer, die sich der Leute bedienen und aufgrund einer Schwäche der Republik ins Parlament gelangten, machen es nicht besser. Doch richtig ekelhaft wird es, wenn Leute aus Parteien, denen traditionell eine Verfassungstreue unterstellt wird, die Geschehnisse für ihr Ziel benutzen, Deutschland wieder in die alten konservativen, autoritären, Strukturen, zurückzuführen. Ich fühle mich bei denen unangenehm an eine Zeit erinnert, in der ausländische Milliardäre, deutsche Stahl – Barone und Industrielle aus der Chemiebranche, mittels Zahlungen ihre Günstlinge in Stellung brachten. Doch gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, mich vom Geschehen nicht treiben zu lassen, sondern auf die Suche zu gehen, warum alles ist, wie es ist. Mir persönlich hilft es, wenn ich verstehen und nachvollziehen kann. Wenn man die Folgen von Verbrechen sieht, besonders wenn sie Kinder betreffen, gibt es im Kopf eine verzweifelte Frage: Warum? Erklärungen sind keine Rechtfertigung oder Relativierung, sondern entsprechen dem Bedürfnis des Großhirns aus allem eine nachvollziehbare Erzählung zu stricken. Darum soll es hier gehen! Was passiert meiner Auffassung nach gerade.


Wir befinden uns täglich in verschiedenen inneren Zuständen und wechseln diese je nach Einwirkung innerhalb von Sekundenbruchteilen. Vom Lebensalter her als Erwachsene einzuschätzende Menschen verhalten sich mal rational, vernünftig und verständig, während sie im nächsten Augenblick infantil, bockig oder pubertär wirken. Einige Psychologen sehen die Begründung in der Wechselwirkung zwischen zwei Personen. Tritt beispielsweise eine Person gegenüber einer anderen mit einem paternalistischen Gebaren auf, landet die andere schnell in einem kindlichen Zustand und wird sich auch entsprechend verhalten. Andererseits kann sich eine/r kindlich, hilflos präsentieren und damit das Eltern – ICH auf der anderen Seite erwecken.

Mir begegnete diese Herangehensweise an einige psychologische Phänomene vor etwa 25 Jahren. Bis zum Streit wirkt sie banal, doch nach einem Streit, denkt man häufig: “Verdammt, da ist etwas dran!” Seither habe ich mich unzählige Male gefragt: “Moment, in welchem Zustand befinde ich mich gerade?” Oftmals musste ich einräumen, dass da ein wütendes, bockiges Kind agierte. Warum auch nicht? Wenn es um nichts Existenzielles oder wenigstens ansatzweise wichtiges geht, kann man sich das leisten. Entscheidend ist das Erkennen und die Option auf andere Zustände umschalten zu können. Besonders, wenn einem etwas grundlegend falsch kommuniziert wird, aber deshalb noch lange nicht inhaltlich verkehrt sein muss. Es ist unklug, bockig in ein Minenfeld zu laufen, nur weil einem ein Posten eine unfreundliche autoritäre Ansage machte. Ja, er hätte es anders sagen können, aber das interessiert die Mine nicht, so wie ich und nicht der Posten sterben wird. Das Beispiel klingt etwas drastisch, doch es ist nicht allzu realitätsfern. Wenn die Polizei wegen eines Bombenfunds ein Gebiet absperrt, passiert dies häufig. “Ich möchte da nur schnell mit meinem Fahrrad durchfahren! Lassen sie mich gefälligst durch.”

Gut, die Bombe hat es seit dem Krieg nicht notwendig erachtet hochzugehen. Dies verleitet zur Annahme, dass sie es weitere 10 Minuten nicht tun wird. Tatsächlich ist es ein Gedankenfehler. Seit sie dort landete, hätte sie es jederzeit tun können und in jeder Minute war die Wahrscheinlichkeit gleich hoch. Eine Nachschau könnte technische Details zeigen, die eine Explosion verhinderten, doch davon weiß erstmal niemand etwas. All dieses zu verdrängen, ist nicht rational und damit auch nicht das, was wir unter einem erwachsenen Denken verstehen.


Verhielten sich alle Erwachsenen vernünftig und verständig, könnten wir den Hauptteil aller bestehenden Regeln und Gesetze streichen. Jeder weiß, dass dies nicht der Fall ist, also wurden schon im Altertum Gesetze erlassen. Eine an sich spannende Sache. Immer und überall bestand ein Bewusstsein dafür, dass der Mensch es zwar besser weiß, aber nicht danach handelt. Bei uns werden häufig die Leistungen des Großhirns vollständig umgangen. Es gilt: Was nicht in einem Gesetz explizit verboten wurde, ist erlaubt und wird auch gemacht. Erlaubt ist ein logisches Gegenteil von verboten, aber ob ich etwas mache, sollte nach anderen Kriterien entschieden werden. Im Alltagsleben ist dies kaum ein Thema. Anders sieht es aus, wenn es um Wirtschaft und Produktionsverfahren geht. Obwohl genau erkennbar ist, dass andere geschädigt werden oder massiv zerstörerisch in die Lebensgrundlagen eingegriffen wird, lautet die Frage einzig: Ist es irgendwo verboten? Nein? Dann tun wir es. Da helfen nicht noch mehr Regeln, sondern nur ein Umdenken.

Ich sehe Deutschland als ein überreguliertes Land. Dies ist ein Zustand, der sich aus einem langen Prozess ergeben hat. Hinzu kommt ein meiner Auffassung der beschriebene problematische Umgang mit den Regeln. An sich sind sie richtig angewandt etwas Zweckmäßiges. Jedes komplexes System benötigt sie. In einem Motor oder einem Computer müssen mehrere Komponenten mit speziellen Aufgaben kommunizieren und nach Regeln zusammenspielen, damit sie ihre bestimmungsgemäßen Ergebnisse produzieren können. Gleichermaßen sieht es mit Spielen aus. In ihnen gibt es Spieler mit Rollenzuweisungen, die unter Beachtung von Regeln miteinander agieren. Spontan denkt man dabei an Spiele wie beim Sport oder Gesellschaftsspiele. Doch bei genauerer Betrachtung spielen wir täglich mit anderen Zeitgenossen Spiele mit immer wiederkehrenden Abläufen.


Wo sehe ich die Probleme? Wenn beim Fußball ein Schiedsrichter nicht mit Augenmaß und Spielverstand jeden minimalen Regelverstoß pfeift, wird aus dem Spiel nichts. Ebenfalls schwierig wird es, wenn Menschen zu viele Entscheidungen mittels irgendwann festgelegter Regeln abgenommen oder vorgegeben werden. Noch die geringste Folge ist der Verlust der Kreativität. In Behörden ist nahezu alles vorgegeben, besonders wenn es um die Verwaltung und die Schriftsätze geht. Zeilenabstand, Schrifttyp, Position der Absätze, Grußformeln und wann etwas zu verfassen ist, werden nicht den Verfassern überlassen, sondern haben sich an Vorschriften zu orientieren. Das Ergebnis sind oftmals sperrige, unverständliche und vor allem überflüssige Vermerke, Berichte, interne Rundschreiben. Im Alltag ist das hinzunehmen, doch wenn es darum geht, komplizierte Themen abzuhandeln, wird es schwierig. Deshalb scheren Sachbearbeiter/innen immer mal wieder aus, was dann regelmäßig einen Rüffel von weiter oben nach sich zieht. Im Verlauf von Jahrzehnten werden Menschen in solchen überregulierten Systemen sozialisiert. Die Regeln werden zu etwas diktatorischen. Das eigene Denken schwindet und die Regeln werden zu einem Selbstzweck, während ihre ursprüngliche Intention und der Vorgang, welcher einst zur Aufstellung führte, völlig in den Hintergrund gerät. Im Zuge dessen passiert noch etwas anderes. Regeln, deren Sinn wir nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, kennen wir aus der Kindheit. Einst lernten wir, dass das Befolgen einerseits bequem ist und gleichzeitig Ärger vermeidet. Doch wir ließen es uns nicht nehmen, wenn es auch unvernünftig und jenseits allen Verstandes war, sie zu brechen. Allerdings hatte es auch Vorteile, sich unliebsame Entscheidungen von den Eltern abnehmen zu lassen. Immerhin konnte man dann den Misserfolg ihnen aufbürden und musste sich nicht selbst Fragen stellen.


Bei einigen Mitmenschen scheint sich dieser infantile Zustand manifestiert zu haben. Egal wie gut oder schlecht in der aktuell herrschenden Pandemie die Lage und das Regelwerk zur Abwehr der Gefahren kommuniziert wurde, kommt keiner an der Existenz eines Virus vorbei. Ebenfalls nicht am Umstand, dass man mit Viren weder verhandeln noch diskutieren kann. Gleiches gilt für die Prozesse rund um das Klimageschehen.
Ich gehe auch davon aus, dass bei der Mehrheit der Erwachsenen ein Verständnis für die Logik besteht, der nach ein/e Einzelner für sich selbst mittels der ihr/ihm bekannten Informationen eine Risikobewertung vornehmen kann, hingegen bei einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe, auf eine Koordination der Gruppenmitglieder angewiesen ist. Jede Dorfgemeinschaft funktionierte früher danach. Der Schmied hat nichts gewonnen, wenn es seinem Holzlieferanten oder dem Müller schlecht geht. Im Prinzip begann die Pandemie mit einer ambitionierten optimistischen Hoffnung. Böse treffen würde es “nur” Schwächere, bereits Kranke und Alte. Weniger nett formuliert, könnte man es als die Arroganz der Leistungsgesellschaft sehen, dass alle “Starken” lediglich einen Schnupfen bekämen. Davon sind wir mittlerweile weit entfernt. Augenscheinlich scheinen die Mediziner im Dunkeln zu tappen, wer denn de facto anfällig für einen schweren Verlauf ist. Die Überlebenschancen steigen, wenn man bei einer Hospitalisierung kräftig ist, das ist aber auch alles. Was wir wissen ist die Wahrscheinlichkeit, geimpft einem schweren Verlauf zu entkommen.

Es erscheint legitim, wenn jemand dieses Risiko eines schweren Verlaufs auf sich nimmt. Doch dann bitte in der Tradition des Mittelalters. Zurückziehen und irgendwo isoliert sterben. Anderen, die aus welchen Gründen auch immer eine intensive medizinische Behandlung benötigen und sie in Anspruch nehmen wollen, den Platz wegzunehmen, scheidet dann aus. Neuerdings wird auf die Situation von Zeitgenossen/innen hingewiesen, die rauchen, übergewichtig sind oder Extremsportarten betreiben. Ganz ohne kognitive Dissonanz meinerseits ist dabei ein wenig differenzieren angesagt. Die Angesprochenen schädigen sich nicht erst seit gestern und zumeist bereits lange Jahre vor der Pandemie und darauf haben wir uns eingestellt. Seuchen nehmen eine Sonderstellung ein. Corona ist eine unter vielen. Weltweit wütet immer noch die Cholera, immer mal wieder meldet sich die Pest zurück, die Syphilis, Aids, Lepra, Ebola, usw. Andere, teilweise noch unerforschte befinden sich in Lauerstellung. Ich schätze, ganz werden wir weltweit Corona nicht mehr loswerden. Die 7. Pandemie der Cholera dauert seit 1961! an. Es läuft also immer auf ein Eindämmen, Zurückdrängen und rechtzeitige Reaktionen hinaus. Hierfür sind Maßnahmen erforderlich, die Opfer verschiedener Art fordern.


Es fällt auf, dass Anhänger und Aktive der AfD, sich immer zu Wort melden, wenn es unlogisch wird oder es gilt komplexe Sachverhalte wenigstens ansatzweise nachzuvollziehen. Aktuell wettern sie gegen die Maßnahmen zur Pandemie – Bekämpfung, weil die Zahlen sinken würden und wieder Bettenkapazitäten beständen. Dabei ist es nicht einmal sonderlich kompliziert. Man stelle sich ein defektes Wasserohr vor, welches man notdürftig mit Isolierband geflickt hat. Es wird immer noch ein wenig lecken, aber eben nicht heraussprudeln und alles unter Wasser setzen. Jetzt besteht Zeit eine passende Schelle zu organisieren, ein neues Rohr vorzubereiten und vor allem auf die Suche nach dem Absperrhahn zu gehen. Wenn nicht ein Depp von der AfD vorbeikommt, der das Klebeband abmacht. Nun sind aber bei der AfD nicht nur Deppen unterwegs. Also stellt sich die Frage, warum sie diesen Unsinn verbreiten. Ich denke, sie kalkulieren die Schäden ein. Sie bedienen das Infantile und wiegeln gegen die bestehende Autorität auf. “Mama und Papa sind doof! Die verbieten Dir immer nur alles. Schau mal, ich habe tolles Spielzeug im Auto, Du kannst mir vertrauen, ICH, gebe Dir alles, was Du willst.”

Damit dies funktioniert, benötige ich Kinder, die darauf hereinfallen, sich ködern lassen, die Verbote der Eltern nicht nachvollziehen können, vielleicht weil es nicht gut erklärt wurde, die Gefahr, welche vom lockenden Täter ausgeht, nicht erkennen und anfällig für das Lockmittel sind.


Mit allem im Überfluss ausgestattete Wohlstandsgesellschaften verlieren augenscheinlich irgendwann den Bodenkontakt. Essen, gern auch mit allen Raffinessen, Trinken, sauberes Trinkwasser, selbst zum Wegspülen von Fäkalien oder Körperhygiene, wohltemperierte Behausungen, eine all umsorgende Gesellschaft, die den Einzelnen in jeder Lebenslage auffängt, die Übertragung jeglicher Verantwortung an staatliche Institutionen, teilweise sogar das Abnehmen von Denken, sowie die Abwehr aller nur erdenklichen Gefahren durch eigens hierfür bezahlte Sicherheitskräfte und deren Entscheider, werden zur absoluten Selbstverständlichkeit. Ein indischer Wanderarbeiter muss in einer Pandemie völlig andere Bewertungen und Entscheidungen vornehmen. Medizinische Versorgung ist bei ihm ein Glücksfall. Corona ist neben Verhungern, Katastrophen, anderen Seuchen, wie die Cholera, eine zusätzliche Bedrohung. Eindämmende Maßnahmen, können den sicheren Tod bedeuten, während Corona möglicherweise das Leben beendet. Streetkitchen – Besitzer, sind auf ihre komplette Familie angewiesen. Da kann nicht mal eben die gesamte Familie in Quarantäne gehen, weil eins der Kinder erkrankt ist. Ähnlich sieht es bei Leuten aus, die in abgelegenen Gegenden leben, wie zum Beispiel auf Inseln im hohen Norden Skandinaviens. Ein Corona – Ausbruch wäre eine Katastrophe, besonders wenn es keinerlei Schutz gegen einen schweren Verlauf gibt. Dort gibt es keinerlei Diskussionen, wenn die Chance auf eine Impfung besteht. Leugner der Pandemie, Impfskeptiker oder Verweigerer, die Propagandisten des Profits und Wirtschaftswachstums auf Kosten der Sterbenden, sind in erster Linie ein Problem der satten Wohlstandsgesellschaften.

Mitglieder von Wohlstandsgesellschaften leben in einer Illusion. Sie glauben sich freikaufen zu können. Alles Böse und Schlechte findet irgendwo anders statt. Die unerfreulichen Sachen, sind entweder die Fehler von Institutionen, die Machenschaften dunkler Mächte im Hintergrund oder wenn es gar nicht anders geht, das Unvermögen der Betroffenen. Seuchen, Naturkatastrophen alter Art oder neue Szenarien, die vom hausgemachten Klimawandel und Massensterben der das biologische System tragenden Arten, passen nicht ins Konzept. Hierzu müsste zu viel infrage gestellt werden. Fragen, die sich auf Zeiten vor dem Wohlstand beziehen.


Nach und nach schwindet die Illusion und es zeigt sich die Verletzlichkeit. Dies kommt einer Demütigung gleich. Jahrzehntelang wurde den Menschen etwas anderes vorgegaukelt. Versicherungen suggerierten, dass man gegen die Zahlung eines monatlichen Betrags alles abfangen könne. Politiker und Politikerinnen traten vor die Mikrofone, warfen alles Negative den gerade Regierenden vor und behaupteten, sie würden alles, bis hin zum Ausbruch eines Vulkans oder Erdbeben verhindern können, wenn man sie nur wählte. Selbst Philosophen und Naturwissenschaftler propagieren eine Zukunft, in der alles mittels Technik, medizinischen Fortschritt, weiteren Wissen, gelöst werden kann. Selbstverständlich bräuchte man hierfür jede Menge Geld, doch dies würde sich quasi durch die Technik selbst ergeben.

Was wäre, wenn es sich völlig anders verhält? Alles unterliegt einer Wechselwirkung. Ich kann nichts tun, ohne dass eine Wirkung bzw. Veränderung, Reaktion, erfolgt. Die Wechselwirkungen auf dem Planeten sind derart komplex, dass der Mensch sie vermutlich niemals vollständig erfassen kann. Selbst wenn wir die Momentaufnahme aller Prozesse verständen, wäre das nächste Problem das Nachvollziehen aller Folgen, die durch eine einzige minimale Veränderung entstehen. Eins haben wir bei den Prozessen mittlerweile verstanden. Das globale System strebt seit der Stunde Null ein Gleichgewicht an. Selbst nach Phasen des Chaos findet es sich immer wieder in ein stabiles Gleichgewicht ein.

Auf der Erde existieren diverse Missverhältnisse, die sich stetig weiter von einem Gleichgewicht entfernen. Früher, in den ausgehenden 60ern sahen einige Philosophen eine Zukunft, in der nach und nach die Unterschiede wenigstens auf ein akzeptables Maß reduziert würden (u.a. Adorno, Marcuse, Horkheimer). Als größte Gefahr machten sie einen Atomkrieg aus. Diese Prognose hat sich nicht bestätigt. Sie übersahen die negativen Auswirkungen der Industrialisierung, welche sich heute im Wandel des Klimas und Zerstörung der Lebensgrundlagen bis zum Armageddon (Zitat: Mark Benecke) aller neben dem Menschen existierenden Lebewesen, zeigen. Die nördliche Hemisphäre steht in einem krassen Gegensatz zum Süden und der Äquatorlinie. Der jetzt bestehende Wohlstand könnte das absolute Maximum des Möglichen sein und zum Zenit werden. Wie bei einem hochgeschossenen Ball, der irgendwann dem Reibungswiderstand und der Schwerkraft nicht mehr trotzen kann und herunterfällt. Dies könnte bedeuten, dass die Wohlstandsgesellschaften fallen, während die anderen einen Aufstieg erfahren und sich alle im günstigen Fall auf einem Gleichgewicht einfinden. Vorausgesetzt, es kommt nicht zu schwerwiegenden Ereignissen, die alle gemeinsam in den Abgrund reißen. Denn zum Gleichgewicht gehören auch alle anderen Lebewesen und Gegebenheiten des bisher einzigen bekannten belebten Planeten. Es wird noch andere geben, aber die kennen wir halt nicht.

Wie auch immer, ich persönlich schließe mich denen an, die von einem Zenit und einem bereits begonnenen langsamen Abstieg ausgehen. (Dafür sprechen z.B. Untersuchungen bezüglich eines seit den 70ern sinkenden Durchschnitts – IQ. Bitter amüsant ist hierbei, dass sich die Forscher wieder einmal zur Aussage “Menschheit” hinreißen lassen. Ihnen dürfte Vergleichsmaterial von z.B. indigenen Völkern fehlen.) Das aktuelle Geschehen entspricht einem Abstiegskampf. Kleine Kinder stampfen empört mit den Füßen auf, weil sie glauben, jemand nähme ihnen den Lutscher weg. Doch dieser Jemand existiert genauer betrachtet nicht. Das übergeordnete Lebenssystem des Planeten beginnt zu wirken. Viren, Bakterien, Anstieg des Meeresspiegels, Süßwasserverknappungen, Überschwemmungen, entfesselte Stürme, hieraus resultierende Änderungen der Bevölkerungsverteilung, sind zwingende unaufhaltsame Folgen, denen wir wenig entgegensetzen zu haben. Diesbezüglich haben wir uns, die Mitglieder von im Überfluss lebender Wohlstandsgesellschaften überschätzt. Man könnte dies knurrend anerkennen und sich fügen. Gemeinsam mit allen anderen gelte es dann vernünftige und verständige globale Lösungen zu finden. Oder sie greifen zur Alternative, was ich für wahrscheinlich halte, in dem sie sich mit Waffen gegenseitig töten. Wie das ausgeht, kennt jeder vom Buddelkasten. Eine oder einer fängt an, die Sandkuchen der anderen kaputtzumachen und alle gehen am Ende heulend nach Hause. Dies wird alles noch ein wenig dauern. Doch die Anfänge sehen wir bereits auf unseren Straßen und mit dem Erstarken der Erz – Konservativen, religiösen Fanatikern und der Neuen Rechten, die geschichtlich immer eine Folge von Demütigungen, Untergang und verletzten Stolz waren.

Januar 5 2022

Kurze Gedanken #7

city man person people Lesedauer 3 Minuten

Eine Besucherin sagte mir bei einem Spaziergang etwas, was mich seitdem beschäftigt: “Diese Dinge kommen in meiner Welt nicht vor!” In diesen Worten steckt mehr, als es scheint. Dieses Abbild der “Welt” in uns bestimmt nahezu alles. Im Prinzip ist es wie Ausschnitt, den wir mit einem Fotoapparat aufgenommen haben oder oftmals auch eine Skizze bzw. Gemälde, die der Geist auf eine innere Leinwand zeichnete. Mal ist es eine bewusste Entscheidung, welchen Ausschnitt wir wählen, ein anderes Mal geschieht es eher unbewusst. Oder wir sind gezwungen von Geschehnissen eine Aufnahme zu machen, die wir eigentlich lieber bleiben lassen würden. Besagte Besucherin hat einige Übung darin, eine gezielte Auswahl zu treffen und alles andere auszublenden. Dies habe ich insbesondere bei Leuten mit Traumatisierungen schon öfter erlebt. Ein Schutzmechanismus! Irgendwann im Leben wurden sie gezwungen, etwas auf der inneren Leinwand abzubilden, was sie nicht wollten. Warum es nochmals zulassen? Wozu sich mit Dingen, Ereignissen, Abläufen beschäftigen, die einen weder unmittelbar betreffen, noch sonderlich gute Gefühle bereiten?

Wie auch immer wir uns entscheiden, niemals sollten wir vergessen, wie dieses Bild entstand, wie eng oder weit gefasst der Ausschnitt ist und wer in uns die Entscheidung traf, hinzusehen, aufzunehmen und es auch noch abzuspeichern. Alles danach folgende basiert auf diesem Ausschnitt. Manche streben an, den Ausschnitt großzügig zu gestalten, auch die hässlichen Dinge abzubilden. Andere haben Gründe dafür, eben genau dieses zu unterlassen. Wiederum andere haben niemals ein Bewusstsein dafür entwickeln dürfen, sich eben dieser Entscheidung im Klaren zu sein. Vielleicht wurde ihnen auch suggeriert, dass einzig das ihnen präsentierte Bild, welches sie dann zum Eigenen machten, die korrekte Abbildung ist. Die Naturwissenschaften nehmen hierbei eine Sonderrolle ein. Sie liefern eins, welches die derzeit nach menschlichen Ermessen objektive Realität darstellt. Bis zu dem Tag, an dem der Gegenbeweis erbracht wird. Bei manchen Zeitgenossen erzeugt dies Vertrauen, wie es wiederum auch Misstrauen hervorrufen kann. Bin ich gewohnt, meine Aufnahme als etwas Objektives zu bewerten, was ich nicht von anderen diskutieren lassen will, werde ich Wissenschaftlern nicht vertrauen. Denn dies ist Teil der Vorgehensweise. Aufnehmen, präsentieren und interpretieren lassen. Fotografiere ich ein Haus, wird man mich fragen, ob ich auch die Rückseite berücksichtigt habe.

Eine andere Annäherung wäre die Situation eines Entscheiders, der sich einer Aufklärung bedient. Die Späher werden, je nach Ausbildung und Fähigkeiten, unterschiedliche, ähnliche und gleiche Ergebnisse liefern. Es ist die Aufgabe des Entscheiders, alles zusammenzuführen, ein Bild zu erzeugen, was der Realität möglichst nah ist und darauf das Handeln abzustimmen. Für meinen Teil wünsche ich mir manchmal ein Filter mit der Bezeichnung “Gefühl”, den ich bei Bedarf vor die Linse schieben kann. Vielleicht auch noch jemanden in mir, der mich dabei bremst dort hinzuschauen, wo ich eigentlich nicht hinsehen will. Einer der mir sagt: “Du hast genug schlechte Bilder in Deiner Sammlung, konzentriere Dich mal lieber auf die Blumen!” Aber was nicht ist, kann werden. Ein wenig schizophren wird es, wenn ich Mitmenschen auffordere, sich doch ein wenig mehr die schmutzigen Ecken anzusehen, während ich anderen den ungebetenen Rat gebe, sich lieber Hundewelpen anzusehen, statt ständig das Hässliche abzubilden. Es ist ein wenig, als wenn man sich mit einem Aktfotografen und einer Kriegsberichtfotografin auseinandersetzte. Wer von beiden hat sich für die richtige Form der Fotografie entschieden? Ich vermag es nicht zu sagen.

Selbst fühle ich mich immer noch als Fotograf, der über ein Kriegsgeschehen berichtet, aber eigentlich auf Tierfotograf umsatteln will. Im nächsten Atemzug erkennt, dass er vermutlich nicht im Streichelzoo landen würde, sondern in Borneo das traurige Schicksal der Orang-Utans dokumentiert. Doch es gelingt mir immer mehr, anhand des skizzierten Vergleichs zu erkennen, welche Art der Fotografie, Malerei, andere gewählt haben oder ihnen zugeteilt wurde. Es hilft ungemein zu verstehen, was ich sonst nicht verstehen könnte.

Dezember 29 2021

Kurze Gedanken #6

Lesedauer < 1 Minute

Ich sehe keine klassische Spaltung der Gesellschaft. Mir begegnet ständig eine Verwechslung von Egoismus und Egozentrik. Für seine eigenen Belange einzutreten, sie einzufordern, ja, sogar über die anderer zu stellen, ist legitim und ist Teil der Freiheit. Meines Wissens ist dies gesunder Egoismus.

Bei der Egozentrik, stelle ich mich selbst in den Mittelpunkt von allem Geschehen. In den monotheistischen Religionen stand im Zentrum Gott. Im Humanismus rückte der Mensch in den Mittelpunkt. Alle anderen Lebewesen und Prozesse drehen sich um ihn und werden damit gleichsam Untertan. In modernen Wohlstandsgesellschaften setzen sich immer mehr Menschen selbst in den Mittelpunkt.

Alle anderen, alles andere, spielt sich um ihre Person herum ab und ist im Zweifel auf sie zuzuschneiden. Dies wird nur allzu häufig gelebt, eingefordert u. oftmals seitens Politik, Werbung und Zeitgeist gefördert. Kommt dann jemand daher und sagt, dass dies nicht der Fall ist, jeder ein Teil des Gesamtgeschehens darstellt, fühlen sich die Leute innerhalb ihrer egozentrischen Weltbilds nicht gebührend behandelt. Dies ist die zusammenfassende Klammer zwischen den in zweiter Reihe parkenden Autofahrern, den Falschparkern, die nur mal eben etwas zu erledigen haben, den Maskenverweigerern und den sogenannten Querdenkern. Ebenso resultiert daraus deren verschobene Freiheitsbegriff, der nur funktioniert, wenn das eigene Handeln, mit seinen Folgen, ausschließlich auf die eigene Person bezogen wird.

Dem ist entgegenzuhalten, dass es unmöglich ist folgenlos zu existieren und zu handeln. Alles steht zueinander in einer Wechselwirkung. Mag das theoretische Konzept eines Gottes im Mittelpunkt als Gedankenkonstrukt funktioniert haben, ist bereits der Humanismus, der die Abhängigkeiten zum natürlichen System ignoriert, was sich u.a. im zerstörerischen Verhalten bezüglich der Lebensgrundlagen und dem Umgang mit anderen Lebewesen äußert, ein falscher Ansatz. Die Egozentrik, kann nicht einmal ansatzweise funktionieren, da sie nochmals in gesteigerter Weise gegen das Wechselwirkungsprinzip verstößt.

Dezember 13 2021

1312, ACAB, das T – Shirt zur Inszenierung

Anarchie im Alltag Lesedauer 5 Minuten

Als ich heute am 13.12. Twitter öffnete, dauerte es einen Augenblick bis ich begriff, warum sich die einschlägigen Accounts benahmen wie ein wütender Hornissenschwarm. 1312, die Ziffernfolge für das Akronym ACAB, “All Cops are Bastards”. Es hat eine lange Geschichte. Es soll 1920 erstmals aufgetaucht sein, später von revoltierenden Arbeitern benutzt worden sein, dann als Knast Tattoo – Karriere gemacht haben, bis es irgendwann mal in der Autonomen Szene ankam. Spätestens dort war das Motto nur noch der T-Shirt Aufdruck zu urbanen Spielereien. Ein ähnliches Schicksal wie es dem stilisierten Bild von Commandante Che Guevara widerfuhr. Zeitweilig schafften es auch Angela Davis und Sacco&Vanzetti auf die Brüste der modebewussten Wohlstandskinder. Tja, es ist nicht einfach dem Prinzip des Kapitalismus zu entkommen. Alles wird zur Ware, einem Produkt, was sich zu Geld machen lässt. Es macht auch keinen Halt vor den schärfsten Gegnern, die prompt darauf hereinfallen. Keine urbanen Kampfspiele zwischen der Polizei, den Autonomen, der “linken” hedonistischen Jugendbewegung, selbsternannten Kämpfern für eine bessere Zukunft ohne das passende Outfit, die richtigen Symbole und angesagten Wortschatz.

Spiele sind wiederkehrende Szenarien, mit immer gleichen Ablauf, festgelegten Mitspielern und ihren Rollen, sowie Spielregeln. Die urbanen Kampfspiele bringen nur eins: die Verabredung zu einem neuen Spiel. Sie sind leer und haben einen Selbstzweck. Seit den 80ern steht dieser Quatsch auf der Stelle. Niemand, weder die Polizei noch die andere Seite haben irgendwelche Ergebnisse vorzuweisen. Die großen Kämpfe “Startbahn – West”, “Brokdorf”, “Wackersdorf”, “Mutlangen”, wegen meiner auch die Proteste gegen “Reagan”, die Republikaner”, waren Anlassbezogen und führten, we manchmal zu kleinen Erfolgen oder wenigstens zu einer Debatte. Mal ganz abgesehen von den Studentenprotesten in Frankreich und Deutschland in den Jahren ’67 – ’69.

Sie tragen, oft gar nicht günstige schwarze Hoodies, Motto – Shirts, Regenjacken von etablierten Konzernen, die den Outdoor – Bedarf bedienen, gern auch vom sächsischen Rentner bei einer Pegida – Demo getragen wird, schwarze Schuhe von teuren Marken. Die wenigen letzten Punks haben da nichts zu bieten, wobei sich unter ihnen auch noch einige befinden, die sich die Bezeichnung “Kaufhaus – Punk” gefallen lassen müssen. Vielfach ist es kein gesellschaftlicher Ausstieg, sondern eher einer aus dem kompletten Leben. Warum auch nicht? Die Freiheit hat jeder. Doch dies hat nichts mit Kampf, Botschaft oder dem Willen zu einer Veränderung zu tun. Genau genommen sind sie nur Opfer des Kapitalismus und einem System, doch beides schert sich einen Dreck um sie.

Etwas geht kaputt? Irgendwer wird es reparieren und damit Geld verdienen. Ein Fahrzeug brennt? Prima, bei VW, Opel, Daimler, stehen die Höfe voll. Eine Bank wird entglast? Hierfür gibt es Steuerabschreibungen. Die Polizei braucht neue Ausstattungen? Da reiben sich die Hersteller die Hände und die Konjunktur freut sich. Alarm auf der Straße? Dies freut den rechtskonservativen Politiker und die PR Strategen.

In den Pausen zwischen den Spielen zerlegen sich am liebsten alle gegenseitig oder schielen argwöhnig auf die “Kids”, die gegen die weltweite Klimapolitik demonstrieren. Die haben in ihren Augen gar nichts verstanden. Erst einmal mit den “Spielen” den Kapitalismus überwinden, der ursächlich ist. Den Bullen zeigen, welche komischerweise immer nachwachsen, wo der Hammer hängt. Dabei ist korrekt, dass die “Kids” längst vom Kapitalismus eingeatmet wurden. Ein paar Einladungen, Sympathiebekundungen seitens des Establishments, leere Versprechungen und schon sind sie Girlanden, die alles ein wenig schöner und ökologischer aussehen lassen. Mich ärgerte bei der Causa “Pressesprecherin der grünen Jugend” nicht ihre Aussagen über “Weiße”, sondern vielmehr die Diffamierung der engagierten Jugendlichen bei Fridays for Future. Machiavelli! Wenn ich in Sachen Klima etwas reißen kann, ist mir egal, mit wem und woher es kommt.

Krieg, Kampf, Revolution, Kritik, als Selbstzweck, dient nur denen, welche den Support, die Logistik und restlichen Mittel stellen. Ich muss wissen, wo ich hin will und einen Plan für den Fall haben, dass ich als Sieger hervorgehe. Weiterhin benötige ich die Leute, die hinter meiner Idee und Zielen stehen. Ja, ein starkes Symbol, welches alle einigt, kann dabei hilfreich u.U. motivierend wirken. Die Geschichte bietet da einige Beispiele.: Vom Hakenkreuz der Nazis, der schwarzen Flagge der Anarchisten, die Faust der Kommunisten, bis zu Hammer und Sichel, usw. Man sollte sich dabei aber immer des Risikos bewusst sein, dass dies schnell von der Pop – Kultur übernommen wird und sich die Wirkung damit erledigt hat.

So sehr ich 1 % Rocker MC verabscheue (die nebenbei auch ACAB T – Shirts tragen) muss man ihnen eins lassen. Den Schutz ihrer eigenen Symbole ziehen sie durch. Niemand sollte auf die Idee kommen, mit den falschen Hells Angels Symbolen am falschen Ort aufzutauchen. Da verstehen die, eben sowenig wie Gremium oder Bandidos u.a., Spaß. Vielleicht ist dieses ACAB, mit seinem Weg über Arbeiter aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, in die Zellen hartgesottener Krimineller, zu den Autonomen, ein Symptom dafür, wie verloren diese Szene eigentlich ist. Für die anstehenden Aufgaben der kommenden Zeit haben sie nichts anzubieten. Eher sind sie eine Folgeerscheinung der implodierenden Wohlstandsgesellschaften. Sie vermögen es nicht, eine ernstzunehmende politische Kraft auf die Straße zu bringen, noch sind sie in der Lage, der Macht auch nur minimale Blessuren zu verpassen. Eher im Gegenteil! Sie treiben ein verschrecktes Bürgertum vor sich her, welches genau in die falsche Richtung rennt. Es ist nicht einmal der Fall, dass sich deshalb die Staatsmacht demaskiert oder die Bürger sich unmerklich einer an sich gewollten Freiheit berauben. Das übernehmen die religiös motivierten Attentäter oder die rechte Szene. Die RAF folgte dem anarchistischen Weg “Propaganda der Tat”. Wenn die Machtinhaber unsere Leute umbringen, zahlen wir es zurück, damit sie merken, wie trügerisch ihre Sicherheit ist. Das funktionierte nicht und wurde seitens der Anarchistischen Bewegung beendet.

Insgesamt finde ich dies alles bedauerlich, weil einst etwas angestoßen wurde, auf dessen Basis mit Lerneffekten ein Weg dagewesen wäre. Rudi Dutschke forderte den Weg durch die Instanzen. Er übersah, was mit den Leuten dabei geschieht und wie intensiv das Hierarchieprinzip auf die Leute einwirkt. Gut, dann halt eine intellektuelle externe Auseinandersetzung mit überlegten Angeboten an den richtigen Stellen, wie es zum Beispiel der Amerikaner Saul D. Alinsky forderte oder spanische Libertäre umsetzen. Kleine Enklaven, die gut positioniert auf immer größer werdende Regionen wirken und vermögen eine Transformation einzuleiten, weil die Konzepte für die Bürger attraktiv sind. Hierzu gehört auch eine Sprache, die allgemein verständlich ist. Mit soziologischen Kauderwelsch erreiche ich Studenten der Soziologie oder Insider, aber nicht die breite Masse. Die ’68er, inklusive derjenigen, die sich später radikalisierten, hatten immer die Lebensrealität der “normalen” arbeitenden Bevölkerung vor Augen. Zugegeben, war spätestens mit dem Eintritt in den Untergrund vieles kaum noch verständlich, aber dies hatte psychologische Gründe.

Die Familien in den Plattenbausiedlungen, den Hochhaussiedlungen, sozialen Brennpunkten, “freigesetzte” Arbeiter/innen, die vom Umbruch durch die Digitale Revolution Betroffenen, die, welche Familien zu ernähren haben oder die mannigfaltigen aktuellen und kommenden Opfer der Klimakatastrophe, diejenigen, welche sich am finanziellen und sozialen Abgrund befinden, haben mit den Trägern von “ACAB” Shirts wenig zu tun. Ich befürchte, mangels Alternativen, werden sich davon immer mehr dem rechtskonservativen bis klar rechtsextremistischen Spektrum zuwenden. Daran ändert auf lange Frist auch nichts die aktuelle Regierung.

Die eigentliche Aussage, alle Polizisten sind Bastarde, ist mir persönlich vollkommen egal. Da wo sie mal entstand, kann ich sie sogar nachvollziehen. Bei den heutigen Verwendern ist es in der Mehrheit ein Statement dazu, wo man sich selbst zugehörig fühlt. “Anti” – Antifaschismus, Antikapitalismus, Antirassismus, … Viel spannender ist: “Du hast mir jetzt gesagt, wogegen Du alles bist. Gut, geschenkt! Erzähl mal von Deinen Vorstellungen. Wo soll die Reise denn hingehen? Alternativen? Aufgabe von Besitz und Eigentum? Stoppen der Propaganda durch Übergabe der der Sozialen Medien an die Gesellschaft? Auflösung der Polizei? Wie gedenkst Du mit den Folgen umzugehen? Selbst in einer idealen anarchistischen Gesellschaft werden manche Delikte bleiben. Triebtaten? Mord? Diebstahl? Umgang mit Personen aus anderen Gesellschaften? Neidern? Psychopathen?” Meistens kommt hierzu nur heiße Luft oder die Aneinanderreihung soziologischer Phrasen. Da sind Länder, in denen sich Leute notgedrungen nahezu anarchistisch organisieren müssen, weil sich der offizielle Staat verselbstständigt hat oder durch Abwesenheit glänzt, deutlich weiter. In Favelas, diversen Slums, aber auch in Staaten, wo staatliche Regelung mittels Zahlung erkauft werden muss, gelten andere Regeln. Keine Ahnung, ob ACAB Shirt -Träger/innen dort klarkommen. Ich habe da meine Vorstellungen. Nicht alles ist dort schlecht. Es gibt auch die positiven Beispiele von kleinen selbstorganisierten Gemeinden, in denen die Kriminalität kaum ein Thema ist. Aber das ist harte Arbeit, viel Kommunikation, Selbstdisziplin, Empathie und aufeinander zu gehen. Mit Parolen ist da kein Blumentopf zu gewinnen.

September 5 2021

Autos und Fahrräder

city road street building Lesedauer 6 Minuten

Das Automobil hat sich in Deutschland zu einem Fetisch entwickelt, mit dem Politik gemacht wird. Was ist da passiert? Als Autos auf der Bildfläche erschienen, wurden sie von den Bürgern mit äußerster Skepsis betrachtet. Diese schlug sogar zeitweilig nach dem ersten tödlichen Unfall in Feindseligkeit um. Vorher gehörte die Stadt und die Bürgersteige dem Fußgänger. Von Anfang an war beim Automobil zu unterscheiden zwischen einer Maschine, mit der u.a. Gegenstände, Waren oder Stückgut transportiert werden können und einem Statussymbol, mit dem der Herr Fabrikbesitzer grüßend wie ein Sonnenkönig durch die Straßen fuhr. Recht schnell stellte sich heraus, dass man mit den Dingern Geld verdienen kann. Sehr viel Geld! Womit die üblichen Folgen eintraten. Millionäre, der Geldadel, schloss sich zusammen und initiierte eine gigantische Kampagne, der u.a. eine komplette Flotte elektrischer Straßenbahnen zum Opfer fiel.

Bisweilen überkommt einem der Eindruck, dass in den westlichen Industriestaaten eine Welt um das Automobil herum gebaut wurde. Ein Leben ohne ein Auto erscheint beinahe nicht mehr lebenswert bzw. nicht leistbar. Wie sollte man sonst zur Arbeit kommen? Wie die Einkäufe erledigen? Wie kommen die Kinder zur Schule? Allzu gern wird dabei übersehen, dass dies Folgewirkungen sind. Auf dem Land sind die zu Fuß erreichbaren Läden verschwunden. Betriebe sorgen nicht mehr dafür, dass ihre Arbeitnehmer in der Nähe wohnen können, sondern setzen auf Pendler. Kindern kann aus eher fadenscheinigen Gründen der Schulweg nicht zugemutet werden, paradoxerweise, u.a. weil sie überfahren werden könnten. Hinzu kommt, dass Autos grundsätzlich lediglich eine rein funktionale Ausstattung benötigen. Alles, was zum Fahren benötigt wird, einige Sicherheitsfunktionen, 100 km/h reichen zur Erfüllung der Aufgabe eines Fahrzeugs völlig aus und eine funktionale Ladeoption – fertig! Alles andere hat mit der Funktion eines Fahrzeugs nichts zu tun und kann somit als Luxus bezeichnet werden.

Wenn überhaupt können Automobile als ein notwendiges Übel bezeichnet werden, weil seit der Entwicklung entsprechende Fakten geschaffen wurden. Auch wenn man es nicht glauben mag, es soll auf der Erde bereits vor 1886 menschliches Leben gegeben haben. Dem Nutzen stehen Verpestung der Luft, die Tatsache, dass ausgediente Fahrzeuge Sondermüll sind, die Herstellung ökologische Schäden verursacht, sie unsachgemäß benutzt eine erhebliche Gefahr für andere Menschen und Lebewesen darstellen und für den Verkehr massiv ins Gelände, Flora und Fauna eingegriffen werden muss. Anders: Ein vernünftiger Mensch müsste theoretisch mit einem flauen Gefühl den Motor starten, aber sich in sein Schicksal fügen, weil er schlicht nicht anders kann. Doch diese Vernunft wird zuverlässig aus verschiedenen Richtungen ausgeschaltet.

In den Städten kommt ein neuer Trend auf. Es wird mit dem Finger auf Radfahrer gezeigt. Zunächst einmal wird moniert, dass diese die Frechheit besitzen, die Fahrbahn, den natürlichen Lebensraum des Automobils ebenfalls zu benutzen und so manchmal die Autofahrer auf 20 km/h herunter bremsen. Radfahrer haben gefälligst den Radweg zu benutzen. Dabei geht es aber nicht um Radwege, wie sie zum Beispiel in Holland existieren, sondern schmale Streifen, die oftmals in einem bedauerlichen Zustand sind. Nur allzu oft werden sie als freie Abstellfläche für Unrat, Baumaterial, kurzfristig abgestellte Autos zweckentfremdet. Mit einer gewissen Gelassenheit kann man darüber hinwegsehen. Städte werden von Verkehrslinien durchzogen und Fahrräder haben den Vorteil, dass im Zweifel die komplette Breite, von Häuserkante zu Häuserkante genutzt werden kann. Womit aber bei weniger gelassenen Zeitgenossen der Kragen platzt. Auch die verdammten Radfahrer haben sich an die StVO zu halten. Dabei schwingt eine subjektiv empfundene Ungerechtigkeit mit, weil die Autofahrer oftmals in Konflikt mit der Rennleitung in Gestalt des Ordnungsamts oder Polizei kommt. Ich halte an dieser Stelle mal fest: Nutzer von Automobilen, die mit ihrem Verbrennungsmotor oder neuerdings mit E – Antrieb (Wie schädlich die aufgrund ihrer Akkus sind, lasse ich mal offen.), der Allgemeinheit geduldeten Schaden zufügen, mit knapp einer Tonne und mehr Gewicht eine potenzielle Gefahr darstellen, Platz wegnehmen, durch das Gewicht an ungeeigneten Stellen Beschädigungen an von der Allgemeinheit bezahlten Flächen verursachen und immer mal wieder Mineralöle in den Boden abgegeben, setzen sich mit Fahrradfahrern auf ein Level.

Rein nach den Buchstaben des Gesetzes können sie dies, denn alle, vom Autofahrer bis zum Kleinkind auf einem Roller, sind Verkehrsteilnehmer. Wer meinen BLOG kennt, weiß um meine Haltung zu Gesetzen. Sie sind notwendig, aber sie sind von Menschen erdacht, besitzen keinen Ewigkeitsanspruch, spiegeln eine Gesellschaft, werden von der dominanten Gruppe eines Systems geprägt und sie regeln nicht alles Zwischenmenschliche. Über ihnen stehen das Gewissen, die Vernunft, der Verstand und oftmals praktische Erwägungen. Am ehesten kann ich meine Haltung mit dem deutschen Begriff “Dienst nach Vorschrift” verdeutlichen. Dienstvorschriften haben bei deutschen Beamten nahezu Gesetzescharakter, auch wenn dies juristisch ein wenig anders aussieht. Wenn sich ein Beamter konsequent an alle Dienstvorschriften hält, kommt der Dienstbetrieb zum Erliegen. Im Übrigen ist diese Maßnahme, die einem Streik gleich kommt, nicht zulässig. Ich für meinen Teil möchte nicht in einem Umfeld leben, in dem die Leute stets und ständig auf die Buchstaben des Gesetzes pochen. Zugegeben ist dies eine Haltung, die einem bei der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung nicht einfach macht. Gut ist dabei, dass die meisten zwar gern davon sprechen, aber wenn man genau hinsieht, anders leben.

Automobile und Fahrräder haben eine unübersehbare Gemeinsamkeit. Sie werden von Menschen benutzt. Rowdys, Gewissenlose, Rücksichtslose, bleiben, was sie sind, egal auf oder in welchem Vehikel sie sitzen. Aber ehrlich gesagt, ist mir ein Rowdy (tatsächlich sind es meist Männer, mit wenigen Ausnahmen) auf einem Fahrrad lieber, als in einem PS – starken BMW. Ich kenne beide Seiten. Jahrelang habe ich mein Leben mehr oder weniger in Autos zugebracht, habe aber auch einige tausend Kilometer auf dem Fahrradsattel gesessen. Fahrradfahrer/innen unterteilen sich wie Autofahrer in verschiedene Gruppen. Da wären die, welche mit einem Drahtesel einfach von A nach B kommen wollen. Einige sind auf dem Rad beruflich unterwegs und wiederum andere benutzen das Rad als Sportgerät. Die meisten “problematischen” Radfahrer sind männlich, zwischen 30 und 50 Jahre, rechthaberisch, haben mindestens 900 EUR aufwärts ins Rad investiert und sehen aus wie Männer, die sich auf die Tour de France vorbereiten. Sie sind der Schrecken aller Wartenden an Bushaltestellen. Mit voller Geschwindigkeit rasen sie heran und bremsen laut vernehmlich mit Flüchen, weil sie von den Leuten missachtet wurden. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind sie meistens auch Besitzer eines passenden Autos, welches warm und trocken unter einem Carport steht.

Doch andererseits gibt es auch die, welche zwar unerlaubt auf den Bürgersteig ausweichen, nicht jedes Rotlicht beachten und kreative Abkürzungen finden, aber trotzdem Umsicht zeigen, niemanden gefährden und äußerst zurückhaltend fahren. Wenn sich Fußgänger und Radfahrer nicht selbst furchtbar wichtig nehmen, auf die Buchstaben des Gesetzes pochen, gibt es in der Regel wenig Probleme. Gut, ich lebe in Deutschland. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit immens, dass sich jemand für wichtig hält, wenig auf sein Umfeld achtet und auf seine niedergeschriebenen Rechte wert legt. Ich selbst breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich einem Fahrradfahrer ausweiche oder bremse und langsam fahre, weil ein Fußgänger in Gedanken versunken den Radweg blockiert. Gleichsam habe ich kein Problem damit abzuwarten, bis ein untalentierter Autofahrer sein Wendemanöver abgeschlossen hat.

Vieles ist auch reiner Eigennutz: Auf dem Grabstein toter Radfahrer stehen die Worte: Sie/Er war im Recht. Dieses ganze Geschrei bezüglich einer Umkehr der Täter – Opfer Situation, ist in meinen Augen weltfremder Schwachsinn. In erster Linie will ich leben und im Zweifel überleben. Wunschvorstellungen und Träume sind zulässig und sie stehen für die Ziele, die erreicht werden sollen. Doch bis das ideale Ziel erreicht ist, muss ich mit dem klarkommen, was mir das reale Leben bietet. Es ist mir erlaubt in eine Kneipe zu gehen, in der sich Rechtsradikale treffen und einen lockeren Spruch abzulassen. Besonders klug ist dies allerdings nicht und ich darf mich nicht wundern, wenn ich Prügel beziehe. Ähnlich sieht es aus, wenn ich mich an einer Kreuzung neben einen LKW zwänge.

Aber geht es überhaupt um all dies?

Nein! Glaube ich jedenfalls nicht. Autos haben Fetisch – Status. In Deutschland kann es schon Probleme geben, wenn sich jemand auf die Motorhaube eines Autos setzt oder sich nur anlehnt. Mit einem Auto überall zu jeder Zeit irgendwo hinfahren zu können, gilt unter Deutschen als Menschenrecht. Jede Regulierung oder Behinderung legt einen Schalter um. Was sich da auf den Straßen abspielt, sind Jagdszenen in Hollywood. Tja, und dann radelt fröhlich die/der erlebnisorientierte, die Freiheit genießende Radfahrer/in vorbei, ignoriert die rote Ampel, kürzt bei Abbiegen über den Bürgersteig ab oder rollt entspannt auf der falschen Seite entlang. Und? Wenn das alles entspannt, ohne Verbissenheit, Umsichtig und damit ohne Gefährdung anderer passiert, interessiert mich dies persönlich überhaupt nicht. Ich bin in vielen Bereichen Pragmatiker und halte nicht viel von Prinzipien. Letztere verkomplizieren unnötig das Leben und schädigen das Nervenkostüm.

Jeder auf dem Fahrrad leistet einen Beitrag in die richtige Richtung, besonders wenn auch noch auf Akkus verzichtet wird. Allerdings geben die einen guten Anreiz und sind bei einem Fahrrad besser untergebracht, wie in einem Fahrzeug mit einer Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h. Aber wer in Deutschland etwas gegen Automobile sagt, stellt sich gegen Jahrzehnte der Gehirnwäsche, Werbung, einen als absolut notwendig verkauften Way of Life. Mutige Politiker/innen haben sich des Themas angenommen und wollen, wie in Nachbarstaaten längst geschehen, dem Automobil die Privilegien beschneiden. Infolgedessen erfährt das Fahrrad bei ihnen eine Aufwertung. Der Aufschrei war vorprogrammiert. Wie kleine Kinder im Buddelkasten plärren die Autofahrer und zeigen auf die anderen Kinder: “Mama, die haben aber auch gehauen!” “Stimmt, aber nicht mit einem abgebrochenen Ast auf den Kopf, sondern sie haben Dich geschubst!” Unter dem Strich geht es darum, die eigene unterbewusst durchaus vorhandene Erkenntnis der Unvernunft, verzweifelt zu verteidigen. Na ja …. dieses Verhaltensmuster ist weit verbreitet und fällt uns immer mehr auf die Füße.

Juli 24 2021

Die modernen Ketzer

people holding banner Lesedauer 10 Minuten

So wie irgendwo eine Äußerung von Luisa Neubauer auftaucht, meldet sich ein wütender Mob zu Wort: Sie hätte noch nichts im Leben geleistet, heißt es dann. Leider erfolgt nie eine Konkretisierung was dabei unter einer Leistung verstanden wird. Darüber kann trefflich je nach Weltanschauung gestritten werden. Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Meinung an eine wie auch immer geartete Leistung gebunden ist. Nietzsche studierte und wurde mit 24 Jahren Professor an der Universität in Basel. Einer, der sich selbst gern als die letzte konservative Bastion des deutschen Journalismus bezeichnet, Jan Fleischhauer, gern den wütenden Mob bedient, begann seine Karriere beim SPIEGEL mit 25 Jahren und erntete mit seinen Artikeln keinen Shitstorm, schlicht, weil es sowas 1989 noch nicht gab. Nach dem Lesen seiner Texte glaube ich ein wenig verstanden zu haben, was er bedienen will oder ihm gegen den Strich steht. Es scheint, dass er damit den Nerv einiger trifft.

Schwierig wird es immer dann, wenn man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Vom Übermenschen erwartet man auch übermenschliche Disziplin.

https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-im-minus_id_13525344.html

Er und andere wittern bei Neubauer und den jungen Menschen, die sich bei FFF engagieren, eine zur Schau getragene moralische Überlegenheit, die einer näheren Überprüfung nicht Stand hält. Das dies in Deutschland ein Thema ist, sehe ich genauso. Allein schon, weil unser Lebensstandard auf diversen Sauereien fußt, aber völlig anders verkauft wird. Im gleichen Zuge betrachte ich skeptisch die Rolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union.
Nur sehe ich weder bei Neubauer noch bei den Schülern diesen Anspruch im eigentlichen Sinne. Man könnte sich eventuell an Spins wie “Alter weißer Mann” oder “Boomer” stoßen. Ich finde, ab einem gewissen Lebensalter, kann man die Gelassenheit entwickeln diese Spins, als Teil eines Generationskonflikts zu sehen. Mangels der fehlenden Möglichkeit auf ein Leben zurückzuschauen, welches sich aus Fehlern, Erfolgen, up-and-down einer Biografie zusammensetzt, verleitet einen in jungen Jahren zur Annahme, dies im eigenen Leben verhindern zu können. Schwierig finde ich, wenn Ältere eine Scheinheiligkeit vor sich hintragen, die immer einem Versteckspiel vor sich selbst entspricht. Dazu gehört auch, die eigene zurückliegende jugendliche Arroganz zu leugnen.

Aber was haben die verändernden Eingriffe ins Klima, zurückliegend und heute, die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Emissionen aller Art mit Moral zu tun? Ist die zentralistische Betrachtung des Menschen, die zu Begriffen wie Umwelt und Umweltschutz, welche von einem Geschehen um den Menschen herum geprägt sind, statt ihn als untrennbaren Teil des Gesamten zu sehen, moralisch gerechtfertigt? Stichwort: Anthropozän – das vom Menschen gestaltete Erdzeitalter. Hat sich der Mensch nicht falsch eingeschätzt? Ist der Wunsch nach dem Überdauern eines natürlichen Weltgeschehens versus einem nur mittels technischen Schutz möglichen Überlebens des Menschen bei gleichzeitigen opfern aller anderen Lebewesen eine Frage der Moral? Im gewissen Sinne schon. Aber sollten dann nicht gerade Konservative, die sich mehrheitlich zu einer übergeordneten Gottheit und Schöpfung bekennen, sich für einen Erhalt aussprechen? Für mich ist dieser Widerspruch nur lösbar, wenn sich die Bezeichnung konservativ nicht auf Schöpfung, Erhalt und den christlichen Glauben bezieht, sondern eher auf das Streben nach Überwindung der natürlichen Abhängigkeitsverhältnisse und die Installation eines globalen Systems, welches nach den Ideen des Großhirns funktioniert. Gut, manche mögen daran glauben, dass dies funktionieren kann. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind die von Naturwissenschaftlern festgestellten Prozessverläufe ein deutliches Zeichen für das Scheitern.

In einem anderen Vorwurf heißt es, sie käme aus einer wohlhabenden Familie und im Übrigen wäre sie selbst auch schon geflogen. Dies weist auf einen typischen menschlichen Wesenszug hin. Im Grunde weiß man wie irrational und möglicherweise schädlich das eigene Verhalten ist. Doch was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht einmal etwas gönnt, über die Stränge schlägt und sündigt? Mich fasziniert dies immer wieder. Die menschliche Unvernunft, die sich gegen einen selbst richtet, wird mit der Auflehnung gegen etwas Höheres legitimiert, das dann im Nachgang Gnade walten lässt. Ebenso wird das Recht auf Unvernunft angesprochen. Die Reichen und Wohlhabenden, welche sich alles leisten können und die Armen, welche sich abmühen müssen, um auch ein wenig Spaß zu haben. Macht es für die Lebewesen im Erdboden einen Unterschied, ob ein Reicher oder ein Armer illegal einen Kanister Mineralöl ausleert? Nun mag man sagen, dass das Fliegen eher unter Vergnügen läuft, denn einer illegalen Chemikalienentsorgung. Aus der Perspektive aller anderen Lebewesen ist es eine Schädigung. Ist der Wahrheitsgehalt der Aussage vom Status oder dem eigenen Verhalten abhängig? Worum es doch geht, ist das Wissen darüber. Ich weiß von der Schädlichkeit und tue es trotzdem. Darf ich Schaden zufügen, wenn ich weiß, dass mein Handeln einen verursacht? Juristisch nennt sich das Vorsatz! Wenn jemand ein Fahrzeug in zweiter Spur abstellt und die Warnblinkanlage einschaltet, ist offensichtlich das Wissen um die Gefährlichkeit des Handelns vorhanden. Deshalb kostet diese Vorgehensweise mehr, als das ungesicherte Abstellen. Jeder von uns weiß nach dem aktuellen Wissensstand, dass der Flug anteilig eine Schädigung darstellt. Damit muss ich irgendwie umgehen. Wer sich dies nicht eingestehen will, muss eine Rechtfertigung finden. “Mein Flug fällt bei der Anzahl der Vielflieger nicht weiter ins Gewicht.” “Warum sollte ich verzichten, wenn alle anderen ebenfalls und sogar noch mehr schädigen?” “Sollen doch erst einmal die anderen, die Reichen, ihr Verhalten ändern, dann können wir über meinen kleinen Anteil sprechen!” Oder wie es die/der Besitzer/in des angesprochenen abgestellten Fahrzeugs formuliert: “Herr Wachtmeister, kümmern sie sich doch erst einmal um die richtigen Verbrecher und nicht um mich.” Diese Rechtfertigung wird schlagartig hinfällig, wenn wegen des Hindernisses ein Motorradfahrer ausweichen muss und das Opfer eines unachtsamen anderen Fahrers wird. Denkbar ist auch die Entstehung eines Staus, der die Einsatzfahrt eines Rettungswagen zu einem Verletzten verlangsamt.

Ich selbst fliege und kritisiere. Einerseits zeige ich damit mit dem Finger auf mich selbst, und andererseits auf meine Zeitgenossen. Wie halte ich das aus? Bei mir ist eine Resignation die fadenscheinige Rechtfertigung. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass der Zug abgefahren ist. In dieser Lage kann ich nur noch das Beste für mich selbst herausholen.

Ich sitze mit einer Partygesellschaft in einem Bus, der mit zunehmender Geschwindigkeit und einem “zugekoksten” Fahrer am Steuer auf eine Betonwand zu rast. Vielleicht haben drei oder vier Mitfahrer die Lage erkannt. Meine Möglichkeiten beschränken sich darauf den Fahrer zu erschießen und dazu bin ich zu feige, schon deshalb, weil sie mich danach lynchen. Die anderen verfügen eventuell über mehr Möglichkeiten. Wenn sie eine Idee haben, werde ich sie mit allen Mitteln unterstützen. Doch ich werde sie bestimmt nicht besoffen und grölend beschimpfen. Dies übersehen einige geflissentlich. FFF, Neubauer, und viele andere, kämpfen mit Überzeugung für alle und nicht allein für sich selbst. Ob sie einen Weg gewählt haben, der den Bus vor dem Einschlag in die Wand bewahrt, wird sich zeigen.

Schaue ich mich um, sehe ich keinen Grund, denen zu glauben, die sich an den Schalthebeln der Macht befinden. Wer ernsthaft das Ende einer Ausbeutung fossiler Ressourcen plant, erschließt nicht täglich neue Ölfelder, Erdgasvorkommen oder Kohleflöze. Wem es mit der Sache ernst ist, plant keine Weltmeisterschaft in Qatar, um sich bei denen “Liebkind” zu machen.

Zurück zu Frau Neubauer und ihren Aussagen. Im Kern geht es zunächst einmal um den Hinweis, dass Politik in einigen Bereichen nicht umhinkommt, nicht nur den Rat von Wissenschaftlern einzuholen. Notwendig ist es auch, die politischen Entscheidungen darauf basieren zu lassen.

Weiterhin merkt sie an, dass zwar viele kostenlose Worte ausgesprochen werden, aber keine konkreten Handlungen folgen. Kurzum, sie stellt keine eigenen Forderungen. Sie gibt das wieder, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten sagen und fordern. Doch die nimmt sich keiner vor, schon gar nicht jene, deren Ruf nahezu unantastbar ist und international anerkannte Beiträge leisten oder leisteten. Wenn überhaupt, wenn sie allgemein für jedermann verständlich aufbereitet sind, kommt es zur üblichen Reflexreaktion: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Irrationalität trifft auf wissenschaftliche Nüchternheit.

Angesichts der Flutkatastrophe kam eine neue nicht weniger verkorkste Entgegnung ins Spiel. Frau Neubauer oder FFF solle/n sich derzeit zurückhalten, weil der Hinweis auf all die Unterlassungen bezüglich des Klimawandels von den Missständen bei der Katastrophenbekämpfung ablenken würde. Der Klimawandel, laut Wissenschaftler aus dem Verhalten der vergangenen Jahrzehnte resultierend, bedingt immer kürzer werdende Zeitintervalle beim Auftreten von Ereignissen wie Stürme, Starkregen, Fluten, Hitze, Dürren. Da die Aussagen der Wissenschaftler konsequent ignoriert wurden, vernachlässigte man auch den Katastrophenschutz bzw. die notwendigen Schutzmaßnahmen. Anders herum aufgezogen, kann ich schwer erhebliche Ausgaben für den Schutz begründen, wenn ich den Klimawandel und den Eigenanteil daran abtue. In dem Moment müsste jeder nachfragen, warum ich neben dem Schutz nicht gleichzeitig alles unternehme, damit die Phänomene nicht auftreten. Ich denke, die Wahrheit liegt woanders. Die Damen und Herren gingen davon aus, dass es wie üblich die südliche Hemisphäre treffen würde, während man in Mitteleuropa fein raus ist. Nun, dies scheint sich als Irrung herauszustellen.

Dann gibt es noch die Zeitgenossen, die Frau Neubauer auffordern, statt zu reden, ins Krisengebiet zu fahren und dort bei den Aufräumarbeiten zu unterstützen. Warum sollte sie dies tun und was hat das mit ihren Aussagen zu tun? Muss jeder Kritiker oder wegen meiner auch jede/r Politiker, der das Unterlassen von schädlichen Eingriffen in die Lebensgrundlagen des Planeten und Klima fordert irgendwo hinfahren und Hilfe leisten? Machen demnächst einige Abgeordnete einen Ausflug in die Sahelzone? Oder schicken wir Politiker (dafür wäre ich sogar offen), die militärische Interventionen fordern mit der Waffe in der Hand in die Region? Stellt sich der vergreiste Horst Seehofer demnächst an die Europäische Außengrenze? Ich denke, jede/r sollte tun, was sie/er kann und dabei auch den Nutzen berücksichtigen. Wer in der Gegend wohnt, passende Kenntnisse hat und auch noch die Möglichkeiten hat, sollte helfen, alle anderen sind eher hinderlich und bringen im Zweifelsfall Retter in Schwierigkeiten. Inwiefern die Nichtteilnahme an den Arbeiten im Katastrophengebiet ein Qualitätskriterium für die Aussagen ist, erschließt sich mir nicht. Dieses Konstrukt wirft eher ein Licht auf diejenigen, welche sich in dieser Art äußern.

Liegt die Fokussierung daran, dass sie sich an die 26 800 Wissenschaftler, die sich bei Scientist for Future engagieren nicht herantrauen? Könnte es so einfach sein?

Sie sagt, man solle auf die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hören. Andere halten ihr entgegen, dass Wissenschaft nicht alles wäre. Wissenschaft ist nicht Wissenschaft, und spätestens seit der Erfolgsserie “Big Bang Theory” kennen wir die Haltung eines Sheldon Coopers zu allen Wissenschaften jenseits der Physik. Bei allem, was sich um das Klima dreht, sind wir mitten in den Naturwissenschaften und zumeist in der Physik. Im 21. Jahrhundert sind die meisten von uns auf vielen Gebieten Anwender und verstehen nicht ansatzweise, was technisch vor sich geht. In den 80ern konnte ich noch an einem Fahrzeug herumschrauben. Heute öffne ich die Motorhaube und habe nur Fragezeichen auf der Stirn. Dies ist bei vielen Dingen der Fall. Was bleibt mir übrig? Ich muss mir im Zweifelsfall jemanden meines Vertrauens suchen. Habe ich beispielsweise zwei Virologen mit völlig unterschiedlichen Aussagen vor mir zu stehen, tendiere ich dazu den Selbstdarsteller und Freund des Partyvolks zu meiden und dem etwas verpeilt wirkenden Nerd zuzuhören. Wenn der dann auch noch der BILD Zeitung sagt, dass er keine Zeit hat sich mit ihnen zu beschäftigen, sind bei mir die Würfel gefallen. Das ist wie mit dem Gebrauchtwagenkauf. Lieber kaufe ich einen Wagen bei einer einfachen Garage, in der mit Öl verschmierte Mechaniker herumspringen, als das ich ihn bei einem Händler mit 20 Fahnen auf dem Parkplatz kaufe. In Bezug auf Virologen scheine ich da nicht alleine zu sein. Ich finde es Prima, dass das so ist und folge dem gern. Dem Schnellaufsteiger im Anzug hätte ich mehr Skepsis gegenüber aufgebracht. Ist das eine linke Position? Wenn es nach Herrn Fleischhauer geht, wohl ja, aber Anzugträger und Karriereristen ziehen sich gegenseitig an, mich bringen sie eher auf Abstand. Wer echte Kompetenz innehat, benötigt keine Kultur – Kostüme. Bei Kompetenz geht es mir nicht um das alleinige Wissen über die Zusammenhänge, sondern menschlich kompetent ist für mich ein Mensch dann, wenn das Wissen zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Denn ohne diese Gemeinschaft ist er nichts. Fast nichts von dem, was mich umgibt, kann ich wirklich alleine herstellen oder in Gang bringen. Aktuell befindet sich die Automobilbranche in Nöten, weil die Pandemie und vermutlich auch einige Katastrophen den Nachschub an Computerchips zum Versiegen gebracht hat. Was wird aus dem viel gelobten Hightech – Plan, wenn Teile des Planeten unbewohnbar werden? Können sich die Industrieländer autark machen und auf all die Produktionsstätten verzichten? Wäre es nicht logischer, als wohlhabendes Land an der einen oder anderen Stelle zu verzichten, damit die ärmeren Länder weiter produzieren? Nur so ein Gedanke von mir.

Die Grundidee bei der Kritik besteht darin, dass Naturwissenschaften Erkenntnisse liefern, aber der Umgang damit von diversen anderen Faktoren abhängt. In Tschernobyl konnten die Naturwissenschaftler mit Sicherheit sagen, dass die ersten Einsatzkräfte nach kurzer Zeit sterben werden. Damit fanden die sich Zugunsten einer weit größeren Menge an Toten und Verstrahlten ab. An der wissenschaftlichen Erkenntnis gab es nichts zu deuten. Wir wissen, dass demnächst die giftigen Hinterlassenschaften des II. Weltkriegs nicht nur große Teile des Lebensraums Meer zerstören, sondern das Schweröl aus den Tanks Küstengebiete verseuchen wird. In der Ostsee hat dies bereits angefangen. Die Wissenschaft und Aktivisten haben darauf hingewiesen, oder anders: Das Wissen weiter gegeben. Vor der Aufgabe die Katastrophe abzuwenden stehen mehrere Staaten. Da es sich um Hinterlassenschaften aus dem II. Weltkrieg handelt, wird diskutiert, ob sie in der Verantwortung der Herkunftsstaaten der am Meeresgrund liegenden Schiffe mit Schweröl in den Tanks und Unmengen von versenkten TNT liegt, die “Zerstörer” der Schiffe und Entsorger der Kriegsmunition (Allierte) gefragt sind oder die von der eintretenden Katastrophe betroffenen Staaten sich selbst des Problems annehmen müssen. Tatsächlich geht es um die Kostenübernahme. Einige Länder setzen auf eine nachträgliche Säuberung der Küstenlinie, was dem Meer nicht hilft. Die Nordeuropäischen Staaten haben nach einer wissenschaftlichen und ökonomischen Berechnung erkannt, dass die Kosten bei einer zerklüfteten Küste extrem nach oben schnellen und eine Lösung am Meeresboden für sie günstiger ist. Wie beim Klima und der Zerstörung wird das Wissen hingenommen und ein anderer Faktor vorangestellt. Geld, welches zur Abwendung des ultimativ eintretenden Schaden investiert werden muss. Wie wahnsinnig es auch sei, im Gehirn des Menschen hat der temporäre Besitz und die Mehrung Vorrang.

Hiergegen treten Neubauer und Co an. Nicht nur, in der Kritik an andere und ihrem Verhalten, sondern auch bei sich selbst.

Kaum jemand spricht beim Thema Klima über die realen Konsequenzen. Damit meine ich nicht die, vor denen in jüngerer Vergangenheit weltweit die Opfer der Katastrophen in Australien, China, USA, Russland, Südostasien standen und nunmehr sich auch in Deutschland zeigen. Das gesamte aktuelle System, inklusive der dahinter liegenden Gedankengebäude und Urstrukturen des Menschen steht vor dem Ende. Der Versuch, sich den Folgen mittels Technologie entgegenzustellen, ist ein verzweifeltes Aufbäumen, welches geeignet ist, das System zu schützen, aber mit absoluter Sicherheit nicht das bestehende natürliche Lebenssystem Erde retten wird. Vielleicht überlebt der Mensch mittels Technologie zusammen mit einigen ihm genehmen Spezies, aber das ursprüngliche sich selbst tragende Lebenssystem geht drauf.

Die Wut und der Hass sind systemimmanent

Das Wachstum, Profite, ein Geldsystem, der Wohlstand, die grenzenlose Neugier des Menschen als unabänderlich zu sehen, die Sesshaftigkeit und die Folgen als Vorteil zu bezeichnen, sind neben diversen anderen Betrachtungen reine Ergebnisse des Großhirns, die auch vollkommen anders gesehen werden können. Glaubensgemeinschaften, indigene Völker, Nomaden, die sich bewusst dagegen entscheiden, sind der Beweis. Jeder der behauptet, die vorgenannten Verhaltensweisen sind die einzigen, zu denen der Mensch fähig ist, macht sich etwas vor und versucht irgendwie die eigene Entscheidung zu rechtfertigen. Wenn es denn überhaupt eine Entscheidung ist. Die Mehrheit der in industrialisierten Staaten lebenden Menschen treffen keine Entscheidung zwischen verschiedenen Ansätzen, sondern passen sich, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben ins vorgefundene System ein. Die Gemeinschaft der Amisch kennt die Zeit des “Rumspringa”, in der sich in der Gemeinschaft geborene Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr, nachdem sie eine Zeitlang außerhalb gelebt haben, für einen Beitritt entscheiden können.

Und nun kommen junge Menschen daher und stellen diese stets als Selbstverständlichkeit betrachteten Doktrin infrage. Schlimmer noch! Sie üben diese Kritik, während sie innerhalb dessen leben, was als das Nonplusultra ersehen wird. Sollen sie doch gehen! Wir leben in einem freien Land. Da gibt es einen Haken. Die dominante Lebensweise und Anschauung zerstört langfristig alle anderen Optionen. Es ist quasi eine feindliche Übernahme aller anderen Lebenssysteme, die mit einer Art Heilsversprechen verknüpft wird. Mich erinnert dies an die alten christlichen Missionare oder die brutale Zeit, in der in Europa zwischen dem wahren Glauben und der Ketzerei unterschieden wurde. Was die jungen Klimaaktivisten betreiben kommt der Blasphemie gleich. Wie wütend Rechtgläubige darauf reagieren, wissen wir aus der Geschichte. Blasphemie und Ketzerei gefährden nach dem Glauben alle, weil sie das Göttliche, hier den “Freien Markt”, “das Wachstum und den Fortschritt”, herausfordern bzw. anzweifeln.

Die Aussagen, das pure Wissen, der Naturwissenschaftler anzuzweifeln ist vor dem Stand der Wissenschaft, in dem die Quanten – Physik entwickelt wurde, Wissen um den Aufbau von Atomkernen erlangt wurde und Teilwissen über die Zusammenhänge im Universum besteht, vollkommen irrational und geht damit in Glauben über. Bei Glaubensfragen wird es traditionell kompliziert und häufig aggressiv. Aus der Kirche des “Mammon” selbst heraus wird Kritik geübt. Das entspricht Mitgliedern der katholischen Kirche, die vom Papst bis hin zum gesamten Klerus, alles infrage stellen. Wen wundern da noch die Reaktionen auf FFF, Neubauer, Greenpeace u.a.? “Alles was nicht konservativ ist links.” Ja, und alles, was nicht der Linie der Katholischen Kirche folgt, ist Ketzerei.

Januar 25 2020

Randgruppe – ein harmloses Wort?

Lesedauer 6 Minuten

Kürzlich fragte mich ein Leser meines BLOG in einer Mail, ob ich mir mal Gedanken über den in letzter Zeit häufig zu lesenden Begriff «Randgruppe» gemacht hätte, und ob dies nicht etwas für meinen BLOG wäre. Ich muss zugeben, dass ich mir bisher keine Gedanken darüber gemacht hatte.

Warum eigentlich nicht?

Zunächst einmal setzt sich das Wort wie so häufig aus zwei Bestandteilen zusammen. Eine unbestimmte Zahl an Individuen wird unter Anwendung von einem oder mehreren Kriterien zu einer Gruppe zusammengefasst. Im Prinzip wird die Datenbank «Gesellschaft» mittels eines Suchkriteriums abgefragt und alle Treffer zu einer Gruppe zusammengefügt. Damit gibt das Kriterium einen Hinweis auf denjenigen, welcher die Abfrage startete. Und weil menschliches Handeln immer ein Motiv erfordert, gibt es auch eine Information, wohin die Reise gehen soll. Doch was stellt den Rand dieser Gruppe dar? Offensichtlich ist keine andere Gruppe gemeint, sondern Individuen, die noch gerade mal so den Suchkriterien genügen.

Die Kombination wirkt meistens ein wenig herabwürdigend. Menschen wollen grundsätzlich einer Gemeinschaft zugehörig sein. Gemeinschaft wird in der Regel etwas unscharf mit Gruppe gleichgesetzt. Wer will schon in einer Gruppe an den Rand gedrängt werden?

Sich dort zu befinden, bedeutet beinahe schon, nicht mehr dabei zu sein oder die Notwendigkeit, sich in die Mitte zurückzukämpfen. Eine angenommene Randgruppe der Gesellschaft ist gedanklich mit einer Irrelevanz konnotiert. Die Priorität des politischen Handelns liegt im Zentrum der Gruppe, dort wo alle Kriterien zu 100 % stimmig sind. In der Regel wird sich derjenige, welcher von einer Randgruppe spricht, im Zentrum wähnen.

Besonders störte S. (mein Mitleser), dass beispielsweise Obdachlose, sozial geächtete Drogenabhängige, in der Presse und in politischen Aussagen zur Randgruppe deklariert werden. Nehme ich das Abfragekriterium: «Zeige mir alle auf dem politischen Gebiet Deutschland lebenden Personen!», sind sie Mitglied der Gruppe. Im nächsten Schritt könnte ich analysieren, wer in dieser Gruppe sozial verträglich Drogen konsumiert (unauffällig lebende Alkoholiker, Tablettenabhängige, beruflich erfolgreiche Kokain Konsumenten, Psychopharmaka Missbrauch pp.). Außerdem müsste ich mir anschauen, wer sich in das System passend eingefügt hat und eine Bleibe hat. Hiernach kämen die Fragen nach den Personen, welche sich außer Stande sahen, sich in das bestehende System einzufügen und so ihr Obdach verloren. Die Gründe können vielfältig sein. Dann wären jene zu betrachten, die aufgrund der Drogensucht nicht mehr an einem Leben teilnehmen, welches im Zentrum als lebenswert betrachtet wird. Aber immerhin befinden sie sich immer noch in meiner künstlich erstellten Abfragegruppe.

Bewege ich mich in der gedanklichen Praxis einer Gruppenunterteilung, ist per Logik zwingend die Existenz anderer Gruppen anzunehmen. Gehe ich nicht vom Rand einer Gruppe aus, sondern eröffne neue Gruppen, die ich als Randgruppen definiere, ergibt sich ein anderes Bild.

Ich verfüge nun über eine Gesamtgruppe (Gesellschaft), eine Hauptgruppe (etablierte und erwünschte Lebensweise – Zielgruppe des Abfragenden) und diverse Randgruppen, welche lediglich Teilkriterien erfüllen (Obdachlose, Junkies, Autonome, Anarchisten).

Unbestreitbar leben wir in einer inhomogenen Gesellschaft, die aus zahlreichen Gruppen besteht, die je nach Analyse Überschneidungen aufweisen. Doch es wird halt nicht von gleichberechtigten Gruppen ausgegangen, sondern es erfolgt eine Bewertung, u.a. nach der Anzahl der Mitglieder. Je größer die Anzahl um so gesellschaftlich relevanter ist sie. Dies klingt beinahe nach einem demokratischen Prinzip. Die Mehrheit bestimmt, was geschehen soll.

Doch basiert die Bewertung tatsächlich auf der Anzahl der Individuen? Die FDP eröffnet beispielsweise eine Gruppe «Leistungsträger». Es scheinen Personen mit einem guten Bildungsstand gemeint zu sein, die in unterschiedlicher Art und Weise Geld umsetzen. Von einem Mehrwert für die Gesamtgruppe ist hierbei noch nicht die Rede. Objektiv betrachtet leistet eine Krankenschwester mehr für die diese übergeordnete Gruppe, als ein Investmentbanker. Und obwohl sich in dieser seitens der FDP eröffneten Gruppe wenige Personen befinden, wird eine besondere Bewertung bzw. Privilegierung eingefordert. Dies setzt die anderen Gruppen im Ranking herab.

Die Union erzeugt eine Gruppe, in der sich alle befinden, die sich an der althergebrachten deutschen Moral und den Werten des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientieren. Weiterhin Personen, die das feste hierarchische Gefüge aus der Zeit der industriellen Revolution akzeptieren. Für sie soll in der Bundesrepublik Deutschland die Politik gestaltet werden. In ihr befinden sich auch Beschäftigungslose, Drogenabhängige, insofern sie die moralischen Vorgaben akzeptieren und sich selbst als gescheitert definieren (Schuld auf sich geladen haben). Alle anderen werden in untergeordnete Gruppen verschoben. (Sozialisten, Kommunisten, GRÜNE, linksversiffte, Intellektuelle pp.) Ein wesentlicher Bestandteil des Gruppendenkens besteht darin, dass das Individuum gegenüber der übergeordneten Gruppenmoral, die ein höherrangiges Gesamtinteresse inne hat, zurückzutreten hat. Alles was der Mehrheit dient, ist zulässig, während im Zweifel die Rechte des Einzelnen, also wenn dadurch ein Vorteil für die anderen entsteht, einzuschränken sind.

Es geht somit nicht um gleichberechtigte Gruppen. Sie befinden sich teilweise in Konkurrenz zueinander. Die größeren Gruppen ersehen sich egozentrisch als die maßgebliche Hauptgruppe und umso kleiner die Anzahl der Mitglieder und das vermeintliche Ranking anderer Gruppen ist, desto höher wird das Risiko, das Label «Randgruppe» zu erhalten. Hieraus ergibt sich auch der Umstand, dass diese Gruppen nicht an der politischen Gestaltung beteiligt werden. Die Finanzkraft einer kleinen Gruppe hebt alles auf. Personell eigentlich eine Randgruppe, wird sie durch die Kaufkraft zu einer politisch relevanten Gruppe.

Eine extreme Erscheinungsform des Gruppenprinzips ist das «Völkische Prinzip». Aus allen existierenden Gruppen wird mit physikalischer oder psychischer Gewalt eine große homogene Gruppe erstellt, in der «kameradschaftliche» Prinzipien herrschen. Über ihr existiert eine Führungsperson oder Clique, die die Ausrichtung vorgibt. Spätestens hier beginnen die Probleme, welches dieses Gruppenprinzip mit sich bringt.

Group – Thinking, Gruppenmoral, Gruppendruck, kommen zum Tragen. Hierzu gibt es diverse Untersuchungen. Werden die sich negativ auswirkenden Aspekte nicht berücksichtig, kommt es zur Katastrophe. Wenn das Individuum nicht mehr seinen Anteil am Gesamtgeschehen erkennen kann, endet die Verantwortungsübernahme und damit auch die Freiheit.

Wer von Randgruppen spricht, akzeptiert eine Gesellschaft, welche zum Zwecke einer besseren Administration in Gruppen aufgeteilt wird. Eine, in der ein Einzelner einen erheblichen Aufwand betreiben muss, um ein freies Leben zu führen. Wer seine Freiheit lebt, landet schnell in einer dieser geschmähten Randgruppen und damit im Abseits.

Nach 1945 wurde dies in Bezug auf die zurückliegenden Jahre des Nationalsozialismus und der Perioden, die dort hinführten, seitens der “Neuen Frankfurter Schule” intensiv betrachtet. Hinzugefügt wurde das in Deutschland, wenigstens bis in die 2000er Jahre andauernde ausgeprägte patriarchalische Hierarchiesystem. Dabei ist es unwichtig, ob sich eine Frau an der Spitze befindet, wenn sie starre Über- /Unterordnungsverhältnisse, die mit Machtmitteln verteidigt werden, favorisiert. Individualität, stetig wechselnde Gruppen, dynamische Zugehörigkeiten und situative Hierarchien, vertragen sich nicht mit autoritären Systemen. Doch genau zum Gegenteil neigen die Deutschen (Nicht nur die, aber ich bin nun mal Deutscher und kehre vor der eigenen Tür).

Auch die aktuelle Ausgestaltung des Kapitalismus ist im Grunde genommen ausschließlich mit dieser Praxis des Bildens von festen Gruppen (Zielgruppen, Leistungsträger, bezeichnete Konsumentengruppen, Manipulationsansätze/PR/Werbung,pp.) denkbar. Z.B. werden ehemals gesellschaftlich identitätsstiftende Faktoren, wie Bildung, Lebensleistung, Vorreiterrollen, spirituelle Tiefe, durch ästhetische (im philosophischen Sinne) Bedürfniserfüllung, käufliche Statussymbole, welche seitens der Gruppe akzeptiert werden, ersetzt. Man nehme beispielsweise einen qualitativ hochwertigen Sportschuh ohne eine in der Gruppe “Prekariat” akzeptierte Markenbezeichnung und versuche ihn dort zu verkaufen – keine Chance!

Zuvor wurde einiges an Aufwand betrieben, um die Herrschaft über das Gruppenbedürfnis zu bekommen, welches den Absatz eines minderwertigen Produkts ermöglicht. Was in der Wirtschaft funktioniert, klappt auch politisch. Seitens der Populisten wird gezielt auf das Gruppendenken eingewirkt, der wiederum in einem Druck auf das Individuum mündet. Die Überzeugung des einzelnen Wählers, die harte Argumente erfordert, ist nicht mehr notwendig. Am Ende verwischen sich die Grenzen zwischen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Interessen und die Demokratie wird zur Illusion.

Journalisten und Politiker, die in diesen Kategorien denken, geben ihre eigene Gruppenherkunft zu erkennen. Die sich dort in den Randgruppen befinden, haben nicht passenden Stallgeruch. Sie gehören nicht dazu und werden deshalb von außerhalb her betrachtet.

Und hier schlage ich den Bogen zu den Obdachlosen und sozial ausgestoßenen Drogenabhängigen. Ich betone es immer wieder. Jeder ist ein Teil des Ganzen und damit ist es auch anteilig in jedem Individuum vorhanden. Der Weg in eine dieser angenommenen Randgruppen, ist bisweilen ein sehr kurzer. Eine Scheidung, unglückliche Begleitumstände, eine Fehlinvestition, ein Schicksalsschlag und der Abstieg beginnt. Mit Sicherheit ist eine Gruppierung im administrativen Handeln an vielen Stellen notwendig. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich dies ins alltägliche Leben eingliedern muss. Menschen haben eine individuelle Kennzeichnung, die sich in einem Namen, Geburtsdatum und vor allem individueller Existenz spiegelt.

Ich selbst gehe immer mehr dazu über, Gruppenbezeichnungen zu umgehen. Zugegeben, es gelingt mir nicht jedes Mal. Doch die Wirkung ist interessant. Rechts, links, konservativ, Hartz IV, obdachlos, die Arbeiter, die Leistungsträger, die Kriminellen, all dies sind Label. Dabei macht es einen Unterschied, ob sich jemand freiwillig und öffentlich selbst einer Gruppe zuordnet (Partei – o. Vereinsmitgliedschaft, Religionszugehörigkeit, Orientierung in eine bestimmte Richtung der Pressearbeit, investigativ, populär, Boulevard, bezahltes PR Abhängigkeitsverhältnis (WELT, BILD, FOKUS, NZ), oder von fremder Seite her, ein Label aufgedrückt bekommt. Flüchtlinge, Asylanten, Ausländer, Hartz IV, Drogenabhängige, können sich schwer dagegen wehren.

Manch einer, der ein völkisches Gesellschaftssystem und eine nach außen abgeschottete Ordnung favorisiert, versteckt sich geschickt hinter einem an sich unpassenden Label. Mir fallen in der Politik spontan einige Personen ein, die aufgrund ihrer narzisstischen oder gar psychopathischen Struktur, überhaupt nicht in die Schublade passen, in die sie sich gelegt haben.

Lieber S., aus meiner Sicht heraus, stößt Du Dich vollkommen zu Recht an dem Begriff Randgruppe. Aber auf der anderen Seite, finde ich es gut, wenn Leute das Wort verwenden. Jedes Wort, welches ich verwende, gibt eine Information über mich an die Außenwelt weiter. Hinzu kommt, dass es sehr verräterisch ist, wen ich in eine Randgruppe einsortiere. Gerade in einer Zeit, in der sich Politik und Journalismus im Lobbyismus, Geld, negativer Manipulation zugunsten eines außer Kontrolle geratenen Wirtschaftssystems, welches Demokratien kauft, verlieren, ist jede Information, über den Standort wichtig.

November 22 2019

Im Wendekreis des Zwiebelfisches

Lesedauer < 1 Minute

Teil I meines Buchprojekts ist abgeschlossen. Das vorläufige Manuskript steht. Immer wieder neu auf eine Fehlersuche zu gehen, bringt nichts mehr. Ich habe mein “Baby” ein paar Leuten zum Lesen gegeben und erwarte von denen noch ein Feedback. Danach werde ich auf die hoffnungsvolle Suche nach einem Lektorat und einem Verlag gehen. Wer etwas passendes kennt, darf sich gern – bitte – bei mir melden.

Vorab stelle ich den vorläufigen Prolog online, der eine Auskunft gibt, worum es geht. Ich ziehe nach dreissig Jahren Kriminalpolizei aus mehreren Perspektiven Bilanz. Darüber hinaus beschreibe ich, wie ich nach diesen Jahren, als gelernter Polizist, die Welt, die Gesellschaft und den weitere Werdegang von beiden einschätze. Für die berühmten Zeilen dazwischen habe ich mir das Ziel gesetzt, einen Einblick in das Innenleben eines Berliner Kriminalbeamten im Jahr 2019 zu geben. Mir geht es dabei weniger um die Auffassungen, sondern mehr um die Tatsache, dass bei der Polizei durchaus nachgedacht wird. Weit über die üblichen Klischees hinaus.

Wer meinen BLOG schon ein paar Male besucht hat, weiß um mein Fremdschämen, wenn sich Polizisten in merkwürdige politische Law & Order Positionen hinein begegeben, stets neue Gesetze, Techniken und Überwachungen einfordern. Eins kann ich vorab kund tun: Es sind keine Interna zu erwarten, die unbefugte Personen unnötig schlau werden lassen oder Anlass für neugierige Fragen geben könnten. Solche Aktionen überlasse ich Ausschüssen, Gewerkschaftlern und Personalräten. Dennoch gehe ich auf Dinge ein, die bereits an unterschiedlichsten Stellen beschrieben wurden. Da ich aber viele Hintergründe kenne, habe ich eigene Interpretationen. So genug der Ankündigungen von dem, was alles noch nicht online ist. Ich lasse lieber meine Worte sprechen.

Bereits beim Prolog bin ich für jeden Kommentar und kritische Auseinandersetzung offen. Denn hierfür habe ich dieses Buch geschrieben. Wie es weiter geht, wird sich noch zeigen.

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